Egal ob noch mit Vorwissen aus dem 3DS-Titel, Szenen aus den ersten Online-Präsentationen oder durch die Demo, die Nintendo im März veröffentlicht hat: dem ganzen Internet wurde schnell klar, dass uns mit Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ein Spiel für die Nintendo Switch erwartet, das seinesgleichen sucht und das in der Form auch nur von Nintendo kommen kann. So richtig erwartet hat glaube ich niemand, dass nach über 10 Jahren plötzlich ein neuer Teil der absurden Serie angekündigt wird, gemeinsam mit Pokémon Pokopia und dem 3.0-Update für Animal Crossing: New Horizons darf Tomodachi Life nun aber das cozy Inselbau-Simulations Lineup von Nintendo um einen zusätzlichen Titel erweitern und mit seiner Energie eine ordentliche Schippe Chaos drauflegen. Wie groß diese Chaos-Energie tatsächlich ist, wollte ich natürlich selbst herausfinden und habe direkt Miis erstellt für meine neue Insel.
Einer richtigen Story folgt das Spiel dabei nicht und ihr habt auch keine wirkliche Aufgabe, die es für euch als Spieler*in zu erfüllen gilt. Ihr müsst weder Schulden bei einem Tanuki abbezahlen, Dinge reparieren, selbst Strukturen neu aufbauen oder sonstige Hauptmissionen erledigen. Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist vermutlich eines der gleichzeitig entspanntesten und absurdesten Spiele, die ich je gespielt habe: ihr erstellt eigentlich nur verschiedene Miis, platziert deren Häuser auf eurer Insel und schaut dann dabei zu, was für Unfug dort so gemacht wird. Das Spiel gibt euch dabei keine konkreten Missionen, ihr werdet aber zumindest ein bisschen an der Hand genommen und erfahrt im Tutorial, wie ihr den Level eurer Miis erhöhen könnt, was es für Einrichtungen auf eurer Insel gibt, wie ihr eure Insel verschönern könnt und habt damit definitiv genug zu tun im Spiel.

Bei der Erstellung eurer Miis sind euch so gut wie keine Grenzen gesetzt und schon in der Demo-Version steht euch die volle Bandbreite an Möglichkeiten zur Verfügung. Solltet ihr euch also unklar sein, ob Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ein Spiel für euch ist, ladet euch am besten einfach die Testversion aus dem eShop, dort könnt ihr schon 3 eigene Miis erstellen, diese dann in die Vollversion mitnehmen und erhaltet noch ein Hamster-Kostüm obendrauf. Im Mii-Editor wählt ihr zuerst aus zwei vorgefertigten Standard-Modellen aus und könnt diese dann ganz nach Lust und Laune bearbeiten. Wie auch im regulären Mii-Editor wählt ihr hier Haut-, Haar- und Augenfarbe aus, gebt euren Miis verschiedene Nasen, Münder, Augenbrauen oder Frisuren und könnt diese in einem Detail-Menü noch weiter in ihrer Größe, Neigung oder Platzierung anpassen. Im Vergleich habt ihr hier aber wesentlich mehr Möglichkeiten als im Standard Mii-Editor, den Nintendo euch sonst bietet.
Alleine bei den Augen stehen euch neben der Grundform noch 6 weitere Optionen zur Verfügung, mit denen ihr die Augen eurer Miis wahnsinnig detailliert anpassen und mit ein paar Kniffen auch komplett anders aussehen lassen könnt. Auch bei den Haaren habt ihr sehr viel mehr Optionen als sonst und könnt bei euren Miis separat den Pony und den hinteren Bereich der Frisur auswählen und Higlight-Farben setzen. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch einfach alle Optionen deaktivieren und einen Mii komplett ohne Gesicht erstellen. Neben Brillen und Makeup habt ihr dann nämlich außerdem noch die Möglichkeit selbst kreativ zu werden und entweder auf dem Touchscreen oder mit dem Controller drauf los zu zeichnen und euer Design noch um weitere Details zu erweitern. Was hier teilweise möglich ist, ist echt absurd und obwohl ich bestimmt nur an der Oberfläche davon gekratzt habe, habe ich z.B. für meinen Power-Mii aus Chainsaw Man direkt ganze 3 Stunden in dem Editor verbracht, nur damit alles perfekt sitzt.

Sobald ihr mit dem Aussehen eurer Miis zufrieden seid, ist aber noch längst nicht alles im Editor erledigt: die Miis auf eurer Insel können sich untereinander verlieben, daten, heiraten und sogar Kinder kriegen. Damit das aber auch alles seine Wege nimmt, bestimmt ihr zuerst das Gender eures Miis – männlich, weiblich oder nicht binär – und gleichzeitig auch dessen Dating-Präferenzen. Jeder Mii bekommt dann außerdem über ein Menü mit mehreren Schiebe-Reglern eine eigene Persönlichkeit, die das Verhalten auf der Insel und anderen gegenüber bestimmt und zusätzlich könnt ihr euch bei den jeweiligen Stimmen austoben. Entweder nehmt ihr eine der vorgefertigten Optionen oder stellt die Stimme selbst ein inkl. 6 verschiedenen Melodiken. Der große Clou an Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist nämlich, dass eure Miis tatsächlich sprechen und jeder Dialog, selbst Themen, die ihr selbst vorgebt, im Spiel vertont werden.
Auf meiner Insel läuft etwa Johnny Silverhand aus Cyberpunk 2077 rum und versucht mit Leuten über Terrorismus zu reden, Kiryu Kazuma aus Yakuza datet Bayonetta und spricht mit ihr über Sega und mein Miggi-Mii hat mittlerweile Taylor Swift geheiratet und plant mit ihr gemeinsam das Patriarchat zu zerstören. Ich schwöre ich hab das nicht absichtlich eingefädelt. Das alles wäre vermutlich schon Spaß genug, durch die Vertonung des ganzen in den witzigen Stimmen des Spiels, macht das alles aber umso mehr Spaß und ich kann gar nicht genug davon kriegen neue Miis einziehen zu lassen, die noch mehr Chaos auf die Insel bringen. Damit eure Miis alles auch richtig betonen, könnt ihr für jeden Begriff, den ihr selbst ins Spiel bringt auch eigenhändig die Betonung individuell anpassen, damit Sega nicht plötzlich zu Saygaw wird und alles seine Richtigkeit hat. Hier die richtigen Silben zu finden ist teilweise gar nicht so einfach, lohnt sich aber am Ende trotzdem immer wieder, wenn man seine Miis sprechen hört.

Aber eure Kreativität beschränkt sich zum Glück nicht nur auf die Miis selbst. Im weiteren Spielverlauf dürft ihr immer mehr selbst designen und könnt am Ende ganze Häuser selbst gestalten, eigenes Essen & Getränke auf die Speisekarte setzen, Kleidung für eure Miis erstellen und sogar eigene Haustiere und Gegenstände anlegen, diese wieder benennen und euren Miis schenken. Hierzu könnt ihr entweder fertige Stempel nutzen, wie ich das etwa bei meiner Pizza-Pizza gemacht habe, bei der ich ein kleineres Stück Pizza auf ein größeres Stück Pizza gelegt und das ganze mit einem Burger-Patty und einem Blatt Basilikum garniert habe, oder ihr zeichnet auch hier einfach wieder selbst drauf los. Desto kreativer ihr seid und je mehr Chaos-Energie in euch steckt, desto mehr Spaß werdet ihr mit Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden haben.
Damit ihr aber nicht ganz auf euch und eure Kreativät allein gestellt seid, nimmt euch das Spiel zumindest ein bisschen an der Hand, was den Ablauf angeht. Je mehr Miis ihr eurer Insel hinzufügt, desto mehr Platz erhaltet ihr dort. Stimmt ihr eure Miis zufrieden, indem ihr ihnen Wünsche erfüllt, Gegenstände, Kleidung oder Essen schenkt oder ihre Wohnung einrichtet, sammelt ihr Energie, die ihr am Wunschbrunnen für Belohnungen eintauschen könnt. Damit levelt ihr eure Insel zusätzlich auf und erhaltet mit der Zeit immer mehr Optionen, um wiederum mehr anzupassen: ihr bekommt Eigenheiten, die ihr Miis beim Aufleveln geben könnt, neue Gebäude wie eine Fernsehstation oder ein Fotostudio und neue Items, die ihr von da an in den verschiedenen Shops auf der Insel kaufen könnt. Alles, was ihr im Spiel macht, belohnt euch also an einer anderen Stelle wieder mit mehr Optionen, Gegenständen oder auch einfach Geld, mit dem ihr shoppen gehen könnt.

Während ihr spielt melden sich eure Miis immer wieder bei euch mit verschiedenen Anliegen oder anderen Ereignissen. In einem Übersichts-Menü zeigt euch Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden dabei ganz übersichtlich, welche Miis gerade Redebedarf haben oder bei wem was passiert. So könnt ihr in die Träume eurer Inselbewohner*innen eintauchen, besondere Interaktionen mit anderen Miis beobachten und teilweise auch kleine Minispiele spielen. Eure Miis fragen euch dabei verdeckte Schatten von Gegenständen zu erkennen, ihr könnt ein kleines Bowlingspiel oder „Rotes Licht, Grünes Licht“ spielen, müsst Begriffe unter einer bestimmten Kategorie fortführen oder das Riesenrad, das ihr später freischaltet, so schnipsen, dass die Gondel mit dem jeweiligen Mii genau am Ausgang hält. Gewinnt ihr, erhaltet ihr von eurem Mii eines von drei Geschenken, unterteilt in 3 Größen, verliert ihr bekommt ihr als Trostpreis eine Rolle Klopapier oder Taschentücher.
Manchmal fragen euch eure Miis auch nach neuen Outfits, wollen einen anderen Mii kennenlernen oder wollen, dass ihr neue Gegenstände auf eurer Insel platziert. Erfüllt ihr die Wünsche, macht ihr eure Bewohner*innen glücklicher, ihr könnt aber auch einfach ablehnen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Richtig traurig werden die Miis nur, wenn sie von anderen Miis abgewiesen werden, während sie ihre Liebe gestehen, dann müsst ihr sie wieder aufmuntern, bis ihre Zufriedenheit und ihr Level wieder ansteigen kann. Vor allem im späteren Spielverlauf, ab etwa Stunde 15, habe ich vor allem die Einrichtungs-Wünsche immer wieder abgelehnt, da ihr regelmäßig nach den selben Gegenständen gefragt werdet und sind wir ehrlich – eine Insel kann nur eine bestimmte Anzahl an Parkbänken oder Laternen brauchen, irgendwann ist dann auch genug.

Solange ihr eure Miis nicht in die jeweilige Richtung schubst, sind diese erstmal Fremde und müssen sich durch ein bisschen Hilfe von euch erst einmal kennenlernen. Habt ihr das geschafft, entwickeln sich die Beziehungen der Miis – egal ob freundschaftlich oder romantisch – ganz eigenständig und ihr habt nicht zwingend viel zu tun. Irgendwann habe ich das Spiel angemacht, Luffy und Power waren plötzlich sauer aufeinander und ich musste Streit schlichten, während ein anderes Mal Kiryu mich angesprochen hat, dass er sich in Bayonetta verliebt hat und ihr gerne seine Liebe gestehen würde. Ihr könnt hier dann beratschlagend zur Seite stehen und die Miis in eine Richtung stupsen, den Ausgang habt ihr allerdings nicht wirklich im Griff und es kann auch sein, dass beim Liebesgeständnis plötzlich eine dritte Figur dazwischen grätscht und alles anders kommt als gedacht.
Optisch ist Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden durch das Design der Miis und auch der Spielwelt sehr süß und comichaft gehalten und ob man den Stil mag oder nicht ist natürlich komplett Geschmacksache. Ich persönlich habe meine Miis und Insel direkt ins Herz geschlossen, weiß aber auch, dass viele den Mii-Stil nicht so gut finden. Die Items, die ihr verschenken könnt, sowie Essen und Getränke sind dafür realistische Foto-Assets. Für mich hat diese Kombination auch schon in den Kirby-Spielen immer sehr gut funktioniert und vor allem hier wird es durch das schiere Ausmaß an verschiedenen Items und Gerichten komplett auf die Spitze getrieben. Ich habe teilweise Gerichte im Supermarkt gekauft, von denen ich noch nie gehört habe und insgesamt warten ganze 465 verschiedene Kulinarik-Items im Spiel auf euch, ohne die von euch erstellten natürlich. Jeder Mii hat dabei bestimmte Lieblings- und Hass-Dinge, die die Zufriedenheit jeweils besser oder schlechter bzw. gar nicht füllen und ein Lieblingsgericht zu finden, ist dadurch absolut nicht einfach.

Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist insgesamt wohl eher mehr ein kleines digitales Terrarium, als ein Videospiel, wie ihr es sonst vielleicht kennt. Das hat sich auch im neuesten Ableger für die Nintendo Switch nicht geändert. Vor allem wenn man sich Titel wie Pokémon Pokopia oder auch ein Animal Crossing: New Horizons im Vergleich ansieht, die definitiv mehr aktives Gameplay haben, während ihr in Tomodachi Life eher eine beobachtende Rolle einnehmt. Hier macht es vermutlich auch wenig Sinn das Spiel über mehrere Tage stundenlang am Stück zu spielen und man macht sich damit eher die Spielerfahrung selbst kaputt. Ich hatte es – wenn ich nicht gerade im Editor versunken bin – meistens so gemacht, dass ich mehrmals am Tag für ca. 20 Minuten ins Spiel geschaut habe und habe damit auch jetzt immer noch viel Spaß. Vor allem, wenn ihr den Editor ausgiebig nutzt, habt ihr sicher viel zu tun und könnt euch austoben, abseits davon müsst ihr euch aber voll aufs Spielprinzip einlassen, um Spaß zu haben.
// solltet ihr Freund*innen von Chaos sein, euch gerne kreativ austoben und etwas infantilen Humor mitbringen, dann ist Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden eine unendlich-weite Spielwiese an Spaß! //
Als jemand, der den Vorgänger auf dem Nintendo 3DS nie wirklich gespielt, ihn aber auf dem Schirm hatte, war ich nach der ersten Ankündigung in der Nintendo Direct im März 2025 absolut hyped, dass es einen neuen Teil geben wird. Durch den starken Fokus auf die Miis und ihre Aktionen ist der Titel definitiv besonders und man muss sich auf das Spielprinzip einlassen, um damit Spaß zu haben. Aber: solltet ihr Freund*innen von Chaos sein, euch gerne kreativ austoben und etwas infantilen Humor mitbringen, dann ist Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden eine unendlich-weite Spielwiese an Spaß! Es ist schade, dass man seine Kreationen nicht von der Switch auf sein Handy laden kann, vermutlich hätte das aber wieder zu mehr Filtern geführt und ich bin wahnsinnig happy, dass man im Spiel einfach alles machen kann, was man möchte. Dadurch entstehen absurde und gleichzeitig unfassbar witzige Situationen und ich hatte bzw. habe immer noch eine richtig gute Zeit mit dem Spiel. Am besten werft ihr einfach selbst einen Blick in die Demo und wenn ihr euch da schon wie ich vor Lachen kugelt, bleibt am besten direkt dran.


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