Titelbild zu Hirogami von Bandai Namco Studios Singapore und Kakehashi Games

Hirogami

Spiele, die sich Material aus der realen Welt als Inspiration nehmen, haben mich schon immer fasziniert. Ganz egal ob Paper Mario, Kirby und das magische Garn, Tearaway Unfolded oder Yoshi’s Crafted World: die Idee Papier, Wolle oder ähnliches als Textur für ein Spiel zu verwenden, dürfte für meinen Geschmack noch viel öfter umgesetzt werden. Vor allem weil ich selbst auch einfach viel zu unbegabt im handwerklichen Bereich und – so ehrlich muss ich sein – auch viel zu ungeduldig bin. Wenn man mir ein Blatt Papier zum Falten hinlegt, kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Ecken zu ungenau liegen, es nicht wirklich symmetrisch ist und auch der Falz genauer sein könnte. Den Vorgang also in einem Videospiel einfach auf Knopfdruck durchführen zu können, spielt mir da perfekt in die Karten und ich kann mich am Handwerk erfreuen, ohne selbst viel beitragen zu müssen. So auch beim Action Platformer Hirogami, das von Bandai Namco Studios Singapore entwickelt wurde und sich der japanischen Origami-Kunst bedient, in der ein meistens viereckiges Blatt Papier so gefaltet wird, dass am Ende teils beeindruckende dreidimensionale Kunstwerke entstehen.

In Hirogami verfolgt ihr die Geschichte von Hiro, einem Tänzer aus dem Dorf Shishiki, der seine Fächer nicht nur zum Tanzen, sondern auch für den Kampf einsetzen kann. Hiro ist außerdem ein Meister der Faltkunst und kann sich im Laufe der Geschichte in mehrere verschiedene Tiere verwandeln bzw. falten. Nachdem die Papier-Welt, in der er lebt, von seltsamen digitalen Kreaturen überfallen wird, dem sogenannten Fraß, liegt es an ihm und seinen Mitstreiter*innen das Land vor der Gefahr zu beschützen und dadurch das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Auf eurer Reise durch das Land trefft ihr dabei immer wieder auf korrumpierte Lebewesen, die vom Fraß befallen wurden, aber auch NPCs, die euch in eurem Vorhaben unterstützen. Die Story selbst wird dabei in Textboxen erzählt und hat mich persönlich jetzt nicht wahnsinnig umgehauen, bietet aber eine gute Basis für das Spielgeschehen und bietet euch einen angenehmen Faden, an dem ihr euch entlang durch das Spiel hangeln könnt. Die Spielzeit ist mit ca. 5 bis 6 Stunden auch einigermaßen überschaubar, durch optionale Herausforderungen in den Levels, die teilweise gar nicht so einfach sind, bietet Hirogami zudem aber auch einiges an Wiederspielwert.

Um in die Levels in Hirogami zu kommen, lauft ihr über eine Weltkarte, auf der ihr in die einzelnen Abschnitte hüpfen könnt. Stellt euch das am besten so vor wie Super Mario Bros. 3 auf dem NES, nur eben im 3D-Origami-Look. Jedes Level dauert dabei im Durchschnitt etwa 15 Minuten und hat verschiedene Missionen, die euch mit Items belohnen, wenn ihr sie abschließt. Mit diesen Items schaltet ihr im Spiel dann entweder Upgrades für Hiro und seine Fähigkeiten frei oder könnt eine In-Game Kunstgallerie bzw. Jukebox befüllen. Je nach Storyprogress öffnen sich euch neue Abschnitte und es macht auch immer Sinn diese später noch einmal zu besuchen, da ihr mit neu gefundenen Fähigkeiten ziemlich sicher auch neue Abschnitte im Level erreichen könnt. Diese sind teilweise mit den Missionen des Levels verknüpft, wenn ihr etwa alle versteckten Schatzkisten finden müsst, wodurch es sich lohnt, erst mal die Story zu spielen und einfach später wieder zum Level zurückzukehren, bevor ihr direkt den „No Hit“-Run jedes Levels versucht. Das Spiel ist dabei in insgesamt 10 Kapitel unterteilt, deren Sub-Kapitel die jeweiligen Levels darstellen.

