Könnt ihr euch noch an die rührende Rede von Abubakar Salim während der Game Awards 2023 erinnern? Falls nicht, holt die unbedingt nach! Dort präsentiere der Schauspieler von Bayek aus Assassin’s Creed Origins einerseits das frisch gegründete Surgent Studios und gleichzeitig in einer emotionalen Rede auch deren Debüt-Spiel Tales of Kenzera: Zau, das er seinem verstorbenen Vater widmete. Tales of Kenzera: Zau war ein besonderes Metroidvania mit emotionaler Story und durfte sich 2024 in der Kategorie „Game Beyond Entertainment“ sogar einen BAFTA Games Award abholen. Bei einem Event letzte Woche – und ja, er ist wirklich so sympathisch, wie er bei den Game Awards gewirkt hat – konnte ich u.a. direkt von Abubakar Salim selbst Hintergründe zum nächsten Spiel von Surgent Studios erhalten und was auf den ersten Blick wie eine 180-Grad Wendung aussieht, ist im Kern immer noch das, wofür er und seine Kolleg*innen stehen wollen und der Grund, warum sich Dead Take nie nach einem Umschwung angefühlt hat: es zieht euch in eine fesselnde Geschichte, die euch im besten Fall nicht mehr so schnell loslassen soll.
In Dead Take übernehmt ihr die Rolle des Chase Lowry, der von Neil Newbon aka Astarion aus Baldur’s Gate 3 verkörpert wird. Mit ihm erlebt ihr eine Geschichte, die zeigen soll, wie weit Schauspieler*innen gehen, um ihre Chance auf Erfolg wahr machen zu können. Chase steht in dieser Story in direkter Konkurrenz zu Vinny Monroe, gespielt von Ben Starr, der wie sein Freund und Kollege die Hauptrolle des „Willie“ im neuesten Film des berühmt-berüchtigten Regisseurs Duke Cain ergattern möchte. Im Vorfeld wurden von beiden Schauspielern bereits Audition Tapes veröffentlicht, die schon andeuten, in welche Richtung das Spiel und die Charaktere gehen und vor allem Newbon bzw. Chase macht in seinem Video den Eindruck, als wäre diese Rolle seine letzte Chance in Hollywood groß zu werden. Newbon selbst hat dazu im Event letzte Woche gesagt, dass er Chase persönlich nicht als düster oder instabil verkörpern oder wahrnehmen wollte, sondern ihn in erster Linie als Person gesehen hat. Ihm war sehr wichtig zu betonen, dass er keine Bösewichte und keine Helden spielt, weil er nicht möchte, dass seine Charaktere direkt ein Label verpasst bekommen, bevor man sie kennenlernt. Also lernen wir Chase doch einfach mal selbst kennen, oder?

Die Geschichte von Chase startet damit, dass sein Freund Vinny verschwunden ist. Ihr macht euch also auf den Weg zum letzten euch bekannten Standort und erreicht so die Villa von Duke Cain, die auch der Schauplatz von Dead Take sein wird. Abubakar Salim und sein Team haben sich dabei von realen Villen in Hollywood inspirieren lassen und als Schauplatz für einen psychologischen Horror-Titel aus der First Person eignet sich so ein viel zu großes und pompöses Haus natürlich perfekt. Im Laufe der Story werdet ihr außerdem noch weitere bekannte Gesichter entdecken, Teil des Casts sind u.a. noch Jane Perry und Laura Bailey, aber auch ein paar Cameos aus der Videospiel-Welt haben sich ins Spiel geschlichen. Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten muss dabei wirklich hervorgehoben werden: jede*r liefert eine wahnsinnig gute Performance ab. Aber natürlich soll auch das Gameplay nicht zu kurz kommen. Salim hat das letzte Woche sehr schön ausgedrückt: „Wenn wir einen Film machen wollen würden, dann hätten wir einen Film gemacht.“
Die meiste Zeit seid ihr in Dead Take mit Rätseln beschäftigt, wenn ihr euch nicht gerade vor irgendetwas erschreckt. Und ja, es gibt ein paar Jumpscares, diese passieren aber nicht zu oft und an den Stellen, an denen sie passieren, haben sie selbst mich komplett kalt erwischt. Nachdem ihr es im Intro erst einmal in die Villa geschafft habt, seht ihr dort noch verschiedene Party-Utensilien herumliegen und müsst euch erst einmal zurecht finden. Die Rätsel in der Spielwelt sind dabei teilweise recht simpel und lassen euch einfach nur das richtige Item oder eine Zahlenkombination für den dazu passenden Ort finden, später im Spiel solltet ihr aber definitiv entweder eure Handykamera und Notizen-App oder einen Notizblock bereit haben. So richtig The Witness-Level erreichen die Rätsel zwar nie, aber ich glaube für das, was Dead Take sein möchte, muss es das auch nicht. Das Spiel fühlt sich im Grunde an wie der größte Escape Room, den ihr bisher vermutlich gespielt habt und während man sich im ersten Moment denkt, wie unrealistisch es ist, dass das alles in einer Villa existiert, muss man sich im nächsten eingestehen, dass es in Los Angeles vermutlich noch viel größere Villen mit mehr Zimmern gibt. Das ist aber auch gut, denn so kommt definitiv keine Langeweile auf und ihr lauft nicht 20 Mal durch den gefühlt selben Raum mit ein paar anderen Möbeln.

