Man kennt das ziemlich sicher: die Mietpreise steigen überall in viel zu hohe Sphären und obwohl man vielleicht viel lieber in eine modernere Wohnung ziehen würde, muss es dann doch oft der Altbau werden. Vermutlich hat jede*r von euch schon mal in einer dieser Wohnungen gelebt, oder sie zumindest bei Besuchen von innen gesehen. Je älter die Altbauwohnung, je mehr kleine Problemchen bringt sie vermutlich mit sich. Die Dielen am Boden knarzen, die Fenster schließen nicht ganz dicht ab, die Vermietung hat beim letzten Umzug einfach über die Leisten gepinselt, ihr wisst vermutlich, was ich meine. Eine viel interessantere Herangehensweise ist aber, was sich in dieser Wohnung vielleicht für Geschichten zugetragen haben, welche wichtigen und eventuell sogar lebensveränderten Geschehnisse dort passiert sind und vor allem, welche Geschichten die Wände erzählen würden, wenn sie sprechen könnten. The Berlin Apartment geht dieser Frage anhand einer Wohneinheit in Berlin nach und beantwortet sie in Form mehrerer Kurzgeschichten, die ihr selbst als Spieler*in erleben könnt.
Obwohl ich sonst in meinen Reviews möglichst wenig bis gar nicht über die Story selbst spreche, muss ich an dieser Stelle schon mal vorschicken, dass es in dem Fall hier zumindest um die einzelnen Schicksale und Szenarien gehen wird. Die Story steht im Fall von The Berlin Apartment so stark im Vordergrund und für mich persönlich war sie ein wichtiger Faktor, warum mich das Spiel am Ende abgeholt hat. Deshalb möchte ich euch das in diesem Fall nicht vorenthalten bzw. denke, dass es vor allem für Menschen, die an Zeitgeschichte interessiert sind, auch schon vorab interessant zu wissen ist, worauf man sich hier einlässt. Keine Sorge, die Auflösungen bzw. wichtigsten Momente werde ich hier auf keinen Fall spoilern, aber die einzelnen Geschichten trotzdem kurz anreißen. Das Spiel selbst findet nämlich immer im selben Apartment statt, das der Handwerker Malik im Jahr 2020 renoviert. Mit dabei hat er seine Tochter Dilara, die ihm bei kleineren Aufgaben hilft, sich aber großteils langweilt, in der Wohnung rumläuft und dort verschiedene Gegenstände findet. Um ihr die Wartezeit etwas angenehmer zu gestalten, erzählt er ihr auf Grundlage dieser Gegenstände mehrere Geschichten von Bewohner*innen, die schon in dieser Wohnung gelebt haben und genau diese spielt ihr selbst nach.

Die erste Geschichte schickt euch ins Jahr 1989, genauer gesagt in den September, kurz bevor die Berliner Mauer gefallen ist. Euer Mitbewohner Mirco hat gemeinsam mit einigen anderen Bewohner*innen der DDR seine Flucht geplant und euch gemeinsam mit seinem Goldfisch Erich zurückgelassen. Während ihr euch um eure Pflanzen kümmert, kommt ein Papierflieger durchs Fenster geflogen, auf dem eine Nachricht steht. Da das Apartment direkt an der Mauer gelegen ist, stammt diese aus der BRD und über den Verlauf der Geschichte entwickelt sich eine Brieffreundschaft zweier Menschen, die sich zu einem Date am Fenster verabreden, während draußen noch die Grenze patrouilliert wird. Während ihr mit dem Goldfisch diskutiert, der nicht nur einen wundervollen Berliner Akzent hat, sondern auch ein sehr treuer Anhänger der DDR zu sein scheint, bewegt ihr euch durch eure Wohnung, bereitet Essen vor und faltet immer wieder Papierflieger, die ihr zu eurer Gesprächspartnerin auf die andere Seite der Mauer werfen und auch lenken müsst. Dabei werden die Wetterverhältnisse immer schwieriger und ihr müsst Luftböen, Regen und Aufwind trotzen, damit euer Papierflieger auch ans Ziel kommt.
Während die erste Geschichte trotz trister Umstände in der alltäglichen Lebensrealität noch einiges an Humor und Leichtigkeit mit sich brachte, wird es im Anschluss daran direkt düsterer: die zweite Geschichte in The Berlin Apartment schickt euch als kleines Mädchen in den Dezember des Jahres 1945, genauer gesagt Heiligabend. Während ihr euch in der Geschichte davor noch frei durch das Apartment bewegen konntet, müsst ihr hier erst einmal in einem einzelnen Raum die Dekorationen, die noch übrig sind, verteilen, um das Weihnachtsfest für euren Bruder, eure Mutter und euch selbst etwas schöner zu gestalten. Da euch ausreichend Deko fehlt, bleibt der Weihnachtsbaum allerdings leer, woraufhin das Mädchen die Idee hat selbst Dinge zu basteln und dafür wie eine Trümmerfrau Material sammeln will. Die Mutter willigt nach einer kurzen Diskussion ein und lässt ihre Tochter nach draußen und auch in das verbotene Zimmer, wo ihr selbst nach und nach herausfindet, was während des Kriegs passiert ist und wo euer Vater eigentlich gerade ist. Während ich in der ersten Episode zwar unterhalten wurde und Spaß hatte, war es dieser Abschnitt, der mir das Spiel zum ersten Mal so richtig verkauft hat, mich komplett unterwartet getroffen hat und eine sehr viel ernstere Route eingeschlagen hat. Vor allem das Gespräch am Tisch zum Ende hin, war wirklich verdammt hart anzuhören und gleichzeitig so glaubhaft geschrieben, dass ich gespannt war, wie das Spiel jetzt weitermachen will.

Diese Stimmung wird dann auch in der dritten Episode nicht aufgelockert, sondern noch weiter verstärkt: im Jahr 1933 bereitet ihr euch als älterer jüdischer Herr darauf vor, das Apartment zu verlassen und aus Deutschland zu flüchten. Sein ganzer Stolz, das Kino, das er jahrelang betrieben hat, wurde von den Nazis bereits in Brand gesetzt, vor dem Fenster hängen die Hakenkreuz-Fahnen und anscheinend ist auch eure Nachbarin eine Etage drunter froh darüber, wenn ihr bald das Haus verlasst, auf welchem Weg auch immer. Nachdem ihr anfangs kurz mit eurer Tochter telefoniert, die euch mit dem Auto abholen soll, bewegt ihr euch durch die Wohnung und sammelt nach und nach die Gegenstände auf eurer Packliste ein, wie eine warme Jacke, eure Glücksschuhe, euren Reisepass oder eure heißgeliebte Kamera. Habt ihr einen der Gegenstände gefunden, erinnert sich Herr Liebermann an verschiedene Zeitpunkte seines Lebens, die allesamt wie ein Stummfilm inszeniert über den Bildschirm flackern. Den Gegenstand packt ihr dann mit euren besten Tetris-Fähigkeiten in den Koffer und verlasst am Ende eure Wohnung, wobei ihr natürlich einiges zurücklassen müsst. Diese Episode hat mir – vor allem in Kombination mit der vorherigen – mit am besten gefallen, da die Ideen und die Inszenierung hier unfassbar gut umgesetzt waren, während gleichzeitig Geschichte hautnah erlebt werden konnte.
Während die Renovierung der Wohnung im Jahr 2020 fast abgeschlossen ist, darf am Ende auch noch Dilara ihrem Papa eine Geschichte erzählen und schickt uns in der vierten Episode ins Jahr 1967. Dort kämpft Antonia als Schriftstellerin damit, dass ihr Verleger Herr Bülow bzw. die Verwaltung die Ideen ihres Romans „Die Kosmonautin“ umformulieren. Eine weibliche Protagonistin kommt laut deren Aussage nämlich nicht so gut beim Publikum an und ihr akademischer Hintergrund würde den Genoss*innen vielleicht auch nicht so schmecken, wie wäre es denn eher mit einem Arbeiter oder Bauern als Hauptfigur? Während sie immer wieder versucht ihre Geschichte anzupassen, ohne dabei den Kern ihrer Aussage zu verlieren, kontaktiert Herr Bülow dann noch ihren Vater, ebenfalls Schriftsteller, um das Manuskript von Antonia einfach direkt umzuschreiben. Am Ende dieser Geschichte, die euch immer wieder als Kosmonautin auch in den Roman selbst schickt, stehen sowohl eine Aufarbeitung Antonias familiärer Vergangenheit, sowie auch hier wieder eine Form von Geschichtsrückblick in selbst erlebter Form, der mich trotz der Sci-Fi-Elemente und witziger Gameplay-Ideen nicht kalt gelassen hat.

Alle Geschichten in The Berlin Apartment eint dabei, dass sie euch sowohl Geschichte spielerisch näher bringen, als auch nicht mit einer gewissen Prise Sozialkritik geizen, die man an dieser Stelle vor allem heutzutage nicht außer Acht lassen darf. Während weltweit rechtsextreme Politik wieder salonfähig wird, ist ein Spiel wie dieses umso wichtiger, das Spieler*innen in Form einer glaubhaften Geschichte näher bringt, wozu diese Politik führen kann. Berlin als Standort bietet sich dafür mit seiner umfangreichen Vergangenheit natürlich perfekt an und das Studio Blue Backpack Games schafft es vier unterschiedliche Schicksale sinnvoll in ein zusammenhängendes Szenario zu packen, ohne es dabei erzwungen, rechthaberisch oder belehrend wirken zu lassen. Man nimmt dem Titel die Szenarien allesamt glaubhaft ab und vor allem mich als geschichtsinteressierten Menschen hat die Story zu 100% abgeholt. In den ca. dreieinhalb Stunden Spielzeit kam bei mir nie Langeweile auf, ihr könnt im Spiel verteilt immer wieder kleine Easter Eggs finden und auch die einzelnen Episoden jederzeit noch einmal separat wiederholen. Dilara legt nämlich jeden Gegenstand zur jeweiligen Geschichte in einer Zeitkapsel ab, die ihr im Apartment auswählen und von dort aus zurück ins jeweilige Jahr springen könnt.
Das Gameplay selbst ist in The Berlin Apartment einigermaßen minimal gehalten. Vor allem aus dem Aspekt heraus, dass das Spiel sich auf die Geschichte fokussiert und diese in den Vordergrund stellt, ist das aber finde ich völlig okay und das Spiel ist auch kein reiner Walking Simulator, in dem ihr ab und zu mal einen Knopf drücken müsst. Trotzdem könntet ihr The Berlin Apartment auch Personen, die vielleicht mit Videospielen nicht ganz so viel am Hut haben, ohne Gewissensbisse empfehlen. Die Papierflieger-Passage, das Dekorieren des Hauses, das Packen eures Koffers und auch das Schreiben des Romans sind allesamt in kleine, Minigame-artige Passagen verpackt und auch als Dilara könnt ihr im Apartment verschiedene Aktivitäten finden, die zwar zur Geschichte selbst nicht viel beitragen, dafür aber die Immersion noch einmal verbessern. Erwartet nur einfach keine umfangreichen Rätsel, Highscore-Jagden oder superschwere Geschicklichkeits-Einlagen, die gibt es hier nämlich nicht. Für meinen Geschmack hätte es an manchen Stellen ruhig einen Ticken mehr Gameplay sein dürfen, ich verstehe aber, warum sich das Studio dagegen entschieden hat. Technisch wurden sowohl Steuerung als auch die verschiedenen Passagen allesamt sauber umgesetzt. Die Inputs & Co. wurden korrekt übernommen und haben damit nicht zu unnötigen Frustmomenten oder Problemen geführt.

Optisch hat man sich in The Berlin Apartment für einen Cel-Shading-Look entschieden, der in meinen Augen optimal zum Stil und der Idee des Spiels passt und die verschiedenen Szenarien passend zusammenschnürt. An ein paar Stellen hatte ich noch fehlende Texturen bzw. Textur-Fehler auf der Xbox und hier und da sind manchmal Assets durch Personen oder Wände geglitched. Das hat aber am Ende die Experience nicht maßgeblich verschlechtert, mich aber doch kurz aus dem Flow gerissen. Vielleicht kann hier ja in Zukunft noch etwas durch Patches nachgebessert werden. Die Synchro-Leistung des Spiels ist dafür wahnsinnig gelungen und auch wenn ich das sonst nicht mache, habe ich das Spiel in diesem Fall komplett auf Deutsch gespielt und die Entscheidung keine Sekunde bereut. Die ersten Worte von Goldfisch Erich mit Berliner Akzent, aber auch die Dialoge der späteren Episoden waren verdammt gut rübergebracht und man hat den Figuren ihre jeweiligen Situationen abgekauft, egal ob sie fröhlich, traurig, erschöpft oder angsterfüllt waren. So oft ich mich über deutsche Synchro beschwere, kann ich in dem Fall nur meinen Hut ziehen und mich darüber freuen, dass die Charaktere hier so glaubhaft inszeniert wurden.
„The Berlin Apartment erzählt in einer vereinfachten Form die Geschichte einer Wohnung, damit aber gleichzeitig auch die eines ganzen Landes und verpackt dies anhand von vier Einzelschicksalen so, dass es nachvollziehbar und trotzdem mitreißend ist.“
Jetzt am Ende hier zu sitzen und The Berlin Apartment mit einer regulären Punktewertung zu versehen, fühlt sich fast schon etwas falsch an. Das Spiel ist viel mehr als nur ein neues Indie-Spiel, von dem man schon zig andere Varianten in anderen Looks gespielt hat und doch tritt es genau in dieser Kategorie an und muss sich dort auch behaupten. Wenn man nur das Gameplay isolieren würde, würde es vermutlich keinen Preis gewinnen, insgesamt ist das Spiel aber eine der besondersten Erfahrungen, die ich mit dem Medium dieses Jahr hatte und sollte im Pool der 2025-Releases, der mehr als groß ist, nicht untergehen. The Berlin Apartment erzählt in einer vereinfachten Form die Geschichte einer Wohnung, damit aber gleichzeitig auch die eines ganzen Landes und verpackt dies anhand von vier Einzelschicksalen so, dass es nachvollziehbar und trotzdem mitreißend ist. Das Spiel stellt die Geschichte – und damit meine ich sowohl die Story des Spiels, als auch die Historie von Deutschland – in den Vordergrund, lässt euch trotzdem nicht nur einen Film anschauen und ab und zu ein paar Knöpfchen drücken und wenn noch der ein oder andere Bug ausgemerzt wird, habe ich auch als jemand der einem Ticken mehr Gameplay nicht abgeneigt gewesen wäre, wenig zu bekriteln.


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