In meiner Jugend hatte ich ein bisschen Glück im Unglück. Salzburg war nie der größte Hotspot für Videospiele, so generell. Es gab zwar immer wieder mal kleinere Videospiel-Läden, in meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich sogar noch an einen Laden, in dem ich mir selbst Sega Mega Drive-Spiele ausgesucht habe, mit der Zeit mussten aber alle Shops schließen, bis irgendwann nur noch Gamestop übrig war. Den es heute auch nicht mehr gibt. Das muss man jetzt vermutlich schon fast nicht mehr erwähnen, aber auch eine richtige Arcade gab es bei uns in der Form nie. Spielhallen-Klassiker wären mir in der Jugend fast verwehrt geblieben, wäre da nicht MAME gewesen. Auf dem PC meines besten Kumpels war dadurch eine quasi endlose Auswahl an Arcade-Spielen, die wir immer wieder zu zweit an einer Tastatur mit unendlichen Credits gespielt haben. Neben Metal Slug, Bubble Bobble, Sengoku und Mr. Driller waren es da vor allem die Snow Bros., die es uns angetan hatten. Im Coop gemeinsam durch die Screens zu hüpfen und Gegner als Schneebälle durch das Level rollen zu lassen, hat mir unfassbar viel Spaß gemacht und bis heute denke ich gerne an dieses Spiel zurück. Go! Go! Mister Chickums hat dabei in genau diese nostalgische Kerbe geschlagen.
Wie auch in den altbekannten Arcade-Klassikern aus den 80er-Jahren ist die Story in Go! Go! Mister Chickums mehr Mittel zum Zweck als ein eigenständiger Motivator das Spiel weiterzuspielen: der Böse Grabbo hat dem Titelhelden – Donkey Kong lässt grüßen – all seine wertvollen Eier gestohlen und deshalb muss Mr. Chickums losziehen und sich sein Hab und Gut eigenhändig wieder zurückholen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Fritz macht er sich auf und verfolgt Grabbo durch insgesamt 10 Welten bzw. insgesamt 100 Levels. Macht euch also keine großen Sorgen um Lore, Charaktere oder sonstige Narrative, alles was ihr wissen müsst ist: Grabbo böse, Gegner böse, Eier einsammeln. Auch wenn mich sonst klischeehafte Geschichten oder das generelle Fehlen davon eher stören, war das hier tatsächlich gar nicht der Fall. Da sich Go! Go! Mister Chickums mit Ansage in die Arcade-Ecke stellt und dort rückblickend ganz leicht als Automat der 80er durchgehen würde, war es für mich völlig okay, keine Story zu haben, die mich mit Twists und mehr begleitet. Bei den Snow Bros. habe ich auch nie gefragt, weshalb ich hier eigentlich von Screen zu Screen hüpfe.

In jedem der 100 Level müsst ihr innerhalb eines teilweise doch recht knappen Zeitlimits eine Hand voll Eier einsammeln und ins jeweilige Nest zurückbringen. Ihr hüpft über verschiedene Plattformen, sammelt die Eier ein und könnt diese dann gezielt durch die Stage werfen. Wenn sie dabei im Nest landen, sind sie dort sicher und können von euch auch nicht mehr aufgehoben werden, an Wänden und Gegnern prallen sie ab, können aber so mit etwas Geschick noch schneller ins Ziel geschossen werden. Startet ihr ein Level leuchtet eines der Eier in einer anderen Farbe und ihr bekommt Extra-Punkte, wenn ihr dieses zuerst abliefert. Haltet ihr euch danach weiter an die vom Spiel vorgegebene Reihenfolge, erwartet euch am Ