Titelbild zu ZERO PARADES: For Dead Spies von ZA/UM Studio

ZERO PARADES: For Dead Spies

Einer meiner größten blinden Flecke der letzten Jahre und gleichzeitig der eine Titel auf meinem Pile of Shame, den ich ganz dringend nachholen muss, ist Disco Elysium. I know, Shame on me, aber lasst mich kurz erklären. Alles, was ich bisher zum Spiel gesehen und gelesen habe, hat mich schon vorab überzeugt, dass ich es lieben werde. Wenn aber die Erwartungshaltung so hoch ist, will man diesem Titel dann auch die nötige Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Über die letzten Jahre gab es bei ZA/UM, dem ursprünglichen Studios des Spiels, dann einige Kontroversen, Abgänge und Shifts, neue Studios wurden gegründet, durch interne Konflikte sind auch daraus wieder neue Studios entstanden und mittlerweile gibt es 4 Splitter-Studios, die an spirituellen Nachfolgern des Hit-RPGs arbeiten. ZERO PARADES: For Dead Spies zählt da nicht mal dazu, ist jetzt aber das erste Spiel von ZA/UM seit den Abspaltungen.

Die Story des Spiels lässt euch in die Haut von Spionin Hershel Wilk schlüpfen, die sich den meisten nur als CASCADE zu erkennen gibt. Diese hat ihre letzte Mission so richtig gegen die Wand gefahren, dabei ihr Team in den Untergang geführt und ist dabei natürlich auch nicht ganz ohne emotionalen Ballast rausgegangen. Fünf Jahre später bekommt sie jetzt von ihrer Organisation Opera die Chance ihre Taten wiedergutzumachen und sich und ihre Fähigkeiten erneut zu beweisen. Ob die Analogie zur ZA/UM-Situation an dieser Stelle Absicht oder Zufall ist, kann ich nicht sagen, ganz unabsichtlich kann das aber fast nicht sein. Direkt zu Beginn der Handlung findet ihr in der Stadt Portofiro eure direkte Ansprechperson PSEUDOPOD zwar lebend aber nicht ansprechbar und katatonisch vor und müsst euch nebenbei als Spieler*in noch neu in der Stadt zurecht finden.

Wie auch schon im Erstlingswerk Disco Elysium liegt der Fokus des Spiels auch in ZERO PARADES: For Dead Spies stark auf der narrativen Komponente und ihr müsst euch trotz umfangreicher Synchro auf viel Lesen einstellen. Aber wer es durch Spiele wie Baldur’s Gate III oder Esoteric Ebb geschafft hat, sollte auch hier keine Probleme haben. Auch wenn ihr euch den Großteil der Handlung nur durch Portofiro bewegt, trefft ihr dort sowohl eine Vielzahl an NPCs als auch an Entscheidungen. Dafür müsst ihr in Dialogen gut zuhören, eure Umgebung genau untersuchen, lest Bücher und andere Dokumente und unterhaltet euch teilweise auch noch mit euren eigenen Gedanken. Das alles spielt sich großteils in der rechten Bildschirmhälfte ab und hat mich während meinen ca. 17 Spielstunden kein einziges Mal gelangweilt oder dazu gebracht sinnlos durch die Texte zu skippen.

Innerhalb der Dialoge warten immer wieder Skillchecks auf euch, die durch zwei D6-Würfel aufgelöst werden und jeweils einen von 15 Skills im Spiel abfragen. Zu Beginn des Spiels dürft ihr euch dabei entweder für eine von 3 vorgefertigten Klassen entscheiden oder eure eigenen Skillpunkte vergeben. Erstellt ihr eure eigene Klasse, dürft ihr 4 Punkte für die Hauptattribute Aktion, Verbindungen und Intelligenz vergeben, anschließend einen Skill downgraden und einen weiteren verbessern und zum Abschluss 3 Skills um einen Punkt erhöhen. Im Spielverlauf bekommt ihr je 100 Erfahrungspunkte einen Skillpunkt, das besondere an ZERO PARADES ist aber, dass eure Skills auch wieder verschlechtert werden können. Für bestimmte Dialog-Optionen erhöhen sich eure Levels für Erschöpfung, Angst oder Delirium nämlich und sobald diese ihr Maximum erreichen, müsst ihr einen von 3 zufällig ausgewählten Skills wieder um ein Level runterschrauben.

Das Motto des Spiels ist dabei „Fail forward“ und ihr müsst euch direkt zu Beginn damit abfinden, dass sich im Verlauf der Story immer mal wieder Skills verschlechtern und ihr auch spontan einen Plan B oder C verfolgen müsst, weil die Würfel mal nicht ganz so gefallen sind, wie man sich das wünscht oder ein Skill abgefragt wird, den ihr einfach gar nicht so hoch bringen könnt. Nicht selten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass euer Würfelergebnis hoch genug ist, dabei im einstelligen Prozentbereich und ihr könnt selbst abwiegen, ob ihr es versucht oder eben nicht. Manchmal ergeben sich aber auch durch verfehlte Skillchecks neue Gelegenheiten. Ihr habt zwar die Möglichkeit den Skill „Anstrengen“ zu aktivieren und so die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Würfel-Wurfs zu erhöhen, am Ende habt ihr dann aber statt 2 einfach nur 3 Würfel, wovon die beiden stärkeren entscheidend sind und es kann immer noch passieren, dass ihr mehrere 1en würfelt und damit automatisch scheitert. Gleichzeitig erhöht sich dabei auch jeweils entweder Erschöpfung, Angst oder Delirium und ihr seid damit auch alles andere als übermächtig.

Um eure Skills temporär zu verbessern habt ihr in ZERO PARADES: For Dead Spies auch die Möglichkeit verschiedene Kleidungsstücke auszurüsten, die mit ihren ganz eigenen Boni (und teilweise auch negativen Effekten) punkten können und jederzeit ausgetauscht werden können. Insgesamt gibt es dabei 9 verschiedene Kleidungstypen: Gesicht, Kopf, Hals, Oberteil, Jacke, Hände, Hose, Schuhe und Equipment und alle davon sind im Spiel sichtbar an eurer CASCADE. Der Fashion-Aspekt ist also definitiv nicht zu vernachlässigen. Durch bestimmte Ereignisse während der Geschichte schaltet ihr außerdem Erinnerungen aus eurer Vergangenheit frei, von denen ihr jeweils 1 aktiv als Konditionierung auswählen könnt: diese können Skills erhöhen, Fertigkeitslimits anheben und euch sowohl positive als auch negative Statuseffekte geben, die ebenfalls den Verlauf verschiedener Dialoge beeinflussen können.

Eure Skills beeinflussen dabei ebenfalls wie euer Spiel abläuft: als Stimmen in eurem Kopf sind sie immer Teil der Dialoge und wenn das Level hoch genug ist, können sie euch auch wertvolle Hinweise in Gesprächen geben. Zu 100% solltet ihr allerdings nie auf die verschiedenen Stimmen in eurem Kopf hören: wenn etwa der Skill Staatsmacht euch das kommunistische Manifest eurer Organisation predigt, ohne dabei auf kleine Details zu achten, die dem eventuell widersprechen, lohnt es sich sicher auch mal eine andere Antwortmöglichkeit auszuwählen. So richtig kämpfen müsst ihr in ZERO PARADES: For Dead Spies übrigens nicht, es gibt aber Situationen, in denen Konflikte auch mit Aktionen eurerseits gelöst werden. An bestimmten Punkten im Spiel wird die Zeit angehalten und ihr müsst aus mehreren Lösungsansätzen wählen, die dann ebenfalls anhand eurer Skills aufgelöst werden.

Durch Portofiro bewegt ihr euch dabei aus einer isometrischen Perspektive, deren Zoom ihr leicht anpassen könnt und nach anfänglichen Orientierungs-Schwierigkeiten habe ich mich eigentlich recht schnell in der Stadt zurecht gefunden. Steuert ihr das Spiel mit Maus und Tastatur, bewegt ihr eure Protagonistin per WASD- oder Mauscursor, das Spiel lässt sich aber auch mit dem Controller sehr gut spielen. Um euch das Leben leichter zu machen, könnt ihr per Tastenbefehl die Objekte highlighten, mit denen ihr in der Spielwelt interagieren könnt und auch die Menüs lassen sich in beiden Steuerungsvarianten ohne Probleme navigieren. Im In-Game Menü habt ihr neben eurem Inventar und euren Skills einen Tab für die Karte der Stadt, mit der ihr auch eine Schnellreise-Funktion nutzen könnt und euer Tagebuch, in dem ihr neben euren verschiedenen Quests auch eine Sammlung an Hinweisen findet, die ihr im Spielverlauf aufschnappt und die später noch mal nützlich für euch sein könnten.

Ich persönlich bin ja immer wieder ein großer Fan davon, wenn sich ein Spiel entscheidet die eigene Spielwelt eher überschaubar zu halten und euch nicht in eine sinnlos große Open World steckt, nur um eben eine Open World zu haben. ZERO PARADES hat das für mich richtig gut gelöst, indem man an einigen Stellen entweder durch Flashbacks oder kurze Missionsabschnitte auch mal die Stadt in begrenzten Gebieten verlässt und die Szenerie wechselt. Den Großteil der Zeit verbringt ihr aber in den selben 5 Stadtbezirken, die jeweils ihre Eigenheiten haben, insgesamt aber eine glaubhafte Stadt innerhalb der fiktiven Spielwelt porträtieren. Mir wurde in Portofiro auf jeden Fall nicht langweilig und ich bin mir ziemlich sicher, dass es immer noch Ecken gibt, die ich entweder übersehen oder mir durch irgendwelche Entscheidungen verschlossen habe. Ein Replay mit anderer Skillung und abweichenden Entscheidungen lohnt sich hier also definitiv.

Besonders hängen geblieben ist bei mir vor allem das Writing der Charaktere, der Dialoge und der Spielwelt selbst. Die verschiedenen Fraktionen und deren Motivatoren werden nach und nach durch Dialoge und Dokumente greifbarer für euch, ihr lernt mehr über CASCADEs Vergangenheit und ihre Ex-Crew, trefft auf einzigartige NPCs – und eine süße Katze. Ihr verstrickt euch in Verschwörungstheorien, das Bankenwesen und bekommt es mit mehreren Schatten-Organisationen zu tun, ich hatte dabei aber nie das Gefühl zu wenig Bescheid zu wissen. Als Spieler*in wisst ihr immer genug, um euch auszukennen, aber immer zu wenig, um zu wissen, was genau passiert. Also bis es zu spät ist. Gleichzeitig wurde dabei nicht die nötige Portion Absurdität und Witz vergessen, da kann es schon mal passieren, dass man von einem dubiosen Typ Gras kauft (mit dem man den Angst-Wert verringern kann) oder über Polizeistrukturen philosophiert. Die Texte im Spiel könnt ihr dabei übrigens entweder auf Englisch, aber auch auf Deutsch einstellen.

Sowohl das Spielgeschehen selbst als auch alle Menüs, Items und andere Elemente haben mich optisch richtig abgeholt: alles hat einen mit Farbe gemalten Look, wichtige NPCs haben eigene Porträts im Dialogscreen, aber auch der Stil der 3D-Modelle hat mir richtig gut gefallen und hat perfekt in die Spielwelt gepasst. Alle Items und Ausrüstungsgegenstände haben eigens gezeichnete Icons, jede Konditionierung und Hauptquest ein eigenes Porträt und vor allem die Bildchen in den Entscheidungs-Sequenzen sind psychedelisch von höchster Klasse. Die Synchro der Figuren ist durch einen umfangreichen Cast wahnsinnig gut gelungen, besonders der Stimme der Erzählerin, gesprochen von Boo Miller, habe ich richtig gerne zugehört und der Soundtrack von Fernando Cabrera passt perfekt zum Spiel, egal ob Ambiente, actionreichere Sequenzen oder einzelne Songs abseits davon. Technisch läuft zwar noch nicht alles zu 100% perfekt, große Probleme hatte ich allerdings nie bzw. keine, die ich nicht durch einen kurzen Reload lösen konnte.

// ZERO PARADES: For Dead Spies sieht nicht nur fantastisch aus, sondern erzählt eine spannende Spionage-Story mit charakterstarken NPCs, unzähligen Twists und einer interessanten Mechaniken, die euch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn ihr euch zu mächtig fühlt. //

Wie sich das Spiel im Laufe der Zeit gegenüber den anderen spirituellen Nachfolger-Spielen schlagen wird und auch wie es sich im Vergleich zu Disco Elysium schlägt, kann und will ich euch mit dieser Review nicht beantworten. Ganz für sich stehend wartet hier aber für Fans unkonventioneller RPGs ein ganz besonderer Titel, den man auch abseits von Studio-Konflikten als künstlerisch wertvollen Beitrag eines engagierten Dev-Teams sehen sollte. ZERO PARADES: For Dead Spies sieht nicht nur fantastisch aus, sondern erzählt eine spannende Spionage-Story mit charakterstarken NPCs, unzähligen Twists und einer interessanten Mechaniken, die euch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn ihr euch zu mächtig fühlt. Ein paar Dialog-Schnipsel waren mir etwas zu offensichtlich geschrieben und an ein paar Stellen besteht noch etwas Patch-Bedarf, insgesamt hat mich das Spiel aber immer wieder laut lachen lassen, die Story hat mich immer weiter angefixt und ich hatte eine verdammt gute Zeit mit allem, was ZERO PARADES mir aufgetischt hat.

4 von 5 Wertung für ZERO PARADES: For Dead Spies von ZA/UM Studio
4 von 5 Bagmans.

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