Titelbild zu Replaced von Sad Cat Studios und Thunderful

Replaced

Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, was kleine Teams mit viel Leidenschaft selbst aus dem Boden stampfen. Noch viel beeindruckender ist es, diese Faszination und Motivation dann live zu erleben und selbst zu spüren. So kaputt die Videospiel-Industrie aktuell auch ist, so wunderschön war es gleichzeitig auf gamescom letztes Jahr mit den verschiedenen Entwickler*innen direkt über ihr anstehenden Spiele zu sprechen und aus erster Hand zu erleben, wie viel Liebe, Herzblut und teilweise auch Schweiß in den jeweiligen Titeln steckt. Einen besonders mitreißenden Termin hatten wir dort direkt am ersten Tag bei den Devs von Sad Cat Studios, die uns ihren anstehenden Debüt-Titel Replaced vorgestellt haben. Das Indie-Game konnte seit der ersten Ankündigung während der E3 2021 bereits eine treue Fanbase aufbauen, das Studio, das ursprünglich in Belarus gegründet wurde, musste in der Zwischenzeit allerdings nach Zypern umsiedeln und das sehr optimistisch angesetzte Release-Datum über die letzten Jahre mehrmals verschieben. Jetzt ist es aber endlich soweit und ihr könnt auf PC & Xbox – inkl. Game Pass direkt zum Release – ins Spiel starten.

Replaced schickt euch in die 1980er Jahre zurück, allerdings in einer alternativen Timeline: die USA wurden von einer schweren Atom-Katastrophe getroffen und die korrupte Phoenix Corporation hat sich mit Phoenix-City ihre eigene Stadt aufgebaut, während die meisten Menschen in Armut und Not außerhalb der Stadt leben müssen. Die Story des Spiels beginnt damit, dass ein Wissenschaftler sich durch einen – zugegebenermaßen selbst verursachten und vermeidbaren – Unfall mit seiner KI R.E.A.C.H. von nun an den Körper teilen muss bzw. diese seinen Verstand komplett übernimmt. Ein Unfall von dem niemand gedacht hätte, dass er so überhaupt möglich ist und der dazu führt, dass R.E.A.C.H. aus dem eigenen Labor flüchten muss. Dabei trefft ihr noch während des Tutorials auf Tempest, der euch in eine von Menschen bewohnte Siedlung führt und während ihr zu Beginn noch versucht so schnell wie möglich zurück nach Phoenix-City zu kommen, lernt ihr dort immer mehr über die Menschheit, Reach entwickelt nach und nach menschliche Gefühle und die Story hatte einige Wendungen parat, die ich so selbst nicht auf dem Schirm hatte.

Sad Cat Studios hat sich der Cyberpunk-Thematik in Replaced dabei aus einer etwas anderen Perspektive angenommen und nicht den Weg der fernen High Tech-Zukunft gewählt, in der Sprachen verschmelzen und alles voller Neonlichter und LED-Walls ist, sondern zeigt eine weitaus düstere Version der dystopischen Vision, die näher an unserer aktuellen Realität ist. In Österreich würde man sagen, dass es mehr „grindig“ ist. Diesen Punkt hatten die Entwickler schon während des gamescom-Termins angesprochen und über die gesamte Spiellänge, die etwa 10 – 12 Stunden beträgt, fällt das auch auf jeden Fall in allen Aspekten auf. Es gibt in Replaced zwar trotzdem futuristische Werkzeuge, Roboter und anderes, was weder in die 80er-Jahre noch in unsere aktuelle Zeit passt, die Spielwelt fühlt sich aber wesentlich geerdeter an, als etwa in einem Cyberpunk 2077 und selbst die Tools, die Verwendung finden, haben einen gewissen Retro-Zukunfts-Charme. Der kleine Computer, den z.B. der Protagonist mit sich trägt und den ihr etwa nutzt um Collectibles zu kategorisieren oder auch, um eure aktive Mission einzusehen, sieht aus wie ein Walkman, wird über Druckknöpfe und ein Rädchen an der Seite bedient und ist auf den ersten Blick technologisch weit weg von den Smartphones, die wir benutzen.

Obwohl ihr euch das ganze Spiel ähnlich wie Limbo, Inside oder das kürzlich erschienene Planet of Lana II durch eine recht lineare 2D-Welt bewegt, ist nicht nur alles in Replaced als dreidimensionales Modell gebaut, sondern diese Dreidimensionalität wird auch bewusst als Stilmittel genutzt. Ihr könnt die Kamera selbst nicht steuern, immer wieder schwenkt diese aber selbstständig, zoomt raus, um euch die Größe der Welt besser zu zeigen und immer wieder werden Objekte im Vordergrund dazu genutzt entweder Teile des Screens einzurahmen oder aktiv zu verdecken. Bisher habe ich das in der Form nur als Parallax-Effekt gesehen, in dem sich die unterschiedlichen Ebenen versetzt zueinander bewegen, der Aufbau von Replaced schafft mit diesen Mitteln aber so wahnsinnig beeindruckende Bilder, wie ich sie bisher in keinem anderen 2,5D-Platformer gesehen habe. Wenn man dann noch weiß, dass von den Kameraeinstellungen, dem Setzen der verschiedenen Lichtquellen, bis hin zur Engine alles handgemacht ist, versteht man auch recht schnell, warum der Release etwas auf sich hat warten lassen.

Ganz im Stil von Inside & Co. warten in Replaced natürlich verschiedene Platforming-Passagen auf euch. An manchen Stellen könnt ihr über Treppen in die Tiefe gehen, grundsätzlich bewegt ihr euch aber wirklich nur nach links oder rechts und bekommt im Laufe der Story verschiedene Fähigkeiten, die die Sprungpassagen teilweise komplexer machen. Während ihr zu Beginn nur einen einfachen Sprung ausführen könnt und teilweise Objekte verschiebt, um höhere Vorsprünge zu erreichen, bekommt ihr später noch eine Spitzhacke, mit der ihr euch im Sprung an bestimmten Oberflächen hinter euch festhalten könnt, es kommen mehr Kletter-Passagen auf euch zu und ihr könnt an bestimmten Punkt auch eine Art Doppelsprung ausführen. Zusätzlich dazu fordert euch das Spiel immer wieder mit Chase-Sequenzen heraus und es gibt auch einige Schleich-Passagen, in denen ihr nicht gesehen werden dürft. Die Steuerung sitzt dabei präzise und es gab nur eine Stelle, an der ich die Hitbox der Elektrizität immer wieder unterschätzt habe und von vorne anfangen musste. Die Checkpoints sind aber großteils auch sehr fair gesetzt, wodurch ihr nicht zu weit zurück geworfen werdet, wenn ihr mal wo runterfallen solltet.

Zusätzlich zu den Platforming-Einlagen, hat sich Replaced aber auch ein Kampfsystem überlegt, von dem ich im ersten Moment nicht gedacht hätte, dass es so gut in 2D funktioniert. Ähnlich wie in den Batman Arkham-Spielen werdet ihr immer wieder auf Gegnergruppen treffen, die euch ans Leder wollen und in denen euch immer mehrere Gegner gleichzeitig angreifen. Ihr könnt mit der Angriffs-Taste selbst zuschlagen, einen Konter ausführen, wenn eure Gegner euch ein gelbes Signal geben und müsst eine Ausweich-Rolle ausführen, wenn ein roter Angriff droht. Nachdem ihr die ersten paar Gegnergruppen verprügelt habt, kommen zu den Standard-Einheiten immer stärkere Gegner mit eigenen Fähigkeiten hinzu und die Spitzhacke, die ihr gerade noch zum Klettern benutzt habt, kann dazu genutzt werden gepanzerten Gegnern ihre Rüstung zu entreißen und sie dadurch verwundbar zu machen. Das Kampfsystem bringt euch dabei nicht ganz in den selben Flow wie in den Batman-Spielen und ist etwas behäbiger, hat sich für mich aber trotzdem sehr gut gespielt und einige Kämpfe waren echt nicht ohne, wenn man nicht aufgepasst hat.

Reach muss im Kampf aber nicht seine bloßen Fäuste benutzen, sondern findet zu Beginn des Spiels eine universell einsetzbare Waffe. Schießen könnt ihr damit zu Beginn noch nicht, die Pistole kann sich aber auch direkt in einen Schlagstock verwandeln, mit dem ihr euren Gegnern eins überzieht. Direkt im zweiten Kapitel wird inerhalb der Story aber auch die Schussfunktion der Waffe wieder repariert und ihr könnt diese dazu nutzen, die meisten Gegner direkt auszuschalten, manchmal auch mit einem coolen Finisher-Move. Später erhaltet ihr außerdem noch die Fähigkeit fremde Schüsse mit dem richtigen Timing abzuwehren, kurze Zeit selbst unlimiert Schüsse abgeben zu können und einmal pro Kampf eine Schockwelle auszuführen, die direkt mehrere Gegner erwischt. Nach jedem Kampf laden sich außerdem automatisch eure Gesundheit und Heilungs-Items automatisch wieder auf und werden für den nächsten Encounter zurückgesetzt. Besonders wenn mehrere Kämpfe hintereinander auf euch warten, was besonders gegen Ende des Spiels öfter vorkommt, ist diese Mechanik verdammt nützlich und führt nicht zu unnötigem Frust, weil eure Ressourcen schon alle aufgebraucht sind.

Neben der Schlagstockpistole und der Spitzhacke, die aktiv an euren Story-Fortschritt geknüpft sind, könnt ihr in Replaced aber auch allerhand andere Dinge finden, wenn ihr euch in der Spielwelt genau genug umseht. Dabei findet ihr einerseits Items, die Reach stärker machen, in dem sie euch mehr Heilungsitems geben, diese effektiver machen, eure Schläge euch mehr Energie für eure Waffe und Spezialattacke geben und eure HP erhöhen, andererseits gibt es richtig viele Collectibles, in denen ihr mehr über die Welt, ihre Geschichte und Charaktere erfahrt. Auf eurem Wingman, dem PDA, der aussieht wie ein Walkman, könnt ihr diese News-Beiträge, Nachrichten zwischen Personen, Tagebucheinträge & Co. auch jederzeit noch einmal nachlesen und seht dort auch durch ???-Einträge, wo ihr eventuell etwas verpasst habt. Obwohl ich mich als recht gründlich beschreiben würde, hatte ich am Ende leider doch mehr verpasst, als ich dachte, ich war aber auch wirklich positiv überrascht wie interessant die verschiedenen Einträge waren und habe alle gerne gelesen. Zusätzlich könnt ihr immer wieder auch Musikstücke aus dem Soundtrack finden, die ihr euch über den Wingman nochmals anhören könnt.

Besonders begeistert hat mich in Replaced die Stadt aus dem zweiten Kapitel, in die es euch im Laufe der Story immer wieder verschlägt. Ihr begleitet den Ort und die Bewohner*innen immer weiter, erfahrt durch Gespräche viel über das Leben dort und erhaltet sogar immer wieder Nebenmissionen. Diese belohnen euch am Ende nicht nur mit Upgrades, sondern tragen auch viel zum Worldbuilding bei. Gleichzeitig ploppen schon beim Vorbeilaufen immer wieder Sprechblasen von Charakteren im Hintergrund auf, die ihr zwar auch einfach ignorieren könnt, für mich haben diese der Community in der Stadt aber so viel mehr Leben eingehaucht. Mein persönliches Highlight war aber die Arcade, die ihr im Laufe einer Nebenquest freischaltet und die insgesamt 3 vollwertige Arcade-Spiele für euch zu bieten hat, in denen ihr auf Highscore-Jagd gehen könnt. Diese Spiele orientieren sich dabei an Retro-Klassikern und für jeden geknackten Highscore erhaltet ihr einmalig ebenfalls ein Upgrade für Reach. In der Stadt könnt ihr außerdem versteckte Katzen finden, einen Hund streicheln und einfach ein bisschen die Seele baumeln lassen. Die ruhigen Passagen zwischendurch haben Replaced für mich noch einmal besonderer gemacht und mich weiter in die Welt eintauchen lassen.

Aufgelockert wird das Platforming und Kämpfen aber zusätzlich auch durch kleinere Puzzle-Einlagen, in denen ihr Hinweise in der Umgebung zur Lösung von Rätseln kombinieren müsst und die teilweise gar nicht so einfach sind. Ab dem sechsten Kapitel der Story dürft ihr euch außerdem noch in einem kleinen Hacking-Minigame beweisen: in einer Abfolge von drei Screens müsst ihr unter Zeitdruck zwei passende Muster zusammensetzen und auch das hat sich für mich nahtlos ins Gameplay eingefügt und mir richtig viel Spaß gemacht. Die Kombination der diversen Gameplay-Mechaniken ist Sad Cat Studios wirklich gut gelungen und je länger das Spiel ging, desto überraschter war ich, wie viel letztendlich drinsteckt. Auch musikalisch erwartet euch im Spiel eine breite Palette an Musik, die euch in ruhigen Situationen entweder mit Piano- oder ruhigen Synthwave-Melodien begleitet, in Kampf- und Action-Sequenzen aber auch richtig nach vorne gehen kann.

Es ist – und das habe ich genau so in meinen Notizen stehen – fast schon frech, wie gut Replaced teilweise aussieht. Man merkt an jeder Location und jeder Kamera-Einstellung wie viel Liebe, Aufwand und Arbeit in dieses Spiel geflossen ist und vor allem das Spiel mit diversen Lichtquellen lässt das Spiel so unglaublich schön aussehen. Die Pixel-Optik kombiniert mit den 3D-Effekten fühlt sich an wie eine Paralleldimension des HD2D-Looks von z.B. LIVE A LIVE und weiteren Titeln von Square Enix und vor allem, wenn die Kamera weiter weg zoomt und die Pixel ineinanderlaufen, schafft das Spiel damit Bilder, die ihresgleichen suchen. Durch die 2,5D-Ansicht kommt einem das ganze Spiel vor wie eine einzige Oldboy-Referenz, die Kamera schwenkt teilweise sogar um Ecken mit euch mit, die Spielwelt ist voll mit kleinen Details bis hin zu Graffiti-Malereien auf Wänden, die sich gefühlt nie wiederholen und jedes Kapitel hat optisch komplett neue Eindrücke zu bieten. Alleine fürs Auge lohnt es sich also komplett Replaced zu spielen. Schon vor Release lief der Titel dabei bei meinen Anspiel-Sessions flüssig und nur in den letzten beiden Kapiteln hatte ich ab und zu kleinere Probleme mit einzelnen Texturen oder Platzierungen von Hitboxen, die noch nicht ganz akkurat waren.

„Replaced steckt noch so viel mehr als eine (unfassbar) schöne Fassade und während einen die Spielwelt allein optisch komplett in ihren Bann ziehen kann, macht die Kombination aus Erkundung, Platforming und dem Batman Arkham-mäßigen Kampfsystem auch spielerisch wahnsinnig viel Spaß.“

Indie-Games sind die starke Kreativ-Stütze, auf der die Gaming-Industrie zu großen Teilen steht und ich bin echt froh, dass Herzensprojekte wie diese auch in der heutigen Zeit noch gemacht werden können. Während letztes Jahr Clair Obscur: Expedition 33 unfassbar viele Awards abräumen konnte, steckt auch hier ein etwa gleichgroßes Team dahinter, das wirklich alles gegeben hat und das hat sich komplett bezahlt gemacht: hinter Replaced steckt noch so viel mehr als eine (unfassbar) schöne Fassade und während einen die Spielwelt allein optisch komplett in ihren Bann ziehen kann, macht die Kombination aus Erkundung, Platforming und dem Batman Arkham-mäßigen Kampfsystem auch spielerisch wahnsinnig viel Spaß. Bis auf ein paar kleine visuelle Glitches in den letzten beiden Kapiteln hat mich der Titel vor keine technischen Probleme gestellt und mich mit seinem Worldbuilding komplett in den Bann der Welt gezogen und auch den Soundtrack fand ich richtig gelungen. Dass es sich hier um einen Debüt-Titel handelt, möchte man schon fast nicht glauben und ich hoffe, dass wir in Zukunft noch sehr viel mehr von Sad Cat Studios sehen und spielen werden.

4,5 von 5 Wertung für Replaced von Sad Cat Studios und Thunderful
4,5 von 5 Yo-Yos.

Bock auf mehr?

Wo dieser Beitrag herkommt, gibt es noch einige mehr. Eine kleine Auswahl findest du hier:

Entdecke mehr von ThreeTwoPlay

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen