Langsam kommt Fahrt auf im Spielejahr 2026 und eines der ersten neuen Spiele, die ich dieses Jahr gestartet habe, war Perfect Tides: Station to Station. Während mir der Titel schon während des letzten Summer Game Fests im Women-Led Games Showcase als Highlight hängen geblieben ist, hatte ich da den ersten Teil noch gar nicht gespielt. Das konnte so natürlich nicht bleiben und deswegen habe ich mir erst einmal Perfect Tides vorgenommen, in dem man die Teenagerin Mara Whitefish durch ein Jahr in ihrem Leben auf der namensgebenden Insel begleitet. Mara hat mit verschiedenen Problemen ihres Teenager-Lebens zu kämpfen und so machen euch während der 4 Jahreszeiten die Schule, Mitschüler*innen, Crushes, euer nerviger Bruder und andere Themen mal mehr und mal weniger Probleme. Obwohl die Story dabei in einem amerikanischem Setting stattfindet, fühlt man sich besonders als Millennial in der Story direkt gut aufgehoben und fühlt mit Mara mit, während sie in ihrem Teenager-Sein versucht nicht komplett den Verstand zu verlieren. Man muss den ersten Teil nicht zwingend gespielt haben, um nun den zweiten Teil zu verstehen und genießen zu können, der erste Teil ist aber recht flott durchgespielt und ich empfehle es euch auf jeden Fall.
Perfect Tides: Station to Station macht nun einen zeitlichen Sprung nach vorne. Mara ist mittlerweile 18 Jahre alt geworden, in die Großstadt New York gezogen, Studierende an der Universität und auch 2003 immer noch mental mit verschiedensten Problemen beschäftigt, die man als Millenial wieder sehr gut nachvollziehen kann. Man merkt auf jeden Fall, dass die Schöpferin von Perfect Tides Meredith Gran, die bevor sie mit ihrem eigenen Studio Three Bees in die Welt der Videospiele eingetaucht ist, die Webcomic Serie Octopus Pie produzierte, nicht nur aus ihrem Leben, sondern auch aus ihrer Zeit und Popkultur Inspiration schöpft. Die Story selbst ist dabei wieder voll von witzigen, aber dann auch wieder ernsten bzw. tiefgründigen Dialogen und ist definitiv auch im zweiten Teil das Herzstück des Spiels. Ihr begleitet Mara wieder über den Verlauf von vier Jahreszeiten, trefft dabei verschiedene neue und auch teilweise bekannte Charaktere und müsst diesmal auch Deadlines einhalten bzw. habt zeitliche Ressourcen, die ihr pro In-Game-Tag nutzen könnt.

Wie auch der erste Teil ist Perfect Tides: Station to Station ein eher simples Point & Click Adventure, bei dem der Fokus mehr auf den Dialogen und der Story liegt, als auf schweren Rätseln, Item-Kombinationen oder anderen Aufgaben, die eure grauen Zellen ins Schwitzen bringen werden. Mara kann per Mausklick direkt mit Personen oder Gegenständen interagieren oder diese untersuchen, haltet ihr die Maustaste gedrückt können außerdem teilweise noch kontextsensitive Aktionen ausgeführt werden. So sprecht ihr Leute entweder auf bestimmte Themen an, die ihr im Spielverlauf ansammelt oder könnt mit ihnen Bücher austauschen. In den Dialogen habt ihr immer wieder die Möglichkeit eigene Entscheidungen zu treffen, so wirklich gravierend wirken sich diese auf die Geschichte am Ende aber nicht aus: die wichtigsten Ereignisse werdet ihr also in jedem Fall erleben, es gibt aber auch ein paar optionale Events bzw. könnt ihr in einem Playthrough nicht direkt alles sehen und erleben, was das Spiel zu bieten hat. Mit etwa 9 bis 10 Stunden Spielzeit erwartet euch mit Station to Station aber auch kein zeitfressendes Monster, falls ihr also mehr sehen und erleben wollt, könnt ihr entweder einen zweiten Playthrough antreten oder einfach zwischendurch oft genug speichern, um ab einem bestimmten Punkt wieder neu anzufangen.
Da Mara schon im ersten Teil viel in Internet-Foren abgehangen hat und sich viel mit Fanfiction befasst hat, war die Wahl ihres Studienfachs recht einfach: Mara beschäftigt sich auch innerhalb ihres Studiums viel mit Philosophie, Politik und gesellschaftskritischen Themen, um ihrem großen Traum näher zu kommen, erfolgreiche Autorin zu werden. Im Verlauf des Spiels erhaltet ihr deshalb immer wieder verschiedene Aufgaben, die ihr bis zu einem bestimmten Zeitpunkt schreiben und abgeben müsst. Um das erfolgreich zu schaffen, müsst ihr die verschiedenen Themen, die ihr im Spiel sammelt, einsetzen und jeweils zwei davon kombinieren, um eure Arbeiten bzw. Aufgaben zu schreiben. Je mehr ihr euch mit den Themen beschäftigt, desto mehr lernt ihr auch darüber und desto besser kann Mara sie für ihre Aufgaben nutzen. Pro Tag könnt ihr dafür jeweils ein Buch lesen, das euch im Idealfall bei einem Thema um einen Punkt aufsteigen lässt, aber auch eure Interaktionen in der Spielwelt lassen euch teilweise mehr über eure Themenfelder wie etwa Drogen, den Tod, Musik, Filme oder auch Anarchie lernen.

Wie schon im Vorgänger lernt man im Verlauf der Handlung die verschiedenen Charaktere in Maras Lieben zu lieben und zu hassen und das liegt vor allem daran, dass diese fantastisch geschrieben sind. Die Dialoge und jeglicher innerer Monolog von Mara sind so schon realitätsnah und gleichzeitig immer wieder absurd und machen das Spiel zu etwas gant besonderem. Gleichzeitig sind so viele Easter Eggs und Anspielungen an popkulturelle Ereignisse der damaligen Zeit eingebaut, dass man als jemand der selbst viel Zeit im Internet oder mit Filmen und Musik verbracht hat gar nicht mehr aufhören kann sich zu freuen über das nächste kleine Teil, das man kennt. Wenn Mara ihrem Freund Daniel einen Röhrenfernseher die Treppe hochträgt, nur um zu merken, dass dieser viel zu schwer für sie alleine ist, sie zu einem Herr der Ringe Marathon eingeladen wird oder plötzlich Linkin Park in Chiptune als Übergang zur nächsten Jahreszeit läuft, erfüllt einen das einfach mit Freude, wenn man selbst in dieser Zeit groß wurde. Gleichzeitig fühlt sich nichts davon fehl am Platz oder zu gewollt an, sondern wurde mit genau der richtigen Lässigkeit ins Spiel eingebaut, die man sich von manch anderem Spiel oder Film gewünscht hätte.
Falls ihr den ersten Teil gespielt habt, erinnert ihr euch vielleicht noch an die grandiose Szene gegen Ende am Pool mit Maras bester Freundin Lily. Falls nicht, will ich euch diese Szene auf jeden Fall nicht spoilern, aber euch sagen: auch im zweiten Teil wird es hier wieder mindestens eine Szene geben, die vor allem musikalisch so richtig abliefert und die ich in dieser Form noch nie in einem anderen Spiel gesehen habe. Obwohl, vielleicht kann man beide Ideen ein bisschen mit Doki Doki Literature Club vergleichen, nur, dass sie in Perfect Tides weitaus weniger creepy sind und sehr viel bessere Laune machen. Man merkt hier und an vielen anderen Stellen auf jeden Fall, dass sich Meredith Gran wieder viele Gedanken gemacht hat, wie nicht nur das Spiel sinnvoll erweitert werden kann, sondern was mit dem Medium Videospiel eigentlich möglich ist und welche Ideen es so noch nicht gab. Es ist wirklich schwierig diese grandiosen Ideen zu beschreiben, ohne euch zu viel zu verraten, aber lasst euch gesagt sein: bis auf ganz wenige Ausnahmen habe ich solche kreativen Ideen Musik in ein Spiel einzubauen noch nie gesehen und werde noch sehr sehr lange vor mich hin grinsen, wenn ich daran zurückdenke.

Noch sehr viel mehr als im ersten Teil wird in Station to Station mit verschiedenen visuellen Elementen und Perspektiven gespielt, wodurch das Spiel auch optisch noch mehr hermacht, als der Vorgänger. Ich persönlich liebe auch den Stil von Meredith Gran und wie die Charaktere aussehen sehr, ich habe aber auch schon von anderen gehört, die nicht ganz so Fan sind. Während der Zeit vor Release gab es in der Steam-Version auch noch ein paar Platzhalter, die mittlerweile aber ausgetauscht sein sollten und rein technisch lief das Spiel bei mir ohne Probleme. Ich hatte keine Crashes, keine Bugs, die das Weiterkommen im Spiel beeinträchtigt haben und auch sonst keine groben Probleme. Der Controller-Support ist leider etwas sperrig, aber bei einem Point & Click das auf Maussteuerung ausgelegt ist, erwartet ich da auch nicht zu viel, das einzige was mich etwas gestört hat war, dass man das Spiel nicht im Fullscreen-Modus starten konnte. So war immer ein bisschen Screen belegt vom Fenster selbst, aber auch das war verschmerzbar. Am Ende steckt im Spiel so viel Liebe und so viel schönes Pixel-Art, dass ich mich viel eher darauf konzentriert habe, als micht stattdessen über den Screen-Balken zu ärgern.
„Perfect Tides: Station to Station ist gleichzeitig das perfekte Point & Click für Millenials, aber auch jüngeres Publikum, dass gerade noch frische 18 oder zumindest nicht zu weit davon entfernt ist.“
Ich bin froh, dass mich mein erster Eindruck während des Women-Led Games Showcases und meine Wishlist am Ende nicht enttäuscht haben. Ganz im Gegenteil. Nachdem ich mit Perfect Tides in der Vorbereitung auf den zweiten Teil schon eine verdammt gute Zeit hatte, hat mich dieser dann in allen noch mal ein bisschen mehr abgeholt. Perfect Tides: Station to Station ist gleichzeitig das perfekte Point & Click für Millenials, aber auch jüngeres Publikum, dass gerade noch frische 18 oder zumindest nicht zu weit davon entfernt ist. Meredith Gran schafft es ein nachvollziehbares Bild einer jungen Heranwachsenden zu zeichnen und ich bin mir sehr sicher, dass sich jede*r da draußen an manchen Stellen erst mal kurz an den Kopf fasst und fragt „Mara! Warum?!“, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass man in jüngeren Jahren vermutlich auch so gehandelt hätte. Durch die Schreibaufgaben und Bücher bietet das Spiel noch mal etwas mehr Gameplay-Vielfalt als der direkte Vorgänger, richtig schwer wird es aber nie, was mich persönlich absolut nicht gestört hat. Die Story und die Charaktere haben mich die ganze Spielzeit über so gut unterhalten, dass ich gar nicht mehr wollte, als mehr Zeit in dieser Welt zu verbringen und ich hoffe, dass wir irgendwann noch mehr von Mara sehen werden.


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