Titelbild zu Pragmata von Capcom

Pragmata

Man könnte fast schon meinen, dass sich Capcom und die NASA für eine gemeinsame Image-Kampagne abgesprochen haben. Am 01. April startete mit Artemis II der erste bemannte Flug zum (Erd-)Mond, seit dem Start von Apollo 17 in 1972 und während ich in Pragmata ebenfalls meine Reise in Richtung des Mondes angetreten haben, tauchten online immer mehr Fotos der Mission auf, die diesen neu in Szene setzten. So sehr im Fokus lag der Himmelskörper schon lange nicht mehr. Der neueste Titel von Capcom wurde dabei bereits 2020 zum ersten Mal gezeigt, damals noch mit einem geplanten Release in 2022 und da hören die Parallelen noch nicht auf: die Exploration Mission 2, wie Artemis II zu dem Zeitpunkt noch genannt wurde, sollte ebenfalls schon 2021 ins Weltall starten. Beides wurde über die Jahre mehrmals verschoben und im April 2026 bekommen wir jetzt nicht nur schöne neue Bilder vom Mond, sondern auch ein Abenteuer, in dem wir selbst den Weg dorthin auf uns nehmen dürfen. Nur, dass es dort vermutlich nicht ganz so realistisch zugeht.

Capcom schickt euch als Protagonist Hugh Williams gemeinsam mit drei weiteren Personen als Untersuchungsteam in einem Shuttle Richtung Mond. Dort wurde in der Spielwelt vor einiger Zeit eine neue Art von Erz gefunden, das in einem riesigen 3D-Drucker alle möglichen Dingen replizieren kann, ganz egal ob normale Gegenstände oder organisches Material. Euer Team hat den Auftrag herausfinden, warum der Kontakt zur Crew auf der Station abgebrochen ist, dort angekommen bekommt ihr es aber erst mal mit einem Mond-Beben zu tun, das euch von eurem Team trennt und euch schwer verletzt zurücklässt. Hugh überlebt dabei nur durch die Hilfe der Androidin Diana, mit der ihr euch den Rest des Spiels über durch die Spielwelt bewegt, um herauszufinden, was dort vorgefallen ist und hoffentlich für Hugh einen Weg zurück zur Erde zu finden. Die ganze Station wurde nämlich von der KI I.D.U.S. (Intelligent Direction Unification System) übernommen, die euch mit allen Mitteln davon abhalten will, von dort zu entkommen.

Während die Story auf den ersten Blick recht klischeehaft wirkt und sicher bei dem ein oder der anderen der Alarm ausschlägt, dass hier zum wiederholten Mal eine Story durchgekaut wird, in der ein ungleiches Paar aufeinander trifft, bei dem der ältere Mann zu Beginn eher grummelig ist und der kindliche Charakter ihn langsam aufweichen lässt, kann ich beruhigt Entwarnung geben. Die Dialoge zwischen Hugh und Diana strotzen vor guten Vibes und transportieren von Anfang an eine positive Grundstimmung und auch meine anfängliche Sorge, dass Diana eventuell im Laufe des Spiels zum nervigen Sidekick werden könnte, haben sich schnell in Luft aufgelöst. Eure Begleiterin weist euch weder zu oft oder viel auf Dinge im Spiel hin und jeder Dialog zwischen den beiden bezieht sich auf die Spielwelt, die Handlung oder ist teilweise auch einfach ein Kennenlernen der beiden, das gleichzeitig euch als Spieler*in mehr Kontext gegenüber der Figuren gibt. Capcom hat hier wirklich die perfekte Balance gefunden, die beiden Charaktere nahbar zu machen, ein bisschen Auflockerung ins Geschehen zu bringen und hat das bis zum Ende aufrecht erhalten.

Bevor ich mich jetzt auf das Gameplay und den Rest von Pragmata stürze, muss ich vorab aber noch ein etwas unangenehmeres Thema ansprechen: so sehr ich die Interaktionen zwischen Hugh und Diana liebe und so sehr ich eigentlich das Design der Charaktere und der Welt feiere, habe ich mindestens ein genau so großes Problem damit, dass man sich entschieden hat, Diana nur Kostüme zu geben, in denen sie barfuß durch die Welt läuft. Bis zum Post Game oder wenn ihr das Spiel in der Deluxe Edition vorbestellt habt, erhaltet ihr nur Kostüme ohne richtige Hose oder Schuhe und ich finde, dass das ein Thema ist, das man vor allem in der heutigen Zeit nicht außer Acht lassen sollte. Besonders, da das Spiel sich mit I.D.U.S. in der Story selbst kritisch mit dem Thema KI auseinander setzt und wir allesamt gesehen haben, in welchen Zusammenhängen KI-Tools in letzer Zeit Schlagzeilen gemacht haben – Stichwort Collien Fernandes oder Grok – hätte ich mir da etwas mehr Achtsamkeit gewünscht. Pragmata selbst sexualisiert die Figur zum Glück nie auch nur ansatzweise und spielt auch nicht mit Andeutungen, aber das Internet ist nunmal leider das Internet und auch das darf heutzutage nicht außer acht gelassen werden. Gleichzeitig wäre das Design von Diana mindestens genau so cool gewesen, wenn man ihr einfach eine Hose und coole blaue Stiefel gegeben hätte. So, jetzt aber zum Positivem.

Das Gameplay steht in Pragmata definitiv an allererster Stelle und alle weiteren Faktoren des Spiels, selbst die Story und der Aufbau, ordnen sich dem unter. Dabei hat man sich für ein lupenreines Action-Spiel entschieden, das im ersten Moment vielleicht etwas überfordern wirken kann, man sich aber so schön reinfuchsen kann, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe, vor allem was den AAA-Bereich angeht. Hugh hat zu Beginn des Spiels bereits eine Standard-Waffe ausgerüstet und ihr zielt und schießt aus der 3rd Person auf eure Gegner, die allesamt Bots der Station sind. Direkt im ersten Kampf merkt ihr aber sehr schnell, dass eure Schüsse diesen nicht wirklich viel Schaden zufügen und genau da kommt Diana ins Spiel: die Androidin hat die Fähigkeit Gegner zu hacken und so ihre Schwachstellen zu öffnen. Das Besondere dabei ist, dass ihr beides parallel ausführt, während ihr außerdem in Echtzeit den Angriffen eurer Gegner ausweichen müsst. Habt ihr also einen Bot im Visier öffnet sich in der rechten Bildschirmhälfte ein kleines Gitter, in dem ihr den Hacking-Prozess steuert und genau diese Kombination macht Pragmata so besonders.

Zerlegen wir das ganze aber mal in seine Einzelteile. Hugh findet im Spielverlauf verschiedene Waffen, die ihr im Kampf einsetzen und auch austauschen könnt. Diese sind in 4 Kategorien unterteilt, die sich so auch auf eurem Digi-Kreuz spiegeln lassen: Oben wird eure Standard-Waffe platziert, die ihr nicht selbst nachladen müsst, es aber eine gewisse Zeit dauert, bis das Magazin wieder aufgeladen ist. Auf der linken Seite werden rot markierte Angriffs-Waffen wie die Schrotflinte oder der Raketenwerfer platziert, mit denen ihr besonders viel Schaden anrichten könnt, während rechts die grün markierten Waffen abgelegt sind, die euch dabei helfen Gegner in Schach zu halten. Dort findet ihr etwa einen Granatwerfer, der eure Gegner auf den Boden befördert und euch etwas Luft zum Atmen gibt oder eine in der Luft schwebende Mine, die ihr per Hacking noch verbessern könnt. Abgerundet wird euer Inventar auf der unteren Taste durch blaue Werkzeuge, mit denen ihr etwa ein Hologramm von euch in der Welt platziert, das Gegner ablenkt oder ein Schild aufstellt, das euch vor Angriffen schützt. Die Waffen druckt ihr entweder in eurem Unterschlupf oder findet sie verteilt in der Welt, ist nämlich erst mal die Munition leer, ist die Waffe nutzlos und verschwindet aus eurem Inventar.

Beim Hacking müsst ihr je nach Gegnerstärke durch ein kleineres oder größeres Feld navigieren, auf dem ihr diverse Symbole einsammeln müsst, bis ihr am Ziel seid. Um die Gegner verwundbar zu machen, nehmt ihr auf dem Weg zum grün markierten Ziel jeweils blaue Symbole mit und je mehr davon ihr auf einmal schafft, desto länger bleiben die Schwachstellen der Gegner geöffnet. Euer Fortschritt auf dem Feld wird dabei auch bei Unterbrechungen solange gespeichert, bis der Gegner euch Schaden zufügt, mit der Zeit lernen Gegner auch euch auf dem Gitter selbst einzuschränken, etwa durch Blockaden oder rote Felder, die euren Hacking-Vorgang abbrechen und im weiteren Spielverlauf findet ihr noch Erweiterungen als Consumables, die als gelbe Kacheln ebenfalls auf dem Feld dargestellt werden. So sammelt ihr z.B. eine Funktion ein, die den aktuellen Hack auch auf andere Gegner in der Umgebung ausweitet oder die Gegner für eine bestimmte Zeit paralysiert. Habt ihr mehrere dieser Erweiterungen ausgerüstet, können diese auch gleichzeitig eingesetzt und kombiniert werden, wie die Waffen könnt ihr diese aber auch nur begrenzt einsetzen, bevor ihr sie verliert bzw. neue einsammeln müsst.

Vielleicht denkt ihr euch jetzt, wie man das denn beides gleichzeitig machen soll, während man dabei dann noch Angriffen ausweicht und sich zusätzlich um mehrere Gegner gleichzeitig kümmern muss. Tatsächlich hat es bei mir schon in der Demo vor Release relativ schnell Klick gemacht und Pragmata macht über die gesamte Spieldauer einen verdammt guten Job, euch die Grundmechaniken nicht nur zu Beginn in aller Ruhe zu erklären und ausprobieren zu lassen, sondern auch dabei, euch immer weiter neue Dinge beizubringen und die bereits erlernten zu erweitern. Der Fokus liegt dabei im Gegensatz zu anderen Action-Spielen nur eben mehr auf den Gadgets und Funktionen, die euch das Spiel an die Hand gibt und weniger auf den Moves, die eure Figur direkt ausführen kann. Wenn ihr dann aber trotzdem mal zu viel Schaden nehmt, könnt ihr euch per Knopfdruck heilen und wenn eure Heilungsitems alle sind, sind auch die Checkpoints im Spiel sehr großzügig gesetzt und dabei sogar in die Narrative eingebunden. Geht in einem Kampf eure Gesundheit zur Neige, bringt euch Diana zurück in eure Basis, päppelt euch wieder auf, gibt noch einen Tipp für den jeweiligen Gegner ab und ihr könnt mit der Tram direkt wieder zurück ins jeweilige Gebiet zurück reisen.

Eure Basis ist dabei der Dreh- und Angelpunkt, zu dem ihr immer wieder zurückkommen werdet und von dem aus ihr mit der Tram zu einzelnen Schnellreisepunkten in den Gebieten reist. Je nach Spielfortschritt erhöht ihr den Level der Basis und schaltet dabei neue Funktionen frei und trefft dort außerdem den Roboter Cabin, der euch mit Rat und Tat zur Seite steht. In der Mitte des runden Raumes stehen zwei Computer-Terminals, an denen ihr auf der einen Seite mit einer Ingame-Währung Hughs Gesundheit, die Power seiner Standard-Waffe und Dianas Hacking-Fähigkeiten verbessert, während ihr gegenüber eure Waffen, Hacking-Erweiterungen und mehr mit anderer Ingame-Währung auflevelt. Dort gebt ihr auch neue Waffen und Co. in Auftrag, um sie vor der Abfahrt ausrüsten zu können und erweitert so euer Grund-Inventar. Je weiter ihr im Spiel kommt, desto weiter können alle diese Dinge verbessert werden und desto mehr Items stehen euch zur Verfügung. Neben Waffen und Hacking-Skills könnt ihr hier auch Mods erstellen, die euch passive Boni gewähren, wie etwa mehr Gesundheit, mehr Hacking-Schaden oder mehr Damage, wenn ihr aus der Luft angreift.

Der Roboter Cabin hat aber nicht nur Tipps für euch parat, sondern auch mehrere Bingo-Karten, die ihr mit gesammelten Münzen aufdeckt und Belohnungen freischaltet. Diese findet ihr entweder verteilt in Kisten in der Spielwelt oder erhaltet sie ab Basis-Level 2 in speziellen Trainings-Simulationen. Insgesamt warten von diesen Trainings 30 Stück auf euch, die ihr auch stückweise freischalten könnt und die mit die schwersten Challenges im ganzen Spiel beinhalten, für mich aber gleichzeitig auch mit das größte Highlight von Pragmata sind. Jedes Training fokussiert sich auf bestimmte Spielmechaniken und gibt euch eine Belohnung fürs Absolvieren und jeweils zwei Bonus-Aufgaben mit eigenen Rewards. Schafft ihr es in einem Durchgang direkt alle Voraussetzungen auf einmal zu erfüllen, bekommt ihr für das jeweilige Training eine Krone in der Übersicht, die zwar keine richtige Auswirkung fürs Spiel hat, als optionale Herausforderung aber vor allem für mich einen ganz besonderen Anreiz dargestellt hat. Manchmal absolviert ihr Hindernis-Parcours und müsst diese in einer bestimmten Zeit schaffen oder spezielle Gegenstände einsammeln, während ihr in anderen Räume voll mit Gegnern innerhalb eines Zeitlimits und teilweise sogar ohne Schaden zu nehmen schaffen müsst. In den unterschiedlichen Gebieten könnt ihr außerdem spezielle Challenge-Räume finden und auch, wenn die Credits durchgelaufen sind, hat das Spiel noch die ein oder andere Bonus-Überraschung zu bieten.

Wie auch schon in Resident Evil Requiem zeigt Capcom mit Pragmata wieder einmal, was immer noch alles in der RE Engine steckt, die vor allem dieses Mal ihrem eigentlichen Namen, Reach for the Moon Engine, alle Ehre macht. Ich kann mich gar nicht richtig festlegen, welches Gebiet ich visuell am beeindruckendsten fand, denn obwohl ihr euch die ganze Zeit nur in der Mondstation aufhaltet, schickt euch das Spiel an mehrere unterschiedliche Standorte, die sich optisch ordentlich voneinander unterscheiden. Aber auch die „normalen“ Sci-Fi-Elemente und die Mondoberfläche sind unfassbar detailliert gestaltet und sehen verdammt beeindruckend aus. Es macht einfach was mit mir, auch wenn es nur innerhalb eines Spiels und einem fiktiven Szenario ist, auf dem Mond rumzulaufen und dabei in der Ferne die Erde im Weltall zu sehen. Das Spiel bietet euch auf der Konsole die Wahl zwischen einem Quality- und Performance-Modus und in beiden Optionen läuft das Spiel flüssig, sieht verdammt gut aus und wirkte schon vor dem offiziellen Release polished und gut optimiert. Ich hoffe, dass auch die PC-Version da mithalten kann. Besonders stark zur Atmosphäre hat aber nicht nur die Optik, sondern, neben der mehr als gelungenen Synchro, auch das Sounddesign beigetragen.

„Pragmata liefert mit perfekt durchdachtem Gameplay und unkonventionellen Ideen-Kombinationen einen bisher so nie dagewesenen Action-Hit, von dem ich froh bin, dass er in der aktuellen AAA-Welt in dieser Form existiert.“

Während bei mir die Credits zum zweiten Mal liefen, nachdem ich die letzten Herausforderungen im normalen Spielmodus absolviert habe, landete genau 17 Minuten später die Crew der Artemis II mit der Integrity im Pazifischen Ozean nahe San Diego und schloss damit nicht nur einen Kreis, sondern legte genau so eine Punktlandung hin, wie Capcom es geschafft hat. Pragmata liefert mit perfekt durchdachtem Gameplay und unkonventionellen Ideen-Kombinationen einen bisher so nie dagewesenen Action-Hit, von dem ich froh bin, dass er in der aktuellen AAA-Welt in dieser Form existiert. Auch wenn die Kombination aus Waffenkampf, Hacking und Ausweichen etwas einschüchternd wirken kann und bestimmt nicht für alle gemacht ist, wurde es für mich perfekt umgesetzt und ich hatte eine wahnsinnig gute Zeit mit dem Titel. Die optionalen Herausforderungen geben zusätzliche Motivation, die Interaktionen zwischen Hugh und Diana machen jedes Mal wieder Spaß und das Spiel hat mich bis zum (großartig inszenierten) Finale komplett bei Laune gehalten. Das jahrelange Warten hat sich also definitiv gelohnt.

4,5 von 5 Wertung für Pragmata von Capcom
4,5 von 5 Cabins.

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