Ich verfolge seit einigen Jahren sehr begeistert die Arbeit von Hilltop Works, die wirklich fantastische Arbeit im Bereich der Fan-Übersetzungen für Retrogames leisten, die es leider nie bis zu uns geschafft haben. Vor allem ihr Patch zu Boku no Natsuyasumi 2 für die PlayStation 2, den sie im November 2023 fertig gestellt haben, hat auch außerhalb der Community große Wellen geschlagen und es endlich möglich gemacht, dass auch Menschen, die kein Japanisch sprechen, diese großartige Spiel erleben können. An dieser Stelle muss ich generell mal ein ganz großes Lob an die Community aussprechen und diese Arbeit hervorheben. Was hier geleistet wird, teilweise ganz ohne Bezahlung und nur aus Leidenschaft heraus, ist verrückt und ich bin dankbar für jedes Spiel, das ich dadurch neu erleben kann. Hilltop Works hat es mit dieser Arbeit mittlerweile geschafft in die nächste Liga aufzusteigen und mit der Übersetzung zu Milano’s Odd Job Collection bzw. Milano no Arubaito (ミラノのアルバイト) an einer offiziellen Übersetzung eines PlayStation-Klassikers zu arbeiten. Diese wurde im Sommer im Zuge der Wholesome Direct 2025 angekündigt und schon in unserem Podcast dazu war ich Feuer und Flamme das Spiel zu testen.
Ähnlich wie auch in Boku no Natsuyasumi schickt euch Milano’s Odd Job Collection als junges Kind in den Sommerferien von zuhause weg, um diese woanders zu verbringen. Milano’s Mutter muss nämlich ins Krankenhaus und damit ihre Tochter nicht ganz alleine ist, schickt sie diese zu ihrem Onkel nach Zucchini Town. Falls ihr euch fragt: das sind nicht die einzigen italienischen Begriffe, wartet, bis ihr den Nachnamen von Milano erfahrt. Das Problem ist nur, dass besagter Onkel aktuell verreist ist und so muss Milano die nächsten 40 Tage alleine über die Runden kommen, hat dafür aber nicht nur ein großes Haus für sich, sondern auch ein kleines Dorf mit einem Haufen Ferienjobs, die sie dazu nutzen kann sich die Zeit zu vertreiben und natürlich auch etwas Geld zu verdienen. Ihr könnt also die vollen 40 Tage so gestalten, wie ihr wollt und erhaltet am Ende eine Bewertung, ob eure Eltern mit eurer Planung zufrieden sind. Stellt euch also schon mal drauf ein, dass ihr mit einem C- oder noch schlimmer einem D-Rang abgestraft werdet, wenn ihr nicht genug arbeitet und eure Zeit nur verbummelt.

An der Stelle ein kleiner Funfact aus dem Japanischen, der vor allem für Deutschsprachige Menschen witzig ist: viele Begriffe von Marken aus dem Ausland werden hier einfach mit den entsprechenden Schriftzeichen bzw. den Silben übernommen. Aus Google wird so Guuguru, aus Seven Eleven wird Sebun Irebun und ihr kennt vielleicht den Song Makudonarudo – das lasse ich euch jetzt selbst rausfinden, was das heißt – von Namawee, der sich genau dem Thema annimmt. Bei Nebenjobs, sieht das ganze ein wenig anders aus: hier hat sich in Japan der Begriff Arubaito, abgekürzt auch Baito, etabliert, der exklusiv für Teilzeit- bzw. Nebenjobs verwendet wird und natürlich dem deutschen Wort „Arbeit“ entspringt. Speziell vor dem zweiten Weltkrieg war Deutsch an den Unis sehr gefragt, wodurch sich in dieser Zeit dieser Begriff etablierte und deshalb heißt dieses Spiel im Original auch Milano no Arubaito bzw. Milano’s Nebenjob(s). Genau mit diesen Nebenjobs werdet ihr im Spiel die meiste Zeit verbringen, wobei ihr pro Tag jeweils eine Schicht in einem der insgesamt acht Jobs spielen dürft. Jede Beschäftigung ist dabei ein kleines Minispiel, das ihr möglichst schnell abschließen müsst, um mehr Geld zu erhalten.
Die Jobauswahl ist dabei diverser, als man meinen möchte und ich hätte als 11-Jähriger bestimmt nicht so viele Skills gehabt wie Milano. In einer Konditorei backt ihr Kuchen, indem ihr wie in Panel de Pon verschiedene Blöcke so arrangiert, dass möglichst viele gleiche Typen zusammenhängen, während von oben immer weiter als jeweils eine Reihe Blöcke herunterkommen. Verbindet ihr diese per Knopfdruck, ploppen verschiedene Kuchen direkt auf das Laufband unter dem Spielfeld und nach einer gewissen Anzahl, habt ihr euer Ziel erreicht. Beim Tellerwaschen müsst ihr nicht nur durch schnelles Tastendrücken das Geschirr sauber machen, sondern teilweise auch fliegenden Gegenständen in der Küche ausweichen und im Fastfood Restaurant nehmt ihr Bestellungen auf, sammelt die richtigen Gegenstände hinter euch am Tresen ein und überreicht diese den Kund*innen. Auf der Farm in Zucchini Town lauft ihr durch eine kreisförmige Arena, melkt fliegende Kühe und weicht dabei wild gewordenen Tieren aus und in einem anderen Minigame schwingt ihr euch auf einen Roller und liefert Pizza aus, während ihr auf der Straße Autos und anderen Hindernissen ausweicht. Witzigerweise ist Milano dabei der einzige Mensch, ansonsten begegnen euch nur witzige Tierwesen, die teilweise wie eine Mischung aus Sonic und Totoro aussehen und deren Design ich direkt ins Herz geschlossen habe.

Zu Beginn des Spiels könnt ihr allerdings nicht alle acht Nebenjobs direkt auswählen, sondern habt nur begrenzten Zugriff, bis ihr eure Skills verbessert. Insgesamt besitzt Milano 3 Werte: Energie, Stimmung und Wissen. Diese könnt ihr durch verschiedene Tätigkeiten im Haus jeweils am Abend erhöhen. Lest ihr im Bett noch ein Buch und schlaft dabei nicht ein, erhöht sich euer Wissen, trinkt ihr Tee tut das eurer Energie gut und macht ihr die Wohnung sauber, wirkt sich das auch positiv auf eure Stimmung aus. Pro Abend könnt ihr zwei Extra-Tätigkeiten ausführen, um den Tag zu beenden und bevor ihr Schlafen geht, habt ihr die Möglichkeit entweder auf eine Sternschnuppe zu hoffen, die euch einen Wunsch erfüllt, ein Buch zu lesen oder im Katalog noch nach neuen Möbeln und Gegenständen zu shoppen. Nach ein paar Tagen trudeln die dann per Post bei euch ein und ihr könnt statt einen Nebenjob dann tagsüber eure Unterkunft neu dekorieren. Je nachdem, wie hoch ihr eure Skills bringt, habt ihr bei euren Jobs dann außerdem auch die Möglichkeit die Schwierigkeit zu erhöhen, wodurch die Spiele noch einmal anspruchsvoller werden und habt ihr alle 40 Tage abgeschlossen, könnt ihr die Minigames auch in einem Arcade-Modus jederzeit frei auswählen und Highscores jagen.
Für das Remaster von Milano’s Odd Job Collection wurden neben Concept Art, das ihr über das Pausenmenü aufrufen könnt und das teilweise bis heute nicht veröffentlicht wurde, auch andere nützliche Funktionen hinzugefügt, die euch das Leben teilweise erheblich erleichtern. Ihr habt jederzeit die Möglichkeit über die Rewind-Funktion eine bestimmte Zeit zurückzuspulen. Schläft Milano z.B. am Abend ein, während sie ein Buch liest und erhält dadurch keinen Skillbonus, könnt ihr einfach die Uhr zurückdrehen, euch für ein anderes Buch entscheiden oder einfach eine andere Aktivität auswählen. Neben der In-Game Speicherfunktion, die ihr nach jedem beendeten Tag durchführen könnt, gibt es außerdem auch eine Quicksave- und Quickload-Funktion, mit der ihr euch mehrere Savestates anlegen könnt, die ihr jederzeit über das Pausemenü auswählen könnt. Zusätzlich habt ihr die Möglichkeit die Screengröße anzupassen und einen CRT-Filter bzw. eine Screenwölbung über das Spiel zu legen. Obwohl ich meistens kein großer Fan von digitalen Scanlines bin, konnten mich die Optionen hier doch gut abholen und ich habe am Ende das Spiel mit dem Filter E gespielt, der einigermaßen nahe an einen CRT-Fernseher rankommt. Außerdem könnt ihr, wie bei den meisten Retro-Game-Remastern üblich, einen Rahmen rund um euren Screen legen, der sich je nach tageszeit und Aktivität dem Geschehen anpasst.

Selbst 2025 hat für mich neben den Minispielen, die mit der Zeit echt fordernd werden, aber vor allem der Look den ganz besonderen Charme des Spiels ausgemacht. Schöpfer Ryuichi Nishizawa, der später vor allem durch seine Arbeit an der Wonder Boy-Reihe bekannt wurde, erklärte, dass zur damaligen Zeit in Japan medienübergreifende Projekte sehr gefragt waren und sie das Spiel deshalb direkt mit dem Gedanken entwickelten, dass es auch in Manga- oder Serien-Form funktionieren könnte. Dementsprechend cute sehen alle Artworks aus, die Intro- und Credit-Sequenzen sind wunderschön designte Anime-Sequenzen und das ganze überträgt sich auch perfekt in den Pixel-Look, der auch für heutige Zeiten noch extrem viele Details bietet und dabei einfach nur zuckersüß aussieht. Für den Release des Remasters wurden von Hilltop Works nicht nur die Texte aus dem Japanischen übersetzt, das Spiel wurde auch synchronisiert und zum Theme-Song Colors gibt es sogar eine englishe Sing-a-Long Version auf YouTube, die von der englischen Synchronsprecherin von Milano gesungen wird.
„Vor allem in Zeiten in denen Spiele immer realistischer, länger und fordernder werden müssen, tat es wahnsinnig gut zwischendurch in diese Slow-Life Erfahrung einzutauchen und sich einfach mal wieder spaßigen Minispielen, cozy Wohnungseinrichtung und einer insgesamt entspannten Spielerfahrung zu widmen.“
Auch wenn Ryuichi Nishizawa und Yoshinao Shimada Milano’s Odd Job Collection damals mit dem Hintergedanken entwickelten, ein Spiel für ihr damals etwa gleich alten Töchter zu schaffen, konnte es auch mich als erwachsenen Mann im Jahr 2025 noch abholen. Vor allem in Zeiten in denen Spiele immer realistischer, länger und fordernder werden müssen, tat es wahnsinnig gut zwischendurch in diese Slow-Life Erfahrung einzutauchen und sich einfach mal wieder spaßigen Minispielen, cozy Wohnungseinrichtung und einer insgesamt entspannten Spielerfahrung zu widmen. Die Quality of Life-Verbesserungen wie Rewind und Quick Saves machen das Spielerlebnis, das euch trotz Tutorials teilweise etwas wenig Hilfe mitgibt, für heutige Verhältnisse zugänglicher und auch wenn man die acht Minispiele recht schnell alle gesehen hat, war ich die vollen 40 Ingame-Tage motiviert weiter Geld zu verdienen, um Milanos Wohnung schön einzurichten. Am Ende ist das Spiel auch eine kurze Abkehr von TikTok und Doomscrolling und wenn man sich auf die Entschleunigung einlässt, tut das auch wirklich mal wieder gut. Ich hoffe wirklich, dass Hilltop Works in Zukunft auch offiziell noch mehr solcher Retro-Perlen in die heutige Zeit bringen darf, jetzt versuche ich aber erst mal noch meine Wertung am Ende der 40 Tage zu verbessern. Aus dem C schaffe ich locker noch ein A zu machen.


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