Titelbild zu Aphelion von Don't Nod

Aphelion

Der Weltraum, unendliche Weiten. So unendlich, dass mich das Thema aktuell gar nicht mehr loszulassen scheint. Nachdem ich in Pragmata als Techniker Hugh gemeinsam mit der Androidin Diana auf dem Mond ein Actionfeuerwerk erlebt habe, wurde es in Causal Loop weniger actionreich, dafür mussten die grauen Zellen bei diversen Rätseln umso mehr angestrengt werden. Den Space-April abschließen darf jetzt dafür ein Titel mit Story-Fokus, von einem Team, das diese Aufgabe eigentlich zu verstehen weiß: nach dem wirklich sehr guten Lost Records: Bloom & Rage schickt euch das Französische Studio Don’t Nod diesmal ebenfalls ins All – in diesem (F)All auf den neu entdeckten neunten Planeten am Rande unseres Sonnensystems, Persephone.

Wir schreiben das Jahr 2060. Unsere Erde ist durch den Klimawandel leider nicht mehr wirklich bewohnbar und die Menschheit muss sich langsam einen Plan B überlegen. Zu diesem Zweck schickt die European Space Agency oder auch ESA die Mission Hope 01, bestehend aus der Astronautin Ariane und dem Astronaut Thomas, auf den neu entdeckten Planeten, in der Hoffnung dort einen neuen Lebensraum vorzufinden. So richtig glatt läuft diese Mission aber von Anfang an nicht, anstatt eine angenehme Landung hinzulegen, müssen sich die beiden nicht nur vor einer Bruchlandung retten, sie werden dabei auch noch voneinander getrennt und müssen erst einmal wieder zueinander finden. Wer unsere Preview zum Spiel gehört hat, weiß das aber bestimmt alles schon, gehen wir mal lieber etwas ins Detail.

Den Großteil der insgesamt 11 Kapitel bzw. der etwa 7 Stunden, die die Hauptstory etwa dauert, verbringt ihr dabei mit Ariane, deren Gameplay agiler und actionreicher ist. Zumindest ab Kapitel 4. Im ersten Kapitel lernt euch das Spiel noch recht gemächlich die grundlegenden Mechaniken: Ariane kann an Felswänden und Vorsprüngen hochklettern und sich mit ihrem Enterhaken über Abgründe schwingen bzw. diesen nutzen, um an Wänden entlang zu laufen und Schwung zu nehmen und sich nach oben oder unten zu ziehen. Immer wieder müsst ihr dabei perfekte Griffe ausführen, damit die Protagonistin nicht abrutscht. Diese Mechanik könnt ihr euch in etwa so vorstellen, wie das aktive Nachladen in Gears of War, in Aphelion ist euer Zeitfenster aber etwas großzügiger. Rutscht ihr trotzdem einmal ab, habt ihr aber auch in einem Quick Time Event noch einmal die Chance euren Griff zu retten und hoffentlich dadurch nicht in den Tod zu stürzen.

Ariane ist aber nicht nur mit Klettern beschäftigt: relativ schnell begegnet der Astronautin die Kreatur Nemesis – eine in der Luft schwebende Energiepartikel-Schlange, die nicht nur geräuschempfindlich ist, sondern auch so gar keinen Bock hat, dass sich auf Persephone plötzlich Menschen rumtreiben. Ihr versucht also immer wieder kleine Areale zu durchqueren, die von Nemesis bewacht werden und müsst dabei aufpassen, nicht gehört zu werden. Sonst erwartet euch ein sehr schneller Tod, Ariane und auch Thomas sind nämlich nicht wirklich ausgerüstet, um Überlebenskämpfe gegen feindselige Alien-Kreaturen zu führen. Während die ersten Kapitel für meinen Geschmack noch etwas zu viel Tutorial und zu wenig richtiges Gameplay zu bieten hatten, während auch die Story gebraucht hat, in Fahrt zu kommen, haben die späteren Kapitel mit Ariane für mich sehr viel besser funktioniert.

Während Ariane mit voller Energie um den Planeten klettert und vor einer seltsamen Kreatur flüchtet, ist es Thomas bei der Bruchlandung etwas schlechter ergangen. Er hat eine schwere Verletzung einstecken müssen, konnte dabei nur knapp mit einer Rettungskapsel aus dem Raumschiffswrack entkommen und hat dabei zusätzlich noch seinen Sauerstoffbehälter geschrottet. Murphy’s Law wäre stolz auf Aphelion. Thomas muss sich auf seinem Weg in die Sicherheit von Sauerstofftank zu Sauerstofftank hangeln, wobei jeder nur eine bestimmte Reichweite hat, die ihr mit dem angeschlossenen Schlauch nutzen könnt, bevor ihr euch entkoppelt und ohne konstante Sauerstoffzufuhr zurecht kommen müsst. Die Abschnitte, die ihr mit ihm spielt, sind durch die Umstände gemächlicher, dafür erwartet euch dort auch wesentlich mehr Lore zur Welt und den Umständen auf Persephone.

In den Kapiteln, die ihr mit ihm spielt, findet ihr recht schnell heraus, dass den beiden Astronauten vor der Mission nicht alles erzählt wurde, was auf dem neu entdeckten Planeten passiert ist und schon das dritte Kapitel endet mit einem ordentlichen Cliffhanger, der erst später in Spiel aufgelöst wird. Don’t Nod nutzt die Mechanik der zwei Protagonist*innen clever und ihr springt als Spieler*in immer wieder zwischen beiden, während diese nicht wissen, was genau die andere Person gerade macht. Damit aber auch ihr nicht direkt alles auf dem Silbertablett serviert bekommt, ist die Aufteilung nicht 50:50, sondern ihr spielt wesentlich öfter Ariane, während die kürzeren Abschnitte mit Thomas unregelmäßiger dazu genutzt werden, euch die Hintergrundgeschichte des Planeten näherzubringen. Diese Entscheidung ist vor allem fürs Gameplay eine gute gewesen, da die Thomas-Kapitel meist recht Gameplay-arm sind und man selbst recht wenig zu tun hat, als von A nach B zu laufen.

Beide Charaktere haben außerdem einen in ihren Raumanzug eingebauten Scanner, der zwei verschiedene Modi hat: mit dem ersten scannt ihr eure Umgebung, untersucht Orientierungspunkte und seht, wo ihr als nächstes hinmüsst. Mit dem anderen Modus könnt ihr hingegen Magnetfelder aufspüren, wenn ihr die richtige Frequenz einstellt. Von diesen gibt es auf Persephone einige und während sie euch an manchen Stellen dabei helfen, den Weg zu finden, müsst ihr sie woanders teilweise sogar manipulieren, um weiter zu kommen. So baut ihr eine zerstörte Brücke wieder zusammen, lasst einen Stein verschwinden, der euch den Weg blockiert oder könnt mit Ariane in den Sequenzen mit dem Nemesis auch kleine Lärmfallen auslösen, die das Monster ablenken, während ihr euch kurz in Sicherheit wiegen könnt. Ihr könnt außerdem versteckte Glyphen finden und wie es sich für Don’t Nod gehört, habt ihr nach dem ersten Mal Durchspielen die Möglichkeit zurück in einzelne Kapitel zu springen, um dort alle Collectibles einzusammeln, die ihr evtl. beim ersten Mal übersehen habt.

Besonders während den Kapiteln mit Ariane versucht das Französische Studio außerdem immer wieder neue Ideen mit ins Gameplay einfließen zu lassen, damit euch nicht langweilig wird. Es gibt Chase-Sequenzen, in denen ihr schnell vor etwas flüchten müsst, ihr rutscht steile Klippen hinunter und weicht dabei Hindernissen aus, ihr bewegt euch vorsichtig über Eisplatten, die drohen einzubrechen, wenn ihr unvorsichtig seid und in Kapitel 7 wartet ein wilder Sturm inkl. tödlicher Blitze darauf, von euch durchquert zu werden. Auch wenn das etwas Varianz in den Ablauf des Spiels bringt, bleibt der Fokus von Aphelion trotzdem mehr auf der Story und so richtig fordernd oder anspruchsvoll ist das Gameplay nie. Sollte euch der Nemesis aber trotzdem mal erwischen, euch mit Thomas die Luft ausgehen oder ihr von einem Vorsprung rutschen, müsst ihr euch keine Sorgen machen: die Checkpoints in Aphelion sind sehr fair gelegt und das Spiel speichert immer wieder automatisch euren Fortschritt. Don’t Nod will euch hier ganz klar durch eine Geschichte leiten und erwartet nicht von euch, dass ihr große Herausforderungen überwinden müsst.

Zumindest vor Release wirkte das Spiel technisch an manchen Ecken noch nicht ganz rund. Das in der Unreal Engine entwickelte Aphelion kämpft dabei mit den üblichen UE 5-Problemen, wie zu spät geladenen Texturen, aber auch die Performance im Spiel selbst hat mich immer wieder aus dem Flow gerissen. Vor allem in den geskripteten Sequenzen hat Aphelion mit störenden Framerate-Drops zu kämpfen und auch im Gameplay selbst hatte ich immer wieder merkbare Ruckler, die das Spiel noch etwas unfertig wirken ließen. An manchen Stellen flackerte noch die ein oder andere Textur, nicht jeder Sprung mit Ariane hat perfekt gesessen und auch der Sauerstoffschlauch von Thomas hatte manchmal eine ganz wilde Physik. Auch wenn die Umgebungen schön und auch abwechslungsreich sind, die Charaktere sowohl optisch als auch durch die Synchro einen glaubhaften Eindruck machen und ich den minimalistischen Soundtrack sehr passend fand, war ich technisch leider doch etwas enttäuscht. Mit ein bisschen mehr Zeit und Feinschliff wäre hier definitiv mehr drin gewesen.

// Aphelion erzählt eine spannende Geschichte, der Wechsel zwischen den Protagonist*innen ist gut ins Geschehen eingebaut, die technischen Probleme und das dann doch eher flache Gameplay halten das Spiel allerdings davon ab, in der A-Liga von Don’t Nod mitzuspielen. //

Nach der Preview im Februar war ich sehr gespannt darauf, wie mich das Spiel vor allem mit der Mischung aus Story und Gameplay am Ball halten würde. Nach dem für meinen Geschmack etwas zu behäbigem Intro kam ich aber später richtig gut rein und hatte Spaß dabei der Story von Ariane und Thomas zu folgen und über den Planeten zu klettern. Aphelion erzählt eine spannende Geschichte, der Wechsel zwischen den Protagonist*innen ist gut ins Geschehen eingebaut, die technischen Probleme und das dann doch eher flache Gameplay halten das Spiel allerdings davon ab, in der A-Liga von Don’t Nod mitzuspielen. Die verschiedenen Ideen in Arianes Sequenzen lockern das Geschehen zwar etwas auf, so richtig Skill am Pad ist allerdings nie gefragt und die Ruckler und Bugs lassen das nur noch mehr ins Gewicht fallen. Am Ende bleibt ein absolut solides Spiel, mit dem ich eine gute Zeit hatte, jetzt brauche ich dann aber auch mal wieder ein bisschen Pause vom Weltraum.

3,5 von 5 Wertung für Aphelion von Don't Nod
3,5 von 5 Arianes.

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