Titelbild zu Everdeep Aurora von Nautilùsgames

Everdeep Aurora

Das ging jetzt doch wirklich schneller als erwartet. Gerade haben wir noch im Juni insgesamt über 30 Stunden an Streams gesehen, uns die Highlights auf die Wishlist gepackt oder anderswo notiert und dazu dann wie jedes Jahr eine ausführliche Podcast-Folge aufgenommen. So schnell konnte man jetzt gar nicht gucken, ist jetzt auch schon das erste Spiel, das gerade noch in der Wholesome Direct gezeigt wurde, offiziell erschienen. Den Titel habe ich mir in meinen Live-Notizen während des Streams mit einem „Yooooooo“ und mehreren Ausrufezeichen ins Handy getippt, bei der großen Flut an Trailern ist mir aber das Release-Datum vermutlich abhanden gekommen. Vielleicht war es auch einfach meine Begeisterung ob des Game Boy Retro-Looks oder einfach der Fakt, dass man eine Katze spielt. Ich bin ein einfacher Mann. Ich sehe Katze, ich wishliste Spiel. Anyways, dass Everdeep Aurora jetzt am 10. Juli direkt erhältlich war, hat mich dafür umso freudiger gestimmt und ich habe mir direkt den Bohrer geschnappt.

So süß Everdeep Aurora auf den ersten Blick aussieht, so düster ist eigentlich der Background der Welt, in der sich die Story abspielt. Ein schon lange anhaltender apokalyptischer Meteorschauer hat die Bevölkerung dieser fiktiven Welt, bestehend aus Tierwesen, dazu gewungen, sich in die Erde zu graben und dort Zuflucht zu finden. Im Spiel übernehmen wir die Rolle von Shell, einer kleinen Katze, die eines Tages aufwacht und feststellt, dass ihre Mutter verschwunden ist. Also schnappt sich unsere Protagonistin ihren zuverlässigen Bohrer und so geht das Spiel für euch los: ihr versucht nun euch immer weiter in die Tiefen der Welt zu graben und herauszufinden, was es mit dem Verschwinden von Shells Mutter auf sich hat. Die Story ist dabei sehr viel tiefer – und ja, der Witz ist beabsichtigt und ja, da kommen bestimmt noch ein paar mehr – als ich es zuerst vermutet hätte und man kann schon sagen, dass sie einen großen Teil des Spiels einnimmt.

Wer wenig Bock auf Lesen hat, könnte von der ausgiebig erzählten Story, die sich zum großen Teil in den Textboxen abspielt und nicht synchronisiert ist, eventuell abgeschreckt werden. Vor allem weil Everdeep Aurora euch als Spieler*in teilweise komplett im Dunkeln lässt bzw. ihr aus Gesprächen heraus verstehen müsst, was euer nächstes Ziel ist. Ein zu ungeduldig durchgeskippter Text kann also schnell dazu führen, dass ihr ziellos durch die Welt wandert. Das Spielt nimmt euch hier auch nicht weiter an der Hand: ein Kompass steht euch, zumindest in den größten Teilen des Spiels, nicht zur Verfügung. Ihr habt lediglich ein paar wenige Markierungen auf eurer Karte, die euch wichtige Punkte schon anzeigen, wenn ihr in der Nähe davon seid, euch aber nicht sagen, warum diese wichtig sind bzw. was es dort zu erledigen gibt. Die Story und auch die diversen Geschichten der Figuren in der Welt sind dafür schön auserzählt und es lohnt sich diese zu verfolgen. Am Ende könnt ihr auch mehrere Enden erreichen, je nachdem welche Entscheidungen ihr trefft. Außerdem gibt es einen Haufen Kostüme zu finden und wer liebt es nicht, einer Pixelkatze eine süße rote Schleife oder einen witzigen Hut auf den Kopf zu setzen?

Die Karte ist dabei zu Beginn des Spiels erst mal quasi leer und wird erst nach und nach von euch aufgedeckt, während ihr euch im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer ins Spiel grabt. Hier ein kurzer Aufruf zur Vorsicht: das Spiel speichert nicht automatisch, sondern nur, wenn ihr an einem der Zelte rastet. Spielt ihr im Anschluss daran direkt weiter, bleibt die Karte auch erst einmal aufgedeckt, macht ihr das Spiel allerdings aus und setzt eure Session später fort, wacht ihr im Zelt auf und eure Karte muss von neuem aufgedeckt werden. Dargestellt wird euch die Map auf der rechten Bildschirmseite, während ihr auf der linken Seite des Screens eine Übersicht über eure eingesammelten Items und Batterien habt. Das Spanische Studio Nautilùsgames nutzt den Bildschirm so perfekt aus: während sich das Spielgeschehen durch den quadratischen Ausschnitt komplett in den Game Boy Look lehnt, habt ihr links und rechts trotzdem nicht einfach nur schwarze Balken, was natürlich immer noch besser wäre als ein gestrecktes Bild und auch kein statisches Artwork am Rand, wie wir es von vielen Retro-Kollektionen kennen.

Auch wenn man sich im ersten Moment direkt wie Zuhause unter der Erde fühlt, wenn man irgendwann Hollow Knight gespielt hat, ist das Gameplay von Everdeep Aurora nicht wirklich mit dem Kult-Metroidvania zu vergleichen. Shell muss nämlich zu keinem Zeitpunkt des Spiels gegen irgendwelche Gegner kämpfen, der Bohrer wird hier ausschließlich zur Erkundung der Welt eingesetzt. Damit ihr euch das dafür etwas einfacher machen könnt, findet ihr an verschiedenen Orten auf der Karte eine von zwei Mineral-Arten, die ihr beim Schmied gegen Upgrades eintauschen könnt. Damit könnt ihr euch dann schneller durch das Geröll bohren und später auch Felsen zerbröckeln, an denen ihr ohne Upgrade einfach abprallt. Durch das präzise HD-Rumble der Switch 2 fühlt sich das Bohren richtig befriedigend an und würde der Bohrer nicht irgendwann an seine Akku-Grenzen stoßen, hätte ich mich noch viel länger durch die Erde gebohrt. Zum Glück gibt es auf der Karte verteilt immer wieder Aufladestationen, an denen ihr euren Akku gegen rote Steinchen aufladen könnt.

Ihr bohrt euch aber nicht nur durch die Welt, es gibt auch immer wieder mal Platforming-Passagen, die ihr absolvieren müsst. Die Sprünge sind dabei teilweise echt knapp und müssen wirklich präzise gesetzt sein, da ihr sonst schnell mal von vorne anfangen müsst. So ein bisschen Metroidvania steckt dann aber doch auch in Everdeep Aurora – ihr erhaltet nämlich über den Spielverlauf sowohl einen Wandsprung, als auch einen Supersprung, den ihr aufladen könnt. Damit erreicht ihr dann Orte, die euch vorher verschlossen waren und als alter Platforming-Ultra kann ich hier nicht viel bemängeln: die Steuerung sitzt, das Platforming macht Spaß, ist aber bei weitem nicht so erbarmungslos wie etwa in einem Celeste oder The End is Nigh. Mit allen Fähigkeiten macht das Movement durch die Welt auch ohne Säuregruben, spitzen Stacheln oder anderen Konsequenzen trotzdem Spaß und am Ende bin ich trotz Schnellreise-Funktion viel lieber von A nach B gehüpft und habe mir mit meinem Bohrer neue Pfade angelegt, weil es schön smooth von der Hand ging. Macht eventuell an der Stelle nicht den alten Minecraft-Fehler: wer eine lange gerade Linie in den Boden bohrt, hat es später sehr viel schwerer da wieder hochzukommen.

Wenn ihr mit der guten alten Game Boy Ästhetik etwas anfangen könnt, dann ist Everdeep Aurora optisch auf jeden Fall genau das Richtige für euch und ich freue mich persönlich immer wieder, wenn Studios sich für diesen Look bzw. Stil entscheiden. Die Sprites der Charaktere, die gesamte Spielwelt mit ihren versteckten Orten und Geheimnissen, die verschiedenen Ebenen, die sich im Farbschema noch einmal unterscheiden – in jedem Pixel steckt wahnsinnig viel Liebe und auch der Scanline-Filter trägt seinen Teil dazu bei, dass sich das Spiel anfühlt wie ein richtiges Game Boy-Spiel, nur eben mit sehr viel weniger technischen Einschränkungen. Egal wie schnell ihr durch die Welt hüpft und wie tief ihr euch nach unten grabt, ich habe keinerlei technische Probleme oder Ruckler festgestellt. Parallax-Effekte, Licht & Schatten und Partikel zeigen dann doch, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelt, dass so auch auf dem Game Boy laufen könnte. Unterlegt wird Shells Reise mit einem Soundtrack, der sich die meiste Zeit entspannt in den Hintergrund legt und das Bohren richtig meditativ wirken lässt, in spannenden Momenten dreht die Musik aber auch mal auf.

„Everdeep Aurora bietet eine Spielwelt im Retro-Look, in die man sich gerne eingräbt und eine Story, die zwar etwas weniger Textboxen gut vertragen hätte, mit ihren verschiedenen Endings und liebenswerten Charakteren aber trotzdem gut funktioniert.“

Auch wenn Everdeep Aurora auf den ersten Blick durch sein apokalyptisches Setting nicht wie das Paradebeispiel eines Spiels wirkt, dass in der Wholesome Direct stattfindet, habe ich immer mehr gemerkt, dass es dort völlig zurecht seinen Platz gefunden hat. Der entspannende Soundtrack und die Welt, durch die ihr euch bohrt, haben etwas absolut entspannendes und durch die fehlenden Kämpfe und wenig bis keine Konsequenzen, wenn ihr mal wo einen Sprung verpasst, werdet ihr auch nicht unnötig aus eurem Flow rausgerissen. Everdeep Aurora bietet eine Spielwelt im Retro-Look, in die man sich gerne eingräbt und eine Story, die zwar etwas weniger Textboxen gut vertragen hätte, mit ihren verschiedenen Endings und liebenswerten Charakteren aber trotzdem gut funktioniert. Durch die verschiedenen Endings lohnt es sich genau hinzuhören und alles aufmerksam zu erkunden und die 7-8 Stunden, die man mit Shell unter der Erde verbringt, vergehen wie im Flug. Und dann hat man vermutlich immer noch nicht alles gesehen und gefunden und geht einfach noch tiefer rein. Also in die Erde. Aber auch ins Spiel.

4 von 5 Wertung für Everdeep Aurora von Nautilùsgames
4 von 5 Shells.

Bock auf mehr?

Wo dieser Beitrag herkommt, gibt es noch einige mehr. Eine kleine Auswahl findest du hier:

Entdecke mehr von ThreeTwoPlay

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen