Titelbild zu Directive 8020 von Supermassive Games

Directive 8020

Egal ob nun Until Dawn, The Quarry oder die verschiedenen Titel der Dark Pictures Anthology-Reihe, wie Man of Medan, Little Hope oder zuletzt The Devil in Me – Supermassive Games liefert seit Jahren konstant ab im Bereich der cineastisch-inszenierten Horror-Erfahrungen, die man gleichzeitig perfekt im Coop-Modus erleben kann. Die Dark Pictures Anthology scheint in der bisherigen Form nun abgeschlossen zu sein, mit Directive 8020 erscheint nun aber das nächste Dark Pictures-Spiel. Auf der gamescom im vergangenen Jahr durften wir darauf bereits einen ersten Blick werfen, am besten funktionieren die Spiele von Supermassive aber in ruhiger und abgedunkelter Umgebung und deshalb habe ich zuhause die Vorhänge zugezogen und mich ins nächste Abenteuer des britischen Studios gestürzt.

Wie auch zuletzt in Aphelion ist die Erde durch Naturkatastrophen und Klimawandel nicht mehr lange bewohnbar und deshalb sucht die Menschheit nach alternativen Planeten, die man besiedeln könnte. Die Crew des Raumschiffs Cassiopeia wird deshalb zum 12 Lichtjahre entfernten Planeten Tau Ceti f geschickt, um herauszufinden, ob dieser bewohnbar ist, doch schon im Tutorial des Spiels geht dabei einiges schief: ein Meteorit trifft und beschädigt das Schiff, die Schlaftechnikerin Pari Simms scheint plötzlich nicht mehr sie selbst zu sein, greift ihren Partner Tomas Carter an und nach und nach passieren immer mehr seltsame Dinge. Wie auch schon in den restlichen Supermassive-Titel liegt es dabei in eurer Hand, wie sich die Story entwickelt und natürlich auch, wer am Ende lebend aus der Sache herauskommt.

Ganz gewohnt steht dabei der narrative Teil des Spiels an erster Stelle und Directive 8020 ist mehr spielbarer Film, als eine intensive Gameplay-Herausforderung. Ihr müsst zwar immer wieder Quick Time Events absolvieren, kleine Skillchecks abschließen, Codes für verschlossene Bereiche finden und an manchen Stellen vor Gefahr flüchten, richtig viel Skill am Pad verlangt das Spiel aber nie von euch. Lediglich die Schleichpassagen sind etwas anspruchsvoller, mit genug Geduld sind aber auch die recht einfach geschafft und teilweise haben sie das Spiel für mich etwas zu sehr in die Länge gezogen. Im Grunde wartet ihr nämlich nur ab, dass sich eine Person oder ein Gegner von euch wegdreht, damit ihr zum nächsten Unterschlupf laufen könnt. Nur eine Passage, in der euch ein zweiter Charakter durch ein Gebiet lotst, hat sich da für mich hervorgehoben, weil es dadurch etwas spannender wurde.

Wobei es nicht wirklich ein spielbarer Film ist, sondern diesmal eher eine spielbare Serie. Jedes der 8 Kapitel steht dabei einigermaßen abgegrenzt für sich und endet meist mit einem kleinen Cliffhanger, ehe das nächste Kapitel mit einem Zeitsprung startet, der euch einige Stunden in die Zukunft versetzt. Dort seht ihr dann Ereignisse, die euch einerseits in eurer eigentlichen Handlung lotsen können, andererseits teilweise auch auf eine falsche Fährte führen. Dieses Stilmittel hat mir beim Spielen extrem gut gefallen und ich finde generell, dass Supermassive Games mit Directive 8020 zumindest narrativ einen Schritt in die richtige Richtung gegangen ist. Die Story nimmt am Ende noch mal extrem Fahrt auf, nimmt dabei noch einige überraschende Wendungen mit und hat mich dabei wirklich sehr gut unterhalten.

Wie immer gilt aber auch in Directive 8020: seht euch genau in eurer Umgebung um, um nichts Wichtiges zu verpassen. In jedem Kapitel gibt es verschiedene Collectibles, die euch entweder als Spieler*in mehr Einblick in die Handlung und die Motivation der Charaktere geben, oder aber auch wichtige Erkenntnisse für die Crew bringen, die im späteren Spielverlauf noch wichtig sein könnte. Um euch das Leben etwas leichter zu machen, habt ihr einen Umgebungs-Scanner, der Dinge highlighten kann bzw. zeigt euch das Spiel Gegenstände, mit denen ihr interagieren könnt, an, wenn ihr nah genug dran seid. Obwohl wir im Coop zu zweit sehr aufmerksam durch die Abschnitte gegangen sind und euch das Spiel auch immer anzeigt, wenn ihr einen Bereich unwiderruflich verlasst, haben wir bei weitem nicht alles entdeckt und auch einige wichtige Hinweise nicht direkt im ersten Anlauf gefunden.

An bestimmten Stellen im Spiel, müsst ihr außerdem Entscheidungen treffen, die sich sowohl auf den Verlauf der Story, als auch auf die Persönlichkeit eurer Charaktere auswirken. Während es bei diesen Turning Points kein absolutes „Richtig oder Falsch“ gibt und auch nicht immer direkt erkennbar ist, welche Auswirkungen manche Entscheidungen später haben könnten, sind diese teilweise echt nicht ohne. Ich musste etwa relativ früh entscheiden, ob ich die Energie des Schiffs vom Autopilot oder den Feuerlöschern abzapfe und sagen wir mal so – vielleicht habe ich da nicht die beste Entscheidung für eines meiner Crew-Mitglieder getroffen. Gleichzeitig hat jede Figur zwei Charakter-Werte, die durch Entscheidungen steigen oder fallen und die bestimmen, wie sich der Charakter an bestimmten Stellen im Spiel verhält.

Anders als in den bisherigen Dark Pictures-Spielen habt ihr in Directive 8020 von Anfang an die Möglichkeit eure Entscheidungen oder bestimmte Ereignisse mit einer Rewind-Funktion direkt zurückzuspulen. Stirbt ein Charakter, könnt ihr über einen Entscheidungsbaum nach hinten scrollen und an einer bestimmten Stelle der Story wieder einsteigen, um Aktionen anders auszuführen und so den Ablauf der Geschichte zu ändern. Wie viele Entscheidungen und Ausgänge es dabei gibt, wird durch diese Ansicht sehr viel besser ersichtlich und es ist spannend zu sehen, welche Kleinigkeiten welche Auswirkung haben könnten. Wenn ihr wollt und lieber mit euren Entscheidungen lebt, könnt ihr diese Funktion aber durch den Schwierigkeitsgrad auch deaktivieren. Zumindest, bis ihr das Spiel zum ersten Mal durch habt.

Eine Sache, die mir persönlich sehr gefehlt hat zum Launch und die auch im Spiel an manchen Stellen sehr viel mehr Sinn gemacht hätte, ist der Online Coop-Modus. Aktuell könnt ihr das Spiel nur im Singleplayer oder bis zu fünft im Couch Coop spielen, wobei bei letzterem allen Spieler*innen bestimmte Charaktere zugewiesen werden können und diese dann abwechselnd dran sind. Eine Sache, die mir an den Dark Pictures-Titeln immer besonders gut gefallen hat, war gleichzeitig Handlungen durchzuführen, die teilweise auch innerhalb der Story parallel ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen, ohne sich dabei abzusprechen. Die Coop Erfahrung hat trotzdem Spaß gemacht und ich glaube vor allem zu fünft funktioniert das richtig gut, bei einigen Situationen im Spiel hätte der bisherige Online-Modus aber wesentlich mehr als Sinn gemacht und ich hoffe, dass das bereits angekündigte kostenlose Update diesen noch nachreicht.

Supermassive Games nutzt in Directive 8020 zum ersten Mal die Unreal Engine 5, nachdem bisher noch die UE4 zum Einsatz kam und wie immer bin ich sehr zwiegespalten, was die Engine angeht. Vor allem die verschiedenen Figuren sehen realistischer aus als in allen bisherigen Dark Pictures-Spielen und in Zusammenspiel mit der extrem gut gelungenen Synchro wirkt das Spiel in manchen Szenen wirklich schon wie ein Film. An anderen Stellen gibt es dann allerdings wieder Probleme mit nachladenden Texturen, Schlieren in Bewegungen und Artefakte an beleuchteten Stellen. Nachdem ich das Spiel für die zweite Spielsession im Quick Resume hatte, gab es in einer Szene extreme Ruckler, die vor allem für Quick Time Events nicht förderlich sind und an einer Stelle blieb das Gesicht von einer Figur im geschockten Zustand stecken, was zu unfreiwillig komischen Situationen führte. Für meinen Geschmack sind im Spiel etwas zu viele Kamerablenden zwischen kurzen Situationen, insgesamt war ich aber mit der Performance großteils sehr zufrieden.

// Directive 8020 baut auf den richtigen Erfahrungen der Vorgänger-Titel auf und rausgekommen ist dabei eine richtig unterhaltsame Horror-Erfahrung, bei den neuen Ideen ist aber nicht jeder Punch ein kompletter Volltreffer. //

Die Dark Pictures Anthology-Serie ist tot, lang lebe das Dark Pictures-Franchise. Der Untertitel „A Dark Pictures Game“ ist definitiv nicht zufällig gewählt und trotzdem markiert das Spiel eine gewisse Neuausrichtung für Supermassive Games. Die Stärken – eine spannende Story, sehr gute schauspielerische Leistung und interessante Entscheidungspfade – werden um sinnvolle Mechaniken wie die direkte Rewind-Funktion erweitert und die Aufteilung in Serien-artige Kapitel hat mir auch richtig gut gefallen. Directive 8020 baut auf den richtigen Erfahrungen der Vorgänger-Titel auf und rausgekommen ist dabei eine richtig unterhaltsame Horror-Erfahrung, bei den neuen Ideen ist aber nicht jeder Punch ein kompletter Volltreffer: die Schleichpassagen sind vor allem zum Ende hin etwas zu zäh, ein Ticken weniger Kamerablenden hätte mir auch besser gefallen und den Online Coop-Modus habe ich wirklich schmerzlich vermisst. Am Stück oder in 2 Sessions durchgespielt hat mich das Spiel aber wirklich sehr gut unterhalten und die Story mehrmals überrascht, wer auf Space Horror steht, hat hiermit also bestimmt eine mehr als gute Zeit.

3,5 von 5 Wertung für Directive 8020 von Supermassive Games
3,5 von 5 Bonsai.

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