Seid ihr in Hiros normaler Form unterwegs, könnt ihr springen und seine Fächer dazu verwenden Gegner anzugreifen. Das Kampfsystem ist dabei nicht allzu komplex und bietet euch eine Standard-Attacke, die ihr zu einer kleinen Kombo aneinanderreihen könnt, eine schwere Attacke oder neue Kombos gibt es allerdings nicht. Eure Fächer haben aber auch einen spirituellen Zweck und lassen euch an bestimmten Stellen einen Tanz ausführen, mit dem ihr Hindernisse bzw. Glitches in der Welt aus dem Weg räumen könnt. Während ihr euch als Hiro zu Fuß durch die Papierwelt bewegt, könnt ihr neben dem Sprung, dem Tanz und dem Schlag mit euren Fächern außerdem noch per Knopfdruck eure Gestalt „aufgeben“ und zu einem ungefalteten Blatt Papier werden. In dieser Form schafft ihr es entweder ganz einfach durch enge Räume, die euch sonst verschlossen bleiben würden, habt aber auch die Möglichkeit als Leichtgewicht durch die Luft zu gleiten. Immer wieder findet ihr in den Levels Luftböen, die euch höher hinauftragen, aber auch wenn ihr von höher oben hinunter springt, ist das Gleiten oft ganz praktisch. Mir hat das Platforming in Hirogami richtig viel Spaß gemacht, sobald aber die Fähigkeiten mit in den Mix kamen, war das Spiel noch mal umso spaßiger.

Im Laufe der Story begegnet ihr in Hirogami immer wieder Tieren, deren Fähigkeiten sich Hiro nach einem Kampf aneignen kann. So könnt ihr euch nach und nach in ein Armadillo, einen Frosch und einen Gorilla verwandeln, die jeweils mit eigenen Fähigkeiten punkten können. Als Armadillo verwandet ihr euch in eine Kugel, mit der ihr schnell durch die Levels rollen könnt und mit der ihr, dank Panzerung, auch Gegner angreifen könnt. Seid hier nur vorsichtig: habt ihr einen Gegner erwischt, muss sich Hiro kurz erholen und es dauert, bis ihr wieder eure Angriffsgeschwindigkeit aufgeladen habt. Als Frosch könnt ihr besonders hoch springen und giftige Spucke-Projektile auf Gegner & eure Umwelt schießen und als Gorilla könnt ihr an Lianen schwingen und im Kampf besonders gut austeilen, seid dafür aber nicht so mobil. Jede der Formen wird außerdem im Spielverlauf noch einmal aufgelevelt, das Armadillo kann dann z.B. durch Flammen rollen und diese direkt mitnehmen, was wiederum zur Lösung einiger Rätsel dient. Hier haben die Entwickler*innen eine richtig gute Balance geschaffen, die jede Fähigkeit sowohl im Kampf als auch im restlichen Spiel nützlich macht und ich könnte nur schwer sagen, welche Form mir am besten gefallen hat. Ganz frei von Bugs ist das Spiel leider nicht, wirkliche Blocker habe ich aber nie festgestellt.

Neben diesen drei Tier-Formen, die ihr jederzeit selbst per Knopfdruck in den Levels aktivieren könnt, kann sich Hiro auch mehrmals im Spiel für bestimmte Passagen in einen Vogel verwandeln. Als dieser fliegt ihr durch die jeweiligen Abschnitte, die stark an Panzer Dragoon oder Star Fox erinnern. Nachdem beide Franchises eher tot sind bzw. einfach schon sehr lange kein (guter) Ableger mehr davon erschien, habe ich mich als Fan dieser Art von Rail-Shootern über diese Passagen sehr gefreut, auch wenn sie in ihrer Tiefe natürlich nicht ganz an die großen Vorbilder rankommen. Ihr könnt zwar eure Geschwindigkeit drosseln bzw. erhöhen, Projektile abfeuern und in den Passagen verschiedene Items finden, verschiedene Routen in den Passagen abfliegen und sogar die gute alte Barrel Roll hat ihren Weg in Hirogami gefunden, am Ende wünsche ich mir aber trotzdem ein neues (gutes) Star Fox von Nintendo. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Solange müssen dann einfach Spiele wie Hirogami diese Ideen als kleine Minispiele einbauen, damit zumindest irgendeine Form davon noch existiert.

Was mich an Hirogami aber mit Abstand am meisten begeistert hat, sind nicht die verschiedenen Tierformen und Rail-Shooter-Passagen und auch nicht die teilweise wirklich fordernden Missionen in den einzelnen Levels, sondern ganz klar der Look des Spiels: die Spielwelt, alle Figuren darin und alle Effekte im Spiel sehen so verdammt schön aus, transportieren dabei die Papier-Optik wahnsinnig glaubhaft und der Vibe des Spiels ist dadurch komplett gelungen. Das Studio setzt dabei zusätzlich zu den Texturen viel auf Tiefenschärfe, die in meinen Augen massiv zur Atmosphäre beiträgt und trotzdem ist das Spiel bei mir nie schwer ins Ruckel geraten oder hatte sonstige Performance-Probleme. Gleichzeitig erwartet euch im Spiel ein tolles Sounddesign, das mich mit den verschiedenen Papier-Sounds komplett in seinen Bann gezogen hat. Stellt euch das von der akustischen Befriedigung ungefähr vor wie das Geräusch, wenn ihr in den Lego-Spielen etwas baut, nur eben mit Papier. Untermalt wird das Ganze von einem atmosphärischen Soundtrack, der mit traditionellen japanischen Instrumenten eingespielt wurde.

„Hirogami ist eine wunderschöne Hommage an die uralte japanische Falt-Technik, vergisst dabei aber nicht, dass unterhaltsames Gameplay genau so wichtig für ein gutes Spiel ist, wie hübsche Optik.“

Auf den ersten Blick hat mich Hirogami mit seinem visuellen Design, dem wunderschönen Look und der Papier-Optik gelockt, mich auf den zweiten Blick mit den teilweise wirklich fordernden Missionen, dem spaßigen Gameplay und natürlich den Railshooter-Elementen überzeugen können und am Ende noch mal einen drauf gelegt, als ich dachte, ich hätte jetzt alle Formen von Hiro gesehen, diese dann aber noch einmal aufgelevelt wurden. Als brennende Armadillo-Kugel durch ein Level zu rasen triftt bei mir einfach genau die richtigen Punkte im Herz. Hirogami ist eine wunderschöne Hommage an die uralte japanische Falt-Technik, vergisst dabei aber nicht, dass unterhaltsames Gameplay genau so wichtig für ein gutes Spiel ist, wie hübsche Optik. Beim ersten Durchspielen der Levels musste ich mich immer etwas selbst zurückhalten, nicht zu genau zu sein, da meistens immer eine Mission pro Level hinter Fähigkeiten versteckt ist, die man zu diesem Zeitpunkt noch nicht hat, durch die nicht allzu lange Spiel- und Level-Zeit habe ich mich aber nie geärgert, noch mal in die Passagen zurückgehen zu „müssen“, sondern mich sogar darauf gefreut. Die Story gewinnt keinen Pulitzer-Preis, das ist aber völlig okay und das Spiel läuft technisch absolut flüssig und wirft einem keine extra Hindernisse in den Weg. Wer gerade etwas anderes sucht als das nächste 100-Stunden Monster-Spiel, ist in Hirogami auf jeden Fall sicherlich sehr gut aufgehoben.

4 von 5 Wertung für Hirogami von Bandai Namco Studios Singapore und Kakehashi Games
4 von 5 Armadillos.

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