2020 erschien mit Gloomy Eyes ein insgesamt 30-minütiger Animationsfilm von Fernando Maldonado und Jorge Tereso, co-produziert von ARTE, der seine Premiere am Sundance Film Festival 2019 feierte. Das ganze war in 3 Kapitel à 10 Minuten aufgeteilt und das Besondere an diesem Film war, dass er als VR-Experience erschien, die man sich bis heute entweder auf YouTube ansehen bzw. auf Steam und im Oculus Store herunterladen kann. Der Film erhielt u.a. eine Auszeichnung als „Best VR experience“ beim Annecy International Animation Film Festival 2019 und erzählte eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, rund um den Zombiejungen Gloomy und das Mädchen Nena, die in der englischen Sprachausgabe von Colin Farrell erzählt wurde. Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gegangen und aus Gloomy Eyes wurde 2025 nun ein Videospiel, das für PC und Konsolen erscheint und ebenfalls wieder in Zusammenarbeite mit ARTE entstanden ist. Nehmt das „Videospiele sind keine Kunst/Kultur“-Hater!
Auch in der Videospiel-Adaption von Gloomy Eyes wird die Geschichte von Gloomy und Nena erzählt: beide leben in einer Welt, in der die Sonne niemals aufgeht und Zombies die Welt überrannt haben. Gloomy ist eines Tages aus seinem Grab wiederauferstanden und Nena fristet Hausarrest im Haus ihren Onkels. Nenas Onkel, der Priester, macht mit seiner Gefolgschaft währenddessen gegen die Zombies mobil und versucht die Erde von diesen zu erlösen, allerdings mit drastischen Mitteln, die Nena so nicht akzeptiert. Sie entschließt sich dazu, von zuhause auszureißen und trifft auf ihrem Fluchtversuch Gloomy, der ihr gegenüber keinerlei Anstalten zeigt, sie anzugreifen oder ähnliches. Das ungleiche Paar macht sich also gemeinsam auf die Suche nach der Sonne, um die Erde wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Die Story selbst hat mich dabei rund 4 Stunden beschäftigt, wenn ihr alles im Spiel finden wollt, könnt ihr 14 Kapitel aber auch jederzeit einzeln neu starten und euch noch einmal genau umsehen. Damit seid ihr locker noch mal 2 – 3 Stunden länger beschäftigt und auch ich habe noch ein paar Geheimnisse auf meiner Liste offen.

Gloomy Eyes wird dabei als „Solo-Koop“-Abenteuer gespielt, in dem ihr jederzeit zwischen Gloomy und Nena wechseln könnt, wenn diese nicht gerade alleine unterwegs sind. Beide können dabei auf unterschiedliche Fähigkeiten zurückgreifen: während Nena geschickt über Abgründe springen, Leitern hochklettern, verschiedene Schalter betätigen und durch Licht gehen kann, ist Gloomy eher der Zombiejunge fürs Grobe und wirft Gegenstände, schiebt schwere Hindernisse aus dem Weg und kann sich ohne Probleme an Zombies vorbeischleichen, ohne dabei direkt attackiert zu werden. Lichtquellen hingegen sollte Gloomy komplett meiden, da er darin in kurzer Zeit K.O. geht, während Nena nicht in die Nähe von Zombies kommen sollte, da diese ihr direkt ans Leder wollen. Sowohl Lichtquellen, als auch die Zombies haben dabei einen praktischen Radius sichtbar, damit ihr mit beiden genau wisst, wie weit ihr gehen dürft, ohne zum letzten Checkpoint zurückgesetzt zu werden. Diese sind allerdings über den gesamtem Spielverlauf sehr freundlich gesetzt und führen dabei zu wenig Frusterlebnissen, wenn mal ein Versuch schief gehen sollte.
Die Kombination der beiden Fähigkeiten müsst ihr dabei gekonnt nutzen, um die diversen Rätsel und Hindernisse in den 14 Kapiteln zu überwinden. Hier müssen dann teilweise Dinge verschoben werden, um neue Wege zu öffnen, Aufzüge so genutzt werden, dass ihr beide Charaktere ans Ziel bringt, den Handlangern von Nenas Onkel ausgewichen und diesen teilweise auch Schlüssel abgenommen werden und ans Ziel kommt ihr jeweils nur, wenn ihr die Fähigkeiten und Vorteile von beiden Charakteren ausnutzt. Der Solo-Koop funktioniert dabei per Knopfdruck und das auch ohne nervig-lange Wartezeit, irgendwie hatte ich aber auch immer wieder das Gefühl, als wäre das Spielerlebnis noch spaßiger, wenn man es tatsächlich zu zweit erleben könnte, wie etwa in It Takes Two. Vor allem, wenn ihr am Ende eines Levels mit beiden Charakteren den selben Weg zwei Mal ablaufen müsst, um das Kapitel zu beenden, vergeht hier einfach nur mehr Zeit als nötig, da ihr nicht beide Charaktere gleichzeitig steuern könnt. Der Aspekt fühlt sich ein bisschen so an, als wäre die Idee nicht komplett zu Ende gedacht worden, auch wenn das eigentliche Gameplay in den Levels perfekt alleine funktioniert.

Die Rätsel in Gloomy Eyes sind dabei nie übermäßig schwer und der Weg durch die Levels lässt sich eigentlich immer recht schnell finden. An ein paar Stellen musste ich zwar etwas länger überlegen, um auf die Lösung zu kommen, so richtig ratlos war ich aber zum Glück nie. Vor allem in dem Kapitel, in dem man mit den beiden Protagonist*innen ein Boot neu zusammenbauen und dafür verschiedene Aufzüge über mehrere Ebenen schicken muss, bin ich ein bisschen öfter hin und her gelaufen, als nötig, am Ende konnte aber auch das Rätsel mich nicht davon abhalten Gloomy und Nena an ihr Ziel zu bringen. Aufgelockert wird das Spiel dabei auch zwischendurch von kleinen Boss-Kämpfen, in denen Gloomy in seine wütende Form wechselt. Auch diese Passagen stellen keine riesig große Herausforderung dar, sind aber eine willkommene Abwechslung zwischendurch und frischen den Gameplay-Loop etwas auf, bevor es mit dem nächsten Rätsel weitergeht. Die Steuerung ist dabei relativ simpel gehalten und das Spiel lässt sich im Grunde mit dem linken Stick und zwei Aktionsbuttons einfach bedienen.
Die Levels sind dabei, wie auch schon in der VR-Vorlage, als einzelne Dioramen gebaut, die ihr per Knopfdruck auch jederzeit von außen betrachten könnt. So könnt ihr nicht nur das Level herausgezoomt betrachten und es nach Lust und Laune drehen, um eventuell neue Wege oder auch versteckte Gegenstände zu finden, sondern die Mechanik macht auch optisch einiges her. Im Spiel selbst verfolgt die Kamera eure Charaktere dabei ebenfalls immer aus einer Sicht, die rund um das Level schwenkt und man merkt, dass die Vorlage aus dem Film-Bereich kommt bzw. hier ganz bewusst mit verschiedenen Kamera-Einstellungen gespielt wurde. Das macht teilweise auch das Finden der versteckten Wege bzw. Gegenstände gar nicht so einfach, da ihr die Kamera nicht einfach frei um euch drehen könnt und die geheimen Pfade dadurch gar nicht so einfach zu erkennen sind. Wenn ihr am Ende also in jedem Level das Memento und den Grabwärter, der im englischen diesmal von Eric Nolan gesprochen wird, der ebenfalls einen wundervollen Job macht, finden wollt, lohnt es sich nicht nur optisch auch mal in die Diorama-Ansicht zu wechseln.

Optisch erinnert der Stil von Gloomy Eyes natürlich im ersten Moment stark an gefeierte Tim Burton-Klassiker wie Corpse Bride oder Frankenweenie, hat aber insgesamt seinen ganz eigenen Charme, der schon im VR-Kurzfilm begeistern konnte. Natürlich funktioniert der gruselige aber auch gleichzeitig niedliche Stil, der liebevoll als „Cozy Horror“ bezeichnet wird, auch genau so gut in der Videospiel-Umsetzung. Das Belgische Studio Fishing Cactus hat hier gemeinsam mit der Produktionsfirma Atlas V auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet dieses Universum so in Videospielform einzufangen und bis auf ein paar Schattenartefakte, die noch etwas unsauber waren, sieht das Spiel am Ende genau wie das aus, was es ist: ein spielbarer Animationsfilm. Dieses Erlebnis wird dabei auch nicht durch Ruckler oder andere Probleme grob beeinträchtigt und selbst, wenn man einmal in der Umgebung stecken bleibt, was mir in meinem Playthrough aber auch nur ein Mal passiert ist und ich sonst keine Abstürze oder Bugs feststellen konnte, kann man jederzeit den letzten Checkpoint laden und genau dort weitermachen, wo man aufgehört hat.
„Gloomy Eyes bietet eine liebevoll inszenierte Erfahrung und ein einzigartiges Spielerlebnis, das durch seine Solo-Koop-Mechanik clevere Rätsel bietet, die euch aber nie vor unlösbare Aufgaben stellen werden.“
Nachdem ich auf der gamescom letzten Monat leider keine Zeit mehr gefunden hatte Gloomy Eyes in der Indie Arena Booth selbst anzuspielen, war ich umso gespannter, wie es sich am Ende des Tages – oder aller Tage – spielen würde. Der Look hatte mich von Anfang an schon abgeholt und auch die Charaktere hatte ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Nachdem der Start sich noch mehr auf die Story fokussiert hat, hier aber schon von Anfang an mit einem tollen Erzähler punkten kann und euch sachte ins Spielgeschehen einführt, hatte ich viel Spaß mit den Rätseln und der Story. Gloomy Eyes bietet eine liebevoll inszenierte Erfahrung und ein einzigartiges Spielerlebnis, das durch seine Solo-Koop-Mechanik clevere Rätsel bietet, die euch aber nie vor unlösbare Aufgaben stellen werden. Ein bisschen mehr Feinschliff der Mechanik wäre aber sicher nicht schlecht gewesen, vor allem wenn man Wege unnötigerweise doppelt auf sich nehmen muss. Die Dioramen der Levels bzw. generell die Levels und Figuren sind optisch richtig schön und entsprechen bis auf ein paar Schatten-Artefakte mindestens der Qualität der VR-Vorlage. Für mich hätten die Rätsel noch etwas schwerer sein dürfen, als cozy Horror-Erfahrung zwischendurch ist das Spiel aber wirklich eine sehr schöne Erfahrung gewesen und ich hatte eine gute Zeit mit dem Titel.


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