Neben den Rätseln in eurer Umwelt findet ihr aber auch recht schnell das Home Cinema von Duke Cain. Nachdem ihr das erste größere Rätsel gelöst und den Projektor davon repariert habt, dürft ihr dort USB-Sticks an den Computer anschließen, die ihr im Haus findet. Jeder USB-Stick enthält dabei ein Video, das euch mehr Hintergründe zur Story liefert, hinter denen sich aber auch der zweite große Gameplay-Aspekt versteckt. Unter dem Motto „Splice the Truth“ könnt ihr mit der SPLAICE-App am Computer beschädigte Dateien wieder zusammensetzen oder auch komplett neue Videos erstellen, die euch weiter auf eurem Weg helfen oder einfach mehr Einblicke in die Hintergrundgeschichte geben. Hier hätte man eventuell noch ein bisschen mehr „richtiges“ Gameplay mit einbauen können, ich denke da etwa an die Braindances in Cyberpunk 2077 oder an Nobody Wants to Die, alles was ihr zum splicen tun müsst, ist nämlich 2 Video-Files auswählen und einen Button drücken. Die Kombinationen könnt ihr euch wiederum auch logisch erschließen, es lohnt sich hier aber auch absurde Kombinationen zu testen: eventuell spuckt die tolle AI euch ja ein ganz anderes Video aus, als ihr erwartet. Testet euch da also auf jeden Fall mal durch und dankt mir später.
Habt ihr einen der Filme fertig gespliced, könnt ihr im Anschluss im Regisseur-Stuhl des Kinos Platz nehmen und euch das Video ansehen. Die Full-Motion Videos werden dabei im Spiel selbst immer auf einer Leinwand in der Villa wiedergegeben und schaffen so ein sehr viel immersiveres Gefühl, als wenn euch das Spiel einfach kurz eine MP4-Datei über den gesamten Screen legt. Danke an der Stelle an Alan Wake 2, ich hoffe das nehmen sich noch viel mehr Studios als Vorbild. Generell schafft es Dead Take durch die Ego-Perspektive und düstere Umgebung sehr gut, euch mitten ins Geschehen zu ziehen und eine wahnsinnig bedrückende und gleichzeitig angsteinflößende Atmosphäre zu schaffen. Die Story geht dabei – ohne zu viel zu spoilern – in wirklich düstere Abgründe und hat mich, gemeinsam mit den Horror-Elementen, durch die Nähe, die man Chase und dem Spiel gegenüber hat, noch viel mehr in den Bann gezogen. Die Inszenierung ist hier wirklich gelungen und mit den ca. 5 Stunden Spielzeit hat Surgent Studios hier finde ich auch die perfekte Spiellänge gefunden.

Die Kombination aus FMV und dem Spiel selbst funktioniert aber auch deshalb so gut, weil Dead Take echt gut aussieht. Dabei hat sich das Studio in der Unreal Engine 5 weniger auf Charakter-Modelle verlassen, ihr bekommt also keine uncanny UE5-Version von Neil Newbon oder Ben Starr, sondern legt den Fokus komplett auf die Spielwelt und allem, was sich darin befindet. Da ihr euch nur nachts durch die Villa bewegt, wird hier sehr viel mit Licht, Schatten und Perspektiven gespielt, während die Villa selbst immer wieder als Teil der Story eingebunden wird. Schon vor Release hatte ich weder Probleme mit der Framerate, noch ist das Spiel gecrashed und das obwohl ich jetzt nicht (mehr) den leistungsstärksten Rechner zuhause habe. Auch die Controller-Steuerung am PC hat ohne Probleme funktioniert und das einzige, was ich mir zum Launch noch gewünscht hätte, wäre eine Konsolen-Fassung mit phsysischem Release. Aber ich hoffe einfach, dass das noch irgendwann nachgeliefert wird, für kaum ein anderes Spiel würde sich eine EDITIONS-Fassung von Lost in Cult besser anbieten, als hier. Just putting it out there.
„Das Worldbuilding, die Leistung der Schauspieler*innen und die Story selbst schaffen eine verdammt gute Symbiose aus Escape Room, Story & FMV, die dem psychologischen Horror als perfekte Spielwiese dient und Dead Take zu einem ganz besonderen Erlebnis machen.“
Das ging jetzt wirklich flott. Nachdem das neueste Spiel von Surgent Studios erst Anfang Juni von Pocketpair Publishing angekündigt wurde, sollte es keine zwei vollen Monate dauern, bis der Titel direkt erscheint. Das wusste nur niemand so richtig, das Release Datum wurde nämlich erst knappe 2 Wochen vor Release öffentlich gemacht. Fast schon ein Shadow Drop. Nach dem Event mit Abubakar Salim und Neil Newbon war ich auf jeden Fall direkt am Hype-Train und wurde dann vom Spiel auch nicht enttäuscht. Das Worldbuilding, die Leistung der Schauspieler*innen und die Story selbst schaffen eine verdammt gute Symbiose aus Escape Room, Story & FMV, die dem psychologischen Horror als perfekte Spielwiese dient und Dead Take zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Dass es schlussendlich kein Film geworden ist, sondern ein Videospiel ist definitiv die passende Medium-Wahl geworden, auch wenn ich mir beim splicen der Filme noch einen Ticken mehr Gameplay gewünscht hätte. Das ändert aber nichts daran, dass ich über etwa 5 Stunden verdammt gut unterhalten wurde, mich mehr erschrocken habe, als in vielen anderen Horror-Titeln und mich die Story an manchen Punkten wirklich unerwartet hart getroffen hat.


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