Titelbild zu Luto von Broken Bird Game und Selecta Play

Luto

Vielleicht kennt ihr das: Vor der gamescom war ich für ein paar Tage in einer kleinen Spiele-Paralyse, weil ich wusste, dass es sich jetzt nicht lohnen würde, ein längeres Spiel anzufangen. Man weiß, dass man länger unterwegs ist, muss sich dann erst wieder mühsam in die Steuerung reinfuchsen und im schlimmsten Fall weiß man nicht mal mehr, was genau in der Story passiert ist. Das wollte ich vermeiden und hatte nicht DEN Titel, den ich direkt auf meiner Switch 2 starten hätte können, um ihn dann einfach mitzunehmen. Glücklicherweise habe ich dann aber ein paar Tage vor der Abreise in Richtung Köln noch einen Key für das psychologische Horror-Spiel Luto erhalten und wie es nun mal mit Horror-Spielen oft der Fall ist, war mir relativ klar, dass es sich hier nicht um den nächsten 120-Stunden-Brecher handeln wird. Ganz im Gegenteil: Die 5 Stunden, die das Spiel des spanischen Studios Broken Bird Games etwa dauert, waren genau perfekt und so habe ich mich direkt nach der Arbeit an die Xbox gesetzt und losgelegt.

Luto ist eine psychologische Horror-Experience, die sich sehr offensichtlich an Titeln wie P.T. orientiert, dabei aber zum Glück eigene Wege geht und nicht einfach nur copy-paste-Arbeit betreibt. Ihr übernehmt die Kontrolle über eine Person, die aus für euch unerfindlichen Gründen ihr Haus nicht verlassen kann und in einem Loop feststeckt. Ihr wacht deshalb immer wieder vor eurem zerbrochenen Badezimmer-Spiegel auf und versucht aus dem Haus zu entkommen. Jeder Versuch führt euch dabei tiefer ins Unbekannte und lässt euch gleichzeitig mehr über eure Vergangenheit, euer Leben und eure Familie erfahren. Im Laufe des Spiels bekommt ihr immer mehr Details zur Story, die ich euch an dieser Stelle nicht spoilern möchte, ich wurde aber auf jeden Fall gut davon abgeholt und war bis zum Ende gespannt, wie sich alles auflöst und wie das Spiel die übernatürlichen Elemente erklärt, die euch im Spielverlauf immer wieder begegnen werden.

Während des Spiels verfolgt euch dabei die Stimme eines Erzählers und erinnert dabei teilweise an The Stanley Parable, wenn auf einmal direkt die Dinge kommentiert werden, die ihr macht. Was anfangs noch etwas komisch wirkt und die Stimmung etwas auflockert wird mit fortlaufender Spieldauer richtig creepy und auch hier will ich nicht zu viel verraten, aber der Erzähler wird sehr schnell viel mehr ins Spielgeschehen eingebaut, als man zuerst erwartet und war für mich ein wahnsinnig spannendes Story-Tool, dessen sich Broken Bird Games hier bedient. Das Spiel bedient sich generell im ganzen Spielverlauf immer wieder unkonventioneller Methoden, um euch einerseits immersiv ins Geschehen zu ziehen und andererseits euch ein befremdliches Gefühl zu geben. An einem Punkt im Spiel könnt ihr euch theoretisch sogar den kompletten Film Night of the Living Dead von George A. Romero ansehen und das Spiel weist euch direkt darauf hin, dass ihr dafür keine Belohnung erhaltet. Was ich in jedem anderen Spiel vermutlich einfach nur seltsam gefunden hätte, trägt hier perfekt zur Atmosphäre bei, weil es komplett zur Eigenartigkeit von Luto passt.

Die Umgebung, durch die ihr euch bewegt, ist in Luto nicht beschränkt auf das Haus, zumindest nicht optisch. Auch wenn ihr als die Hauptfigur stets in eurem Haus gefangen seid, ändert sich eure Umgebung im Haus selbst immer wieder und schickt euch zudem u.a. in eine Wüste, lässt euch viel zu tiefe Leitern nach unten klettern und in Löcher springen (Auge Silent Hill 2) und hat teilweise Momente, die ich so höchstens in Spielen wie Doki Doki Literature Club gesehen habe. Immer wieder spielt Luto nicht nur mit der Erwartungshaltung der Spieler*innen, sondern versucht diese auch selbst an ihrer Wahrnehmung zweifeln zu lassen, wenn man sich fragen muss, ob man gerade einen Bug gefunden hat, oder das Spiel das genau so machen wollte. Vor allem wenn man bedenkt, dass es sich hier um das Debüt-Spiel eines Indie-Studios handelt, ist das alles wirklich beeindruckend und wieder einmal erfrischend zu sehen, wie viel kreative Ideen abseits von AAA-Spielen auch im Horror-Bereich entstehen können.

Einzig Gameplay-Purist*innen könnten mit Luto nicht ganz so happy werden. Anders als in vielen anderen First Person Horror-Titeln müsst ihr in Luto weder kämpfen, noch schleichen, sondern bewegt euch relativ linear durch das gesamte Spiel. Natürlich versucht das Indie-Studio auch hier mit ein paar Tricks und Spielereien den Eindruck zu erwecken, dass ihr nicht ganz an der Hand geführt werdet, wenn man aber schon das ein oder andere Horror-Game gespielt hat, durchschaut man das relativ leicht. Die Experience wird dadurch nicht schlechter und wenn man weiß, worauf man sich einlässt, stört das auch nicht zwingend, erwartet nur hier kein Action-Feuerwerk oder Schleich-Passagen. Alles was im Spiel passiert, ist in der Theorie keine Bedrohung für euch als Spieler*innen und der Horror wird hier durch Atmosphäre und Story erzeugt, quasi wie in einer Geisterbahn. Aber hey, auch Geisterbahnen machen Spaß, wenn man sich darauf einlässt (und Jumpscares nicht komplett scheiße findet), oder?

Luto ist aber kein purer Walking- oder in diesem Fall Geisterbahn-Simulator, sondern platziert über das gesamte Spiel immer wieder verschiedene Rätsel, die teilweise gar nicht so einfach zu schaffen sind. Manche Lösungen sind dabei relativ offensichtlich bzw. bedienen sich altbekannter Rätselmechaniken, die man auch aus anderen Spielen kennt, andere haben mich teilweise richtig grübeln lassen und Mechaniken eingebaut, die das Spiel noch einmal ordentlich aufgewertet haben. Solltet ihr bei einem der Rätsel mal etwas länger feststecken, schaut euch auf jeden Fall ganz genau um, Luto möchte, dass ihr die Umgebung und auch euer Inventar stets im Hinterkopf behaltet, um die Lösung für euer Rätsel zu finden. Auch hier will ich gar nicht zu viel verraten, aber die verschiedenen Rätsel haben mir insgesamt echt viel Spaß gemacht und tragen für mich auch maßgeblich dazu bei, dass das Spiel etwas ganz besonderes ist.

Optisch bedient sich Luto aller Vorteile der Unreal Engine 5 ohne dabei in die selbe Falle zu tappen wie so viele andere Titel, sich rein auf den Realismus zu verlassen und dabei die eigene visuelle Identität zu vernachlässigen. Der Hauptteil des Spiels sieht realistisch und gleichzeitig surreal und gruselig aus und wird dabei immer wieder durch Zeichnungen der Hauptfigur unterstützt, die ihr entweder in der Spielwelt an Wänden und anderen Oberflächen findet, oder als Zettel in eurem Notizbuch öffnen könnt. Der Stil davon ist wahnsinnig gelungen und das Spiel schafft so seine ganz eigene visuelle Identität. Auch was das Sounddesign angeht, liefert Broken Bird Games richtig ab, egal ob mit dem Einsatz des Erzählers, Umgebungsgeräuschen, die euch nervös machen sollen oder anderen Elementen. Die Präsentation des Spiels ist audiovisuell wirklich gelungen und ich hatte während meines Playthroughs auf der Xbox Series X auch keinerlei Abstürze oder sonstige Bugs oder Probleme, wie etwa Framerate-Einbrüche, feststellen können.

„Luto ist eine psychologische Horror-Erfahrung, die ihresgleichen sucht und vor allem als Debüt-Spiel eines Indie-Studios eine wahnsinnig beachtliche Leistung.“

Ich hätte nicht erwartet, dass mich Luto so abholt, wie es das Spiel am Ende getan hat. Was anfangs noch wirkt wie eine Interpretation der P.T. Formel wird sehr schnell zu einem der spannendsten Horror-Erlebnisse dieser Art, die ich in den letzten Jahren gespielt habe und hat sich mit seinen Ideen und Kniffen schnell einen Platz in meinem Herz erobert. Luto ist eine psychologische Horror-Erfahrung, die ihresgleichen sucht und vor allem als Debüt-Spiel eines Indie-Studios eine wahnsinnig beachtliche Leistung. Das Pacing des Spiels ist weder zu langsam noch zu schnell und richtig gut gelungen, die Rätsel sind teilweise echt nicht ohne und haben mich ordentlich grübeln lassen und wenn man sich auf das etwas abgespeckte Gameplay einlässt, erwartet einen hier eine gut geschriebene Story, die nicht nur unterhält, sondern auch an die Gefühle geht. Ich hoffe, dass Luto nicht das letzte Spiel ist, das wir von Broken Bird Games sehen bzw. spielen werden, denn um dieses Studio wäre es wirklich schade.

4,5 von 5 Wertung für Luto von Broken Bird Game und Selecta Play
4,5 von 5 Zeichnungen.

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