Titelbild zu Mina the Hollower von Yacht Club Games

Mina the Hollower

Es fühlt sich definitiv nicht so an, aber es ist schon über 10 Jahre her, dass Yacht Club Games mit Shovel Knight einen absoluten Indie-Game-Klassiker veröffentlicht hat. Einerseits fühlt es sich nicht so an, weil das Spiel über die Jahre immer weiter unterstützt wurde und ganze 4 Erweiterungen erhielt, andererseits weil es mit seiner 8-Bit Pixel-Optik, und dem präzisen Gameplay bis heute zeitlos ist. Über die letzten Jahre gab es mehrere Spin-Offs und sogar ein Brettspiel, worauf ich mich aber seit der Ankündigung 2022 wirklich gefreut habe, ist der neueste Titel des Studios: Mina the Hollower. Mit etwas Pech hätte das Nebenprojekt von Game Designer Alec Faulkner nie das Licht der Welt erblickt, zum Glück wurde aber das Potenzial seines Prototypen erkannt und erscheint jetzt endlich.

Zu Beginn des Spiels reist ihr als Mina, einer Höhlerin, via Schiff auf die Insel Tenebrous. Mit euren Fähigkeiten sollt ihr dabei helfen die verfluchte Insel zu retten, die immer weiter von Monstern überrannt wird. Diese sammeln sich durch den Ausfall mehrerer Spark-Generatoren, die ihr dort gemeinsam mit der Unterstützung von Bürgermeister Lionel erbaut habt. Dieser bittet euch nun um eure Hilfe, um die Stadt Ossex und alle Bewohner*innen zu beschützen, dabei bekommt ihr es aber mit allerhand Widerstand zu tun. Eure Reise zu den insgesamt 6 Generatoren führt euch dabei über die ganze Insel, über die Zeitung könnt ihr euch jeweils Tipps holen wo ihr als nächstes hinmüsst, mit unzähligen NPCs sprechen, die die Spielwelt lebendig werden lassen und insgesamt sollte euer erster Playthrough euch etwa 20 bis 30 Stunden beschäftigen. Je nachdem, wie gründlich ihr seid.

Die Reihenfolge, in der ihr die 6 Generatoren repariert, ist dabei nicht vorgegeben und ihr könnt euch selbstständig durch die Spielwelt bewegen, die jeweils aus einzelnen Screens aufgebaut ist, wie man es etwa aus The Legend of Zelda: Link’s Awakening kennt, dessen (Mit-)Einfluss in Mina the Hollower immer wieder sichtbar wird. Ich selber habe z.B. einen der späteren Generatoren im Eis-Areal etwas vorgezogen, weil ich schon früher in das Gebiet gekommen bin, musste mich dadurch aber auch durch eine wesentlich härtere Herausforderung kämpfen, da der Schwierigkeitsgrad der Gebiete in einer bestimmten Reihenfolge härter wird. Solltet ihr an einer Stelle mal anstehen, lohnt es sich also, nicht immer so stur zu sein, wie ich es war. Ihr könnt auch jederzeit umkehren und euch erst woanders umsehen, wo ihr es eventuell auch schon mit niedrigerem Skill-Level einfacher habt.

Insgesamt warten in Mina the Hollower über 15 Gebiete auf euch, die sich nicht nur im Schwierigkeitsgrad, sondern auch in den von euch geforderten Mechaniken und ihrem Design voneinander unterscheiden. Eure Reise führt euch dabei von der Stadt Ossex aus in ein Sumpfgebiet, eine bergige Eislandschaft, einen Friedhof inkl. Untoter, oder auch in eine Wüstenlandschaft. In jedem dieser Gebiete gibt es verdammt viele Geheimnisse für euch zu finden, es lohnt sich also alles gründlich zu untersuchen. Nachdem bei mir nach knapp über 18 Stunden die Credits liefen und ich sah, dass ich neben 150 erlittenen Toden nur 55% des Spiels abgeschlossen hatte, wurde mir erst selbst so richtig bewusst, wie viel Geheimnisse noch in diesem Spiel schlummern. Aber keine Sorge, nach dem Ende dürft ihr einfach wieder zurück in die Welt und in aller Ruhe die 100% holen, oder auch einfach in einen New Game+ Durchlauf starten.

Bevor ihr ins Spiel startet, dürft ihr euch für eine von 3 Standard-Waffen entscheiden: der Peitsche, die mit besonderer Reichweite punkten kann, einem Hammer, den ihr mit gehaltener Angriffs-Taste aufladen könnt und Doppelklingen, deren Reichweite zwar geringer ist, mit denen ihr aber besonders schnell angreift. Im weiteren Spielverlauf findet ihr außerdem noch ein Schild, das ihr sowohl zum Angreifen als auch Verteidigen verwenden könnt und den Battery Buster, dessen Fernkampf-Munition durch Nahkampf-Angriffe aufgeladen werden kann. Für jede der Waffen sind zusätzlich noch Upgrades in der Spielwelt versteckt, die sie noch stärker werden lassen. Die Peitsche war für mich den Großteil der Spielzeit treuer Begleiter, da sie vor allem durch die Reichweite wahnsinnig hilfreich ist, später habe ich dann aber zum Buster gewechselt. Jede Waffe bietet aber ihr Vor- und auch Nachteile und ihr könnt euch je nach Spielstil für die passende Ausrüstung entscheiden.

Neben den Hauptwaffen dürft ihr außerdem noch auf verschiedene Nebenwaffen zurückgreifen, die ihr in der Welt findet, die allerdings nach einem Tod aus eurem Inventar verschwinden. Diese könnt ihr nicht unbegrenzt nutzen, sondern müsst separate Joule-Energie dafür einsammeln, dafür sind sie besonders mächtig – oder erlauben es euch einfach in der Welt zu fischen und wir alle lieben Fishing Minigames. Zusätzlich könnt ihr außerdem auf insgesamt 60 Talismane zurückgreifen, die euch das Leben einfacher machen (können). Startet ihr in euer Abenteuer, habt ihr im Inventar Platz um 1 davon auszurüsten, später schaltet ihr noch mehr Slots frei, um mehrere Talismane gleichzeitig zu tragen. Die Talismane erhöhen dabei entweder eure Angriffskraft, Verteidigung, geben euch teilweise auch ganz neue Fähigkeiten, wie etwa die Möglichkeit euch auch an Wänden entlang zu graben, in Wasser nicht langsamer zu werden und mehr.

Auf Tenebrous warten dabei mehr als genug Gegnertypen darauf, mit euren Waffen Bekanntschaft zu machen. Je nach Gebiet warten einzigartige Gegnertypen auf euch, die konstant schwerer werden und euch mit ganz eigenen Attacken und Angriffsmustern herausfordern. Zusätzlich dürft ihr euch im Spiel fast 30 Bossen stellen, wovon mir jede einzelne Kampf durch seine Inszenierung und durchdachte Kampfmechaniken im Gedächtnis geblieben ist – ihr lernt nach und nach die Angriffsmuster, könnt mit genügend Skill aber auch immer schnell genug auf spontane Angriffe reagieren. Bei jedem Generator wartet außerdem noch ein kleines Minispiel auf euch, bevor ihr den Generator reparieren könnt und das auch senkrecht den Turm hinauflaufen lässt und Yacht Club Games hat im Spiel immer wieder kleinere Rätsel eingebaut die das Spielgeschehen zusätzlich auflockern.

Besonders spannend und vor allem gelungen umgesetzt, fand ich das Todes-, Heilungs- und Währungssystem im Spiel. Von besiegten Gegnern und vergraben in der Spielwelt sammelt ihr im Spiel Knochen, die euch als Hauptwährung dienen und euch zudem eure Skills permanent aufleveln lassen, wenn ihr genug gesammelt habt. Gleichzeitig trägt Mina zu Beginn eine Spark-Ladung mit sich, die im Todesfall wieder aufgesammelt werden kann. Diese sorgt dafür, dass ihr nicht automatisch alle Knochen verliert, wenn ihr sterbt. Erst, wenn auch die Spark-Ladung verloren geht – wenn ihr z.B. auf dem Weg zu eurem Todesort noch einmal sterben solltet – sind auch eure Knochen dahin. Im Laufe des Spiels könnt ihr aber auch eure Spark-Ladungen upgraden oder via Talisman erweitern. Sterbt ihr dann, sind eure Knochen erst weg, wenn all eure Ladungen aufgebraucht sind. Ihr könnt euch so also ein bisschen mehr Sicherheit schaffen, die ihr vor allem in späteren Gebieten aber auch brauchen werdet.

Das ist aber nicht die einzige interessante Mechanik des Spiels: durch ihre Ausbildung zur Höhlerin kann Mina sich auf Knopfdruck in der Erde vergraben – wenn es der jeweilige Untergrund auch hergibt – und kommt so an Stellen, die ihr anders nicht erreichen würdet. Ihr könnt euch damit entweder durch kleine Löcher in Wänden graben, manchen Angriffen von Gegnern ausweichen und die Fähigkeit auch nutzen, um Wasser zu durchqueren. Die Zeit unter der Erde ist allerdings begrenzt und wird von einem besonders weiten Sprung beendet, den ihr auch für Platforming-Passagen im Spiel nutzen müsst. Das Vergraben ist dabei immer mit einem einleitenden Sprung verbunden, werdet ihr dabei von einem Angriff erwischt, müsst ihr euch erst mal kurz recovern, das Timing ist hier also absolut entscheidend. Während ich zu Beginn des Spiels noch viel zu oft in Abgründe gefallen bin, hatte ich gegen Ende unfassbar viel Spaß mit der Fähigkeit.

Heilen könnt ihr euch in Mina the Hollower mit euren Plasma-Phiolen, allerdings auch erst, wenn ihr genug Energie gesammelt habt. Versucht ihr eure Gesundheit wieder aufzufüllen, bevor ihr genug Energie habt, heilt ihr euch entweder nur wenig oder im Worst Case überhaupt nicht. Angezeigt wird euch das über einen orangenen Balken innerhalb eurer HP-Leiste, der sich auffüllt, wenn ihr Gegnern Schaden zufügt. Gemeinsam mit der Spark-Mechanik ergibt sich dadurch eine wundervolle Risk & Reward-Mischung, die den Grundgedanken von Spielen wie Bloodborne oder Dark Souls noch einmal etwas weiter denkt, euch einerseits als Spieler*in mehr Freiheit gibt, aber auch mehr Risiko mit ins Spiel bringt. Vor allem, weil Mina immer kurz stehen bleibt und ihr eine kurze Heil-Animation abwarten müsst, wodurch ihr euch komplett offen für Angriffe macht.

Das Pendant zu den Leuchtfeuern ist in Mina the Hollower das Labor, welches ihr über Tunnel in der Welt verteilt erreicht, die gleichzeitig auch die Checkpoints darstellen, an denen ihr wiederbelebt werdet. Dort könnt ihr euch nicht nur heilen, sondern auch eure Plasma-Phiolen auffüllen, müsst aber auch aufpassen: sobald ihr das Labor betretet, respawnen alle Gegner, die ihr schon besiegt habt und ihr müsst euch erneut mit ihnen rumschlagen. Im Spielverlauf erhaltet ihr die Möglichkeit das Labor u.a. mit einer Weltkarte und anderen nützlichen Accessoires auszustatten, könnt dort eure Hauptwaffe wechseln, eure Talismane tauschen und auch eure Knochensteine in Knochen umwandeln, falls euch nicht mehr viel fürs nächste Level-Up fehlen sollte. Die Checkpoints sind im regulären Schwierigkeitsgrad absolut fair verteilt, ihr könnt euch aber das Leben hier manuell erschweren oder auch vereinfachen.

Beeindruckender als in jedem anderen Spiel, das ich bisher gespielt habe, sind die Möglichkeiten, mit denen ihr euch Mina the Hollower selbst einfacher, schwerer oder auch einfach nur sehr viel seltsamer machen könnt. Mit unzähligen Modifikatoren könnt ihr über das Einstellungs-Menü verschiedene Aspekte des Spiels verändern und dabei etwa eure Sprunghöhe verändern, einstellen, dass Gegner euch wesentlich weniger oder auch sehr viel mehr Schaden machen. Diese könnt ihr entweder komplett manuell aktivieren oder euch in einer Combo-Sektion direkt von Yacht Club Games zusammengestellte Pakete aussuchen, die euer Spielerlebnis maßgeblich verändern. In diesem Umfang habe ich das noch nie in einem Spiel so transparent und gleichzeitig zugänglich gelöst gesehen und habt ihr das Spiel erst einmal durchgespielt, warten sogar noch mehr Modifikatoren und Möglichkeiten auf euch.

Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, habt ihr es vermutlich schon auf den Screenshots gesehen: Mina the Hollower ist, wie auch schon Shovel Knight, Pixel Art-Perfektion. Diesmal hat sich Yacht Club Games allerdings nicht am Look des NES, sondern des Game Boy Color orientiert. Um das möglichst authentisch zu schaffen, werdet ihr im Spiel keine 3D-Effekte finden und jedes Sprite – egal ob Mina, die Gegner, NPCs oder Gegenstände in der Umgebung – ist auf maximal 4 Farben pro Objekt beschränkt, wie eben auch am Game Boy Color. Das einzige was ich mir noch gewünscht hätte, wäre ein Filter, der auch die Scanlines des Game Boy Colors imitiert, ansonsten liebe ich den Look aber von vorne bis hinten. Bugs oder andere Probleme sind mir auch schon vor Release überhaupt keine aufgefallen: das Spiel lief flüssig, ist nie abgeschmiert und ich hatte während meiner gesamten Spielzeit auch keine anderen Probleme. Der Soundtrack stammt auch hier wieder von Jake Kaufman, der die perfekte Chiptune-Melodie für jede Situation gezaubert hat.

// Mina the Hollower ist nicht nur eine fantastische Hommage an die gute alte Game Boy Color-Zeit, sondern kombiniert extrem interessante Gameplay-Mechaniken mit einer lebendigen und umfangreichen Spielwelt, die voller Geheimnisse und Überraschungen steckt und sieht dabei auch noch fantastisch aus. //

Schon nach der letzten Demo-Session mit dem Spiel, war ich mir relativ sicher, dass uns hier ein ganz besonderer Titel erwartet. Nach 6 Jahren Entwicklungszeit war es aber nun endlich soweit und ich konnte mich in der Vollversion davon überzeugen und meine Vermutung bestätigen: Mina the Hollower ist nicht nur eine fantastische Hommage an die gute alte Game Boy Color-Zeit, sondern kombiniert extrem interessante Gameplay-Mechaniken mit einer lebendigen und umfangreichen Spielwelt, die voller Geheimnisse und Überraschungen steckt und sieht dabei auch noch fantastisch aus. Durch die unzähligen Modifikatoren kann man sich das Spiel so leicht, schwer oder absurd machen, wie man möchte, die Boss-Fights sind alle wahnsinnig gut durchdacht, die unterschiedlichen Waffen, Nebenwaffen und Talismane passen sich jedem Spielstil perfekt an und die Kämpfe werden perfekt ergänzt durch präzises Platforming und diverse Rätsel. Mich hat Mina the Hollower wirklich auf voller Länge abgeholt und steht bei mir sehr weit oben, wenn es am Ende des Jahres um die GOTY-Frage gehen wird.

5 von 5 Wertung für Mina the Hollower von Yacht Club Games
5 von 5 Thornes.

Bock auf mehr?

Wo dieser Beitrag herkommt, gibt es noch einige mehr. Eine kleine Auswahl findest du hier:

Entdecke mehr von ThreeTwoPlay

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen