Titelbild zu Viewfinder von Sad Owl Studios und Thunderful

Viewfinder

Falls ihr euch jetzt fragt, warum diese Review plötzlich hier erscheint: das ist leider wieder so ein „The one that got away“-Ding, das ich mir peinlicherweise eingestehen muss: Viewfinder erschien bereits im Dezember 2023 für PC und PlayStation 5, leider war ich damals aber so eingedeckt mit anderen Titeln, dass ich es nicht geschafft habe, mich dem Titel angemessen zu widmen. Zum Glück gibt es dann aber immer wieder Gelegenheiten wie diese, wo ein Spiel plötzlich in einem Shop einer anderen Konsole als neuer Release aufploppt und ich mir das als Anlass nehme, es doch noch zu spielen. Bei Viewfinder war das nun der Release für Xbox Series X und Series S, auf denen man mittlerweile auch die Perspektiven wechseln kann und sonst hätte ich vermutlich allerspätestens den Switch-Release, der für Ende des Jahres geplant ist, genutzt. Denn schon bei den Game Awards 2022, wo das Spiel das erste Mal offiziell vorgestellt wurde, war ich neugierig geworden, wie sich das interessante Konzept des Spiels ins Gameplay einfügt und wie viel Unfug man damit anstellen kann.

Viewfinder beginnt erst mal surreal und zeigt euch nach einer kurzen Intro-Passage, die euch die Mechaniken des Spiels lernt, recht schnell, was in der Spielwelt eigentlich abgeht: eure Spielfigur versucht, gemeinsam mit ihrer Forschungs-Partnerin, einen Weg zu finden, wie man die Erde wieder mit Pflanzen füllen kann und steigt dabei in eine VR-Kuppel, die sie in andere Realitäten bzw. Erinnerungen tauchen lässt. Auf der Erde läuft nämlich durch verschiedene Klima-Katastrophen alles gar nicht so gut und Sauerstoff ist zur seltenen Ressource geworden. Eine Gruppe Forscher*innen hat allerdings in der Vergangenheit versucht eine Lösung zu entwickeln und genau diese versucht ihr jetzt zu finden, um die Erde vor dem Untergang zu retten. Ihr steigt also wieder in euer VR-Gerät, taucht in die Erinnerungen der Truppe ein, trefft dort auf die AI Cait, in Form einer sehr süßen Katze, die euch das Spiel über begleitet und hofft herauszufinden, was die Wissenschaftler*innen herausgefunden haben. Die Story ist dabei ganz nett, der Hauptfokus liegt aber ganz klar auf den Rätseln und nicht auf der deepen Geschichte.

Die verschiedenen Rätsel erreicht ihr in Viewfinder über eine von insgesamt fünf Hub-Welten, die fast alle jeweils einer Person der Forschungstruppe zugeordnet werden können. Dort findet ihr auch verschiedene Collectibles und Hinweise zur Background-Story von Aharon, Hiraya, Chi Leung und Mirren, die versucht haben das Gerät zu bauen, das die Erde retten sollte. Jeder Hub ist dabei thematisch an die jeweilige Person angepasst, während der fünfte und letzte das Finale des Spiels darstellt. Die Rätsel werden dabei konstant schwerer und ausgeklügelter, die Lernkurve ist jederzeit völlig fair und auch die optionalen Challenges, die ihr pro Hub bestreiten könnt, waren nie so schwer, dass ich wirklich lange dafür gebraucht habe. Vielleicht hat mich da auch einfach vor ein paar Jahren The Witness schon komplett abgehärtet und mich wie Bane durch die Rätsel-Hölle gehen und als anderer Mensch herauskommen lassen, aber für meinen Geschmack hätten die Rätsel teilweise ruhig noch etwas schwerer sein dürfen.

Die Mechanik, die ihr zum Lösen der Rätsel nutzt, wirkt auf den ersten Blick – das ist witzig, weil genau darum geht es ja in Viewfinder – relativ simpel: ihr findet überall in den Challenges verschiedene Bilder, die ihr per Knopfdruck in der Spielwelt platzieren könnt, um euch neue Wege zu schaffen, oder auch z.B. Wände oder andere Hindernisse auszulöschen. Anfangs nutzt ihr das, um eine Brücke zu erschaffen, mit der ihr dann einen Abgrund überqueren könnt, im späteren Spielverlauf macht ihr mit Kameras Fotos von euch selbst, mit denen ihr euch teleportieren könnt, um Schalter zu betätigen oder Batterien zu Generatoren zu bringen. Wie diese Mechanik eingesetzt wird, wie sich die verschiedenen Aspekte davon kombinieren lassen und welche Ideen das Team der Sad Owl Studios hier eingebaut hat, fand ich wirklich sehr kreativ und ich hätte nicht gedacht, dass man mit dieser Idee so viel verschiedene Dinge machen kann.

So richtig geöffnet hat sich die Spielwelt für mich, als es mir nicht nur vorgefertigte Bilder zur Hand gegeben hat, sondern mir eine Kamera in die Hand gedrückt wurde, mit der ich selbst Bilder schießen konnte. Diese hat nicht unendlich Bilder zur Verfügung und muss mit neuen Filmen aufgeladen werden und kann dazu genutzt werden euch eure eigene Rätsel-Lösung zusammenzubasteln. Teilweise war ich mir nicht mal sicher, ob meine Wege wirklich die waren, die das Spiel vorgesehen hatte, das hat es aber umso spaßiger gemacht die Rätsel zu lösen. Besonders kniffelig wird es dann, wenn das Spiel euch zusätzlich dann noch Oberflächen bzw. Strukturen in die Levels mischt, die ihr nicht löschen oder kopieren könnt. Diese haben eine besondere lila Oberfläche und können weder mit eurer eigenen Kamera noch den fest platzierten Kameras festgehalten oder kopiert werden.

Aber nicht nur die Rätsel strotzen vor kreativer Ideen, auch die verschiedenen Levels bzw. Bilder sind wunderschön umgesetzt. Je nach Hub bzw. Thema findet ihr verschiedene Stile an Fotos: Aharon als Künstler hat etwa Bilder in verschiedenen Stilen gemalt. Platziert ihr eines seiner Gemälde und läuft dort dann hinein, ist eure ganze Umgebung im Stile des Bildes gehalten und ihr bewegt euch plötzlich durch Aquarell-Kunstwerke oder Bleistift-Skizzen, während ihr in der Welt von Chi Leung in einen Tamagotchi- oder Tetris-Verschnitt hüpft. Das gleiche gilt auch für die Foto-Kopierer, die in der Spielwelt rumstehen und von euch genutzt werden: verdoppelt ihr damit eines eurer Bilder, verblasst das Bild durch den Kopier-Vorgang und je öfter ihr eine Kopie durch den Prozess jagt, desto weniger lässt sich dort erkennen. Das macht das Spiel zusätzlich noch abwechslungsreicher und ihr könnt in jedem neuen Hub etwas entdecken, das ihr so vorher noch nicht gesehen habt. Viewfinder belohnt euch außerdem auch dafür, wenn ihr mit der Mechanik nicht nur stur auf des Rätsels Lösung hinarbeitet, sondern euch auch einmal ein bisschen im Level austobt.

Ich kann natürlich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr einschätzen, wie es zum ursprünglichen Release des Spiels im Jahr 2023 war, aber das tut eigentlich auch gar nichts mehr zur Sache: in der jetzigen Form läuft Viewfinder wahnsinnig flüssig und komplett ohne Probleme. Ich hatte keinerlei Abstürze oder sonstige Bugs und für ein Spiel wie Viewfinder ist das in meinen Augen noch viel beachtlicher. Immer wieder habe ich kurz innegehalten und war erstaunt darüber wie flüssig die Mechanik mit dem Platzieren komplett neuer Strukturen ins Spielgeschehen integriert ist und mit was für einer Leichtigkeit das Spiel damit umgeht. Ihr setzt ein Foto mit Wänden, Bäumen und mehr in die Welt und könnt direkt hineinlaufen, ohne auch nur den geringsten Ruckler zu spüren. Diese Perspektiven-Spielerei hat mich schon bei Superliminal damals beeindruckt und auch Viewfinder hat es wieder geschafft, dass ich immer wieder baff war, wie responsiv diese vermutlich verdammt komplexe Mechanik hier in die Spielwelt integriert wurde.

„Viewfinder ist ein wahnsinnig charmantes Puzzle-Game mit einem Haufen Ideen und einer Mechanik, die mich immer wieder erstaunt zurückgelassen hat, vor allem, da sie technisch so einwandfrei ins Spiel eingebaut ist.“

Als großer Rätsel-Freund und Fan von The Witness habe ich mich in Viewfinder direkt wohl gefühlt. Vielleicht sogar etwas zu wohl: das Spiel konnte bei mir auf jeden Fall mit der ausgeklügelten Mechanik, den smart gestalteten Rätseln und auch der Optik und den verschieden Ideen, was den Look betrifft, punkten. In meinem Hinterkopf war aber immer diese Stimme, die geflüstert hat, wie gut es wäre, wenn das Spiel noch etwas komplexer, umfangreicher und länger wäre. Vielleicht spielt ihr am besten also genau die andere Reihenfolge, startet mit dem Titel hier und wenn euch das gefallen hat, dann stürzt ihr euch im Anschluss in The Witness. Viewfinder ist ein wahnsinnig charmantes Puzzle-Game mit einem Haufen Ideen und einer Mechanik, die mich immer wieder erstaunt zurückgelassen hat, vor allem, da sie technisch so einwandfrei ins Spiel eingebaut ist. Egal wie viele Bilder man in der Welt platziert oder wie schnell man das macht: das Spiel wird dabei nie in die Knie gezwungen und alles fügt sich komplett flüssig in die Spielwelt ein. Die Story versucht zwar eine wichtige und ökologische Message rüberzubringen, ist am Ende aber doch nur eine solide Basis für die wundervolle Spielmechanik und am Ende hätte ich mir nur gewünscht, dass das Spiel etwas umfangreicher und komplexer gewesen wäre.

4 von 5 Wertung für Viewfinder von Sad Owl Studios und Thunderful
4 von 5 Caits.

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