Keine Sorge Leute, das wird keine normale Review, in der wir so tun, als würden Feuerrot und Blattgrün brandneu sein und als hätten wir als Pokémon-Fans nicht schon jahrelang darauf gewartet, diese endlich auf der Nintendo Switch spielen zu können. Falls ihr also die Game Boy Advance-Originale nicht gespielt oder generell keine Bezugspunkte zur ersten Generation Pokémon habt: wo wart ihr die letzten 30 Jahre? Anhand des dreißigjährigen Jubiläums des Pokémon-Franchises will ich euch viel eher auf eine kleine Zeitreise mitnehmen, die das Remake der ersten Generation in Perspektive setzt, Raum bieten soll auch etwas in Nostalgie zu schwelgen, aber gleichzeitig einen Blick in die Zukunft wirft, was uns erwartet oder zumindest erwarten könnte. Ich möchte mit euch über verschiedene Regionen reden, Starter-Pokémon, über das Design der Pokémon generell über die Jahre, aber auch über wichtige Mechaniken wie VMs, XP-Teiler und mehr. Zu dem Zweck starte ich also nach mehr als 20 Jahren eigener Geschichte mit der Serie wieder einmal die Reise und lasse mir von Professor Eich mein erstes Pokémon übergeben.
Meine richtige erste Reise begann damals in genau dem Zimmer, in dem ihr auch in Feuerrot und Blattgrün startet: der Screen zoomt ins Spiel, man sitzt vor seinem Nintendo Entertainment System unter dem Röhrenfernseher und geht die ersten Schritte durch das Zimmer. Im Original war das aber noch alles etwas weniger detailliert und vor allem nicht so bunt. Als ich 1999 die Rote Edition nach einer emotionalen Fahrt durch Berge und Täler aber in meinen silbernen Game Boy Pocket gesteckt habe, war es aber nicht weniger beeindruckend für mich: Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich damals ein Paket von meinem Onkel, in dem die Blaue Edition auf mich wartete. Ich, ungeduldig wie ich immer schon war, öffnete die Box, fand kein Spiel darin, war am Boden zerstört und nach einem kurzen Drama zuhause und einem Besuch beim nahe gelegenen Saturn war die Welt aber schnell wieder in Ordnung. Ich habe mich damals bewusst für die andere Edition im Laden entschieden – es könnte ja wieder eine leere Box sein – wählte aber trotzdem Schiggy als mein erstes Starter-Pokémon. Wie viel Einfluss dieser Tag insgesamt auf mich über 25 Jahre später haben sollte, das habe ich damals noch bei weitem nicht geahnt.

Auch auf der Switch 2 habe ich mich in Professor Eichs Labor diesmal wieder für die Wasser-Schidlkröte Schiggy entschieden. Bis heute ist Schiggy mein Lieblingspokémon geblieben und Schiggy-Merchandise lässt mich nie kalt, wenn ihr irgendwo darüber stolpere. Habe ich mir später noch selbst Glumanda getauscht, weil man Fukano erst viel zu spät fangen kann und ich ein starkes Feuer-Pokémon im Team haben wollte? Ja. Habe ich das damals schon auf meinen beiden Game Boys mit dem Linkkabel gemacht? Aber sowas von. Wir sind uns außerdem vermutlich hier alle einig, dass die Designs der ersten 151 Pokémon legendär sind und vermutlich könnte ich, wenn ich mich anstrenge, den Pokédex auswendig aufschreiben. Ich möchte an dieser Stelle aber auch mal weiter blicken und diese Aussage, dass es danach immer schlechter wurde, so nicht stehen lassen. Unratütox ist das bessere Sleima, Olini ist für mich eines der besten Pflanzenpokémon aller Zeiten, über die Larvitar-Linie kann man glaube ich gar nichts Negatives sagen, selbst wenn man möchte und auch wenn ich nicht der größte Fan der dritten Generation bin, liebe ich Designs wie Tohaido, Libelldra oder Palimpalim. Ich glaube der Satz, dass jedes Pokémon das Lieblingspokémon von jemandem da draußen ist, ist absolut wahr und man kann in jeder Generation seine Low- und Highlights finden, lasst euch da also nichts einreden.
An der Stelle können wir auch gleich mal über die verschiedenen Pokémon-Regionen sprechen. Ich kenne Kanto mittlerweile wirklich wie meine Westentasche. Ich weiß, wo im Vertania Wald ein verstecktes Gegengift kurz vorm Ausgang als unsichtbares Item liegt, ich weiß wo ich welche Pokémon für mein Team finde, ohne im Internet nachschauen zu müssen und ich weiß wie ich beim ersten Versuch in der Safari Zone direkt die VM Surfer und die Goldzähne für den Wärter finde, ohne ein zweites Mal starten zu müssen. Feuerrot und Blattgrün sind da definitiv auch ein Teil davon und es hat mittlerweile eine schöne Nostalgie, durch die verschiedenen Städte, Höhlen und Team Rocket Untergrund-Verstecke zu laufen. Die zweite Generation hat wie gerne ich durch diese Orte reise, mit dem direkt angrenzenden Johto und dem Ausflug zurück nach Kanto nur noch mehr gefestigt und auch wenn ich viel Spaß mit Pokémon Let’s Go Pikachu & Evoli hatte, finde ich, dass Kanto in Feuerrot & Blattgrün immer noch am besten aussieht. So wenig ich mich über die Jahre mit Hoenn anfreunden konnte – das lag nie am Look, denn der ist in den GBA-Spielen der dritten Generation wahnsinnig schön – so sehr liebe ich das Design der Remakes auf dieser Basis. Die Region selbst ist vom Aufbau her vermutlich nicht meine absolute Nummer 1, aber bietet vor allem im späteren Spielverlauf mit der Silph Co., Lavandia und dem Pokémon Turm, der MS Anne, den Seeschauminseln oder der Safari Zone ikonische Gebiete und einiges an Abwechslung für Spieler*innen.

Beim Spielen der Feuerroten Edition ist mir wieder einmal aufgefallen, wie gerne ich auch bis heute noch das originale Level-System von Pokémon mag und mir auch wünschen würde, dass es in den modernen Titeln noch vorhanden wäre. Klar, das automatische XP-Sharing für das gesamte Team ist praktisch und erleichtert einem das Spiel bzw. verringert die Zeit, die man mit Grinden verbringt, aber ganz ehrlich: ich mag Grinden. Pokémon zu trainieren, teilweise bis auf Level 100 und das ohne unendliche Sonderbonbons oder sonstige Tricks, war für mich schon immer ein großer Teil der Faszination des Spiels und ganz egal ob in Persona 3 Reload im Tartarus, in Dragon Quest VII Reimagined in diversen Zeitreisen oder in Shin Megami Tensei alle 3 Schritte – das Leveln und Grinden ist für mich einfach ein essenzieller Teil des Genres. Durch den Kampffahnder, mit dem ihr bereits besiegte Trainer*innen erneut herausfordern könnt, wird es euch ja sogar schon ein bisschen vereinfacht, trotzdem ist das Achievement am Ende, wenn man ein Pokémon entwickelt und voll trainiert hat, ein ganz anderes, wenn nur das aktive Pokémon die XP bekommt und nicht das gesamte Team, ohne jemals im Kampf eingesetzt worden zu sein. Im Grunde ist das die Dark Souls Schwierigkeitsgrad-Debatte nur umgekehrt: gebt mir doch einfach einen optionalen Regler in den Settings, der das XP-Sharing deaktiviert und alle anderen können es standardmäßig weiter nutzen. Mehr brauche ich gar nicht.
Ein Relikt der Vergangenheit, das ich in neueren Titeln dafür absolut nicht mehr vermisse sind die versteckten Maschinen, kurz VMs genannt, die man früher zwingend gebraucht hat, um bestimmte Moves in der Welt auszuführen und weiterzukommen. Starke Attacken wie Surfer oder Fliegen nerven zumindest nicht ganz so sehr, aber Zerschneider, Stärke und Blitz sind am Ende des Tages einfach nur ein vergeudeter Attacken-Slot eines Pokémons, das man sonst gerne im Team hat. Ich bin zumindest froh, dass in Generation 1 die Anzahl der VMs noch nicht ganz so groß war, spätestens in Pokémon Diamant und Perl, in dem es ganze 8 VMs gab, hat Game Freak aber glaube ich gemerkt, dass man sich etwas einfallen lassen muss und den Kurs geändert. Am Ende des Tages ist es auch einfach Quatsch, dass man mit einem Tauboss nur von Stadt zu Stadt fliegen kann, wenn es explizit eine Attacke namens „Fliegen“ beherrscht oder ein Sichlor nur dann kleine Büsche zerhacken kann, wenn es „Zerschneider“ gelernt hat. Ob die technischen Maschinen aka TMs allerdings wie hier nur einmal oder wie in neueren Titeln unlimitiert verwendet werden dürfen, sehe ich nicht ganz so kritisch, da bin ich mit beiden Varianten fein.

Ich finde es aber auch ein wenig schade, dass die Frequenz, in der Remakes zu älteren Pokémon-Titeln erschienen sind, abgenommen hat bzw. sich über die Jahre so verändert hat. Während die Feuerrote und Blattgrüne Edition zeitlich noch relativ nahe an den Originalen liegen, warte ich mittlerweile schon viel zu lange auf Remakes der fünften Generation. Im Gegensatz zu sehr vielen Leuten da draußen liebe ich Schwarz und Weiß und deren zweite Teile bis heute sehr, habe die Kritik an den DS-Spielen schon damals nicht verstanden und wünschte, ich könnte Einall auf neuer Hardware wieder einmal erleben. Ob es die große Enttäuschung war, die Fans beim Release von Strahlender Diamant & Leuchtende Perle verspürten oder ein generelles Umdenken an die Herangehensweise zu Remakes – ich weiß es nicht. Ich würde mich aber wirklich sehr freuen, wenn wir eines Tages entweder Remakes oder eventuell sogar Pokémon Schwarz & Weiß 3 auf der Nintendo Switch 2 sehen würden. Titel wie vor kurzem erst ein Legenden Z-A oder Legenden Arceus sind tolle Spiele, ein kreativer Weg bekannte Regionen neu zu erleben und auch ich hatte verdammt viel Spaß damit. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass irgendwann in den nächsten Jahren auch noch richtige Remakes einen Weg zurück in den Release-Schedule von Game Freak finden.
„Pokémon Feuerrot und Blattgrün ist auch 2026 noch ein schöner Weg die Ursprünge der Serie zu erkunden, ohne sich mit den Eigenheiten der Game Boy Originale rumschlagen zu müssen und ich habe mich mit Vergnügen erneut durch Kanto gespielt.“
Ich als Fan der ersten Stunde freue mich natürlich, dass ich Pokémon Feuerrot und Blattgrün jetzt endlich auch offiziell auf der Switch spielen kann. Klar, ich habe beide Editionen als Cartridges hier rumliegen und mit dem Analogue Pocket vermutlich eine der besten Optionen, die man finden kann, beide zu erleben, aber es fühlt sich einfach richtig an, das Spiel auf originaler Nintendo Hardware zu spielen und vom Ökosystem inkl. Pokémon Home zu profitieren. Es stört mich persönlich auch nicht, dass das Spiel separat erscheint und nicht als Teil des Nintendo Switch Online-Katalogs veröffentlicht wurde, ich hätte mir nur noch die selben Display-Möglichkeiten gewünscht, die auch in der App möglich sind. So ein paar Pixel-Effekte bzw. Scanlines würden dem Spiel auf jeden Fall gut tun, ansonsten sehen die Spiele aber auch am größeren Screen noch gut aus. Pokémon Feuerrot und Blattgrün ist auch 2026 noch ein schöner Weg die Ursprünge der Serie zu erkunden, ohne sich mit den Eigenheiten der Game Boy Originale rumschlagen zu müssen und ich habe mich mit Vergnügen erneut durch Kanto gespielt. Vor allem im Hinblick auf Pokémon Pokopia ist der Release-Zeitraum richtig smart gewählt und macht die Spiele auf der Switch-Familie einem breiteren Publikum zugänglich, von denen einige bestimmt auch das erste Mal diese Titel erleben werden. Als nächstes hätte ich dann aber gerne statt jetzt mit Pokémon Smaragd um die Ecke zu kommen, spielbare Versionen von Gold und Silber auf der Switch. Noch besser wäre Heart Gold und Soul Silver. Bittedanke.


Bock auf mehr?
Wo dieser Beitrag herkommt, gibt es noch einige mehr. Eine kleine Auswahl findest du hier:




