Titelbild zu Demonschool von Necrosoft Games und Ysbryd Games

Demonschool

Dass Persona bzw. Shin Megami Tensei eines meiner absoluten Lieblings-Franchises ist, ist weder eine Überraschung für fleißige Leser*innen meiner Reviews und Hörer*innen unseres Podcasts, noch ein Geheimtipp an irgendwen da draußen. Die RPG-Reihe hat ein riesengroßes Publikum und sich spätestens seit Persona 5 in den absoluten Mainstream gespielt. Bevor Persona allerdings bei uns so erfolgreich war wie heute, musste einiges passieren und während man, neben dem fünften Teil, Persona 3 mit dem Portable Port und Reload in 2 Varianten genießen kann und der vierte Teil ebenfalls auf vielen Geräten spielbar ist und mit Revival ein Remake in der Mache hat, gibt es immer noch zwei bzw. drei Spiele, an die man nicht ganz so leicht rankommt. Der erste Teil, Revelations: Persona, war zwar mit auf der PlayStation Classic, ist aber sonst seit dem Original-Release 1996 und dem PSP-Port 2009 nicht mehr auf modernen Plattformen erschienen und ähnlich sieht es mit den beiden Spielen Persona 2: Innocent Sin und Persona 2: Eternal Punishment aus. Genau von diesen älteren Teilen scheint sich Demonschool jetzt inspirieren zu lassen, zumindest was den Look angeht.

Das Spiel schickt euch als Faye im Jahr 1999 per Fähre auf die Insel Hemsk, die als Schauplatz des Spiels dient und auf der Faye eigentlich nur zur Schule gehen soll. Als letzte lebende Erbin einer längst vergessenen Familie von Dämonenjäger*innen wird sie aber recht schnell in eine Geschichte rund um die bevorstehende Apokalypse, auftauchende Dämonen und allerhand übernatürlicher Geschehnisse gezogen, die sie zum Glück nicht alleine bewältigen muss. Gemeinsam mit einigen Mitschüler*innen gründet sie einen Club, der eigentlich nur dazu dient, dass die Truppe eine Basis hat und durchlebt ein Semester an der Schule, die schon nicht ganz so normal ist, wie man meinen möchte und euch direkt auf die ersten gefährlichen Aufgaben schickt. Die Story ist dabei einerseits ernst und arbeitet auf einen größeren Plot hin, der mich komplett bei Stange gehalten hat, aber gleichzeitig auch durch die Dialoge und Figuren sehr humorvoll und teilweise sogar albern, was einerseits natürlich zum Schul-Setting und dem Alter der Protagonist*innen passt, gleichzeitig aber auch dafür sorgt, dass das Spiel sich nicht viel zu ernst nimmt im eigenen Szenario, in dem eine Gruppe Schüler*innen loszieht, um die Welt vor der Apokalypse zu retten.

Die Kämpfe sind in Demonschool aber komplett anders, als man es von typischen RPGs gewohnt ist. Jeder Kampf findet in einem abgetrennten Bereich statt, der in Kacheln aufgeteilt ist und über den ihr euch ähnlich wie in Fire Emblem, oder anderen taktischen Spielen, bewegen könnt. Dabei verbraucht jede Aktion Punkte, die stetig mehr werden, je nachdem wie oft ihr mit einer einzelnen Figur eine Aktion ausführt: euer erster Move kostet 1 AP, der zweite dann 2 AP usw. – ihr müsst also direkt von Anfang an abwiegen, ob ihr lieber mit einer einem Charakter mehrmals angreift, oder eure Aktionspunkte quer über die Party verteilt. Besonders interessant ist daran, dass jeder Move wieder per Knopfdruck zurückgenommen werden kann und ihr so theoretisch bis komplett an den Anfang eurer aktuellen Runde zurückspulen könnt. Habt ihr eine der Runden abgeschlossen und damit die Planungsphase verlassen, laufen die Moves eurer Charaktere zeitgleich ab und haben dann auch eure Gegner ihren Zug gemacht, könnt ihr allerdings nicht mehr zurück zum vorigen Zug. Ihr habt aber jederzeit die Möglichkeit einen Kampf auch einfach von vorne zu beginnen. So werden die Kämpfe fast schon mehr zu taktischen Puzzles, als richtigen RPG-Kämpfen und bieten eine komplett neue Gameplay-Erfahrung, die ich einerseits in dieser Form so noch nie gespielt habe und andererseits extrem spannend fand.

Insgesamt könnt ihr in den Kämpfen vier Personen in eurer aktiven Party haben, die ihr für jeden Kampf neu zusammenstellt und schaltet über den gesamten Spielverlauf 15 Charaktere frei, die jeweils eigene Fähigkeiten haben. Faye ist eine Nahkämpferin, die mit ihren Attacken Gegner zurückdrängen und ineinander schubsen kann, um direkt mehreren Feinden Schaden zuzufügen, Namako kann mit ihrer Attacke ihre Position mit Feinden tauschen und diese dabei paralysieren bzw. schwächen und Knute kann Verbündete heilen und damit auch buffen. Schafft ihr es eure Figuren richtig zu platzieren, können auch besonders starke Kombo-Attacken getriggert werden, die mehr Schaden machen, als normale Angriffe. Je nach Kampfsituation macht es also immer Sinn kurz zu überlegen, welche Einheiten am nützlichsten sind und in welcher Position ihr sie starten lasst. Jeder Encounter hat nämlich eine bestimmte Anzahl an Zügen, die ihr brauchen sollt, um am Ende die bestmögliche Wertung und damit Belohnungen zu erhalten. Überschreitet ihr die Anzahl an vorgegebenen Zügen oder lasst eines eurer Party-Mitglieder im Kampf draufgehen, erhaltet ihr statt einem A- nur einen B-Rang.

Demonschool kommt dabei komplett ohne ein Level-System aus und die Belohnungen, die ihr nach dem Kampf erhaltet, sind die Währung, mit der ihr für eure Charaktere neue Fähigkeiten freischalten könnt. Diese Fähigkeiten findet ihr jederzeit über ein Tab im Hauptmenü, müsst sie aber erst einmal in der Spielwelt „finden“, bevor ihr sie hier freischalten könnt. Das schafft ihr entweder indem ihr sie einfach im Shop mit Opalen kauft, der Standard-Währung in Demonschool, oder bestimmte Nebenquests erledigt bzw. andere Events im Spiel abschließt. Habt ihr das gemacht, könnt ihr jeweils zwei Personen zum Lernen schicken und die Fähigkeit danach einer Figur zuweisen. Jedes Mitglied eurer Party kann dabei zwei dieser Fähigkeiten ausrüsten und zusätzlichen einen Aspect Shift, der zusätzliche Kräfte verleiht, jede davon kann aber nur von einer Person equipped werden. Schaltet ihr also z.B. frei, dass Attacken Gegner in Zukunft 2 Felder zurückwerfen, statt einem, kann diese Kraft nicht von Faye und Destin gleichzeitig ausgerüstet sein, sondern ihr müsst euch für eine*n davon entscheiden. Und auch das Lernen kann nicht unbegrenzt eingesetzt werden: die Energie der Personen füllt sich erst wieder nach einer Weile auf. Hier hat das Spiel also ein weiteres taktisches Element für euch parat, um euch einerseits nicht direkt alle Fähigkeiten auf dem Silbertablett zu servieren und andererseits euch als Spieler*innen dazu zu bringen zu priorisieren.

Demonschool ist aber nicht nur geprägt von den Kämpfen, sondern bietet euch wie auch Persona einiges an Aktivitäts-Möglichkeiten, die ihr abseits der Story verfolgen könnt. Neben optionalen Missionen, die meistens auch zu Kämpfen führen, könnt ihr mit jedem Party-Mitglied eine Beziehung aufbauen. Diese verbessert ihr, wenn ihr entweder in bestimmten Dialogen eine zur Figur passende Antwort als Option wählt, oder aber wenn ihr mit der Person Karaoke singen geht oder z.B. für sie kocht. Dabei ist jede dieser Aktivitäten mit einem kleinen Minispiel verknüpft: beim Karaoke müsst ihr möglichst schnell die richtige Textstelle auswählen aus einem Thema, das euch zufällig vorgegeben wird, beim Kochen müsst ihr die richtige Reihenfolge an Kochschritten wählen und wer richtig viel Bock darauf hat, möglichst wenig Zeit mit der Hauptstory zu verbringen kann auch einfach angeln gehen. Wie es sich für ein gutes RPG gehört, schaltet ihr im Laufe des Spiels verschiedene Angelplätze frei, an denen ihr neben unterschiedliche Fisch- bzw. Dämonen-Arten auch Dekorations-Möglichkeiten für eure Basis finden könnt. Und das ist nur ein Teil der Aktivitäten, die euch zur Verfügung stehen, ihr merkt also, es gibt mehr als genug auf der Insel zu tun, auch wenn Woche für Woche immer mehr Menschen das Zeitliche segnen. Teilweise hätte ich mir zwar gewünscht, dass das Freizeit-System etwas mehr ins Zeitmanagement eingewoben wäre oder man selbst mehr entdecken müsste, als einfach nur ein paar Icons auf der Kartenübersicht abzuklappern, aber Spaß hatte ich damit trotzdem sehr viel.

Für den Vibe des Spiels hat Necrosoft Games aber nicht nur in Richtung Persona geschielt, wobei man sagen muss, dass das UI und alle visuellen Elemente auch in Demonschool unfassbar stylish geworden sind, sondern hat sich auch an klassischen Italienischen Horror-Filmen der 1960er und 70er orientiert, wodurch das Spiel am Ende seinen ganz eigenen Charme bekommt. Der isometrische Look des Spiels passt perfekt sowohl zu den Kämpfen, als auch dem Gameplay außerhalb davon und immer wieder tauchen neue Elemente im Spiel auf, bei denen man sich als Spieler*in einfach nur freut, wie cool diese aussehen. Das fängt an bei den verschiedenen Fischen, die ihr aus dem Wasser zieht, geht bei den Charakteren und ihren Sprites weiter und erreicht seinen Höhepunkt in den Bossfights, die meist am Ende einer Woche auf euch warten. Hier spielt Demonschool clever mit einer Mischung aus 2- und 3D-Elementen und inszeniert so wahnsinnig coole und übermächtig erscheinende Gegner, die ihr nur mit der richtigen Taktik besiegen könnt. Als plötzlich einem riesigen Skelett das Hirn aus dem Kopf geplatzt ist, auf das ich dann draufhauen musste, konnte ich nicht anders als freudig vor mich hinlächeln, einfach weil das Spiel so wahnsinnig cool ist.

Demonschool beherrscht es aber neben diesen coolen und verdammt beeindruckend inszenierten Kämpfen auch im selben Atemzug eine ganz besondere Art von Humor rüberzubringen. Alleine die Dialoge sind unfassbar pointiert geschrieben und man merkt bei jedem Charakter direkt, dass sie im Bewusstsein geschrieben wurden, an welchen Tropes man sich hier bedient. Trotzdem werden diese nicht überstrapaziert oder plump behandelt, sondern mit sehr viel Charme und Witz ins Spiel eingebaut. Leider sind die Dialoge nicht vertont, aber das wäre auch wirklich overkill für ein Indie-Spiel wie dieses gewesen, vor allem bei dem Umfang an Dialogen, den es im Spiel gibt. Jeder NPC, auch wenn er oder sie euch keine Quest gibt, hat nämlich eigene Dialog-Lines und ich habe es wirklich nie bereut die Figuren quer über die Map anzusprechen, da ich immer wieder schmunzeln oder lachen musste. Immer wieder sind im Spiel auch kleine Popkultur-Easter Eggs versteckt, die mich als Kind der 90er natürlich unfassbar happy gemacht haben. Vergesst auf jeden Fall nicht am Sonntag einen Film beim zwielichtigen Van auszuleihen und danach die Zeitung zu lesen!

Schon vor Release lief Demonschool bei mir ohne Probleme, ich hatte keinerlei Abstürze und auch während meines Playthroughs sind mir keinerlei Ruckler, Bugs oder anderes aufgefallen. Nachdem das Spiel durch den quasi-Shadowdrop von Hollow Knight: Silksong um knapp 2 Monate verschoben wurde, hatte man hier sicher noch ein bisschen Zeit zum Polishen und das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Bis auf den Fakt, dass ich theoretisch soziale Aktivitäten mit meinen Freund*innen zu oft machen konnte, ist mir auch sonst nichts ungewöhnliches im Ablauf des Spiels aufgefallen. Der Schwierigkeitsgrad des RPGs ist mehr als fair, vor allem durch die Rewind-Funktion und die Möglichkeit Kämpfe neu zu starten, wenn man sich aber mit den Figuren und Mechaniken nicht ordentlich vertraut macht und auch die Boni nutzt, kriegt man relativ schnell Probleme bei den Kämpfen noch den A-Rang zu holen. Euch erwarten mehrere Enden, der Wiederspielwert ist also definitiv auch gegeben und untermalt wird das ganze von einem verdammt coolen und atmosphärischen Soundtrack und in diesem Fall muss ich auch die Soundeffekte hervorheben, die die Kämpfe bzw. vor allem erfolgreiche Treffer noch mal um einiges aufwerten.

„Demonschool ist eine einzigartige Form von Taktik-RPG, in dem vor allem die taktischen Kämpfe mit ihren besonderen Mechaniken und Ideen mich von Sekunde 1 an überzeugt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen haben.“

Ich habe mich wirklich schon eine ganze Weile auf Demonschool gefreut und das nicht nur weil ich Persona mag und dachte, das wäre eine 1:1-Inspiration. Schon früh hat mich der individuelle visuelle Stil des Spiels überzeugt und alles, was in diversen Showcases und Trailern gezeigt wurde, hat mich nur noch mehr Hype spüren lassen. Zum Glück wurde am Ende dieser Hype nicht enttäuscht, im Gegenteil. Demonschool ist eine einzigartige Form von Taktik-RPG, in dem vor allem die taktischen Kämpfe mit ihren besonderen Mechaniken und Ideen mich von Sekunde 1 an überzeugt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen haben. Die Story rund um Faye und ihre Freund*innen macht wahnsinnig viel Spaß, ist in den richtigen Momenten ernst und lässt einen in den nächsten wieder laut auflachen und das Spiel sieht dazu noch wahnsinnig cool aus, egal ob in den Menüs, der Welt oder den Kämpfen. Klar macht das Spiel nicht alles perfekt und es gäbe an ein paar Stellen noch Potential für mehr, stark ins Gewicht fällt das allerdings für mich nicht. Ich habe über die Spielzeit hinweg jedenfalls die verschiedenen Charaktere allesamt ins Herz geschlossen, was für ein RPG für mich immer besonders wichtig ist und Necrosoft Games hat mit dem Spiel eine Indie-Perle geschaffen, die es mehr als wert ist von einem möglichst großen Publikum gespielt zu werden. Nehmt also am besten direkt die Fähre und geht ein paar Dämonen verkloppen.

4,5 von 5 Wertung für Demonschool von Necrosoft Games und Ysbryd Games
4,5 von 5 Dämonen.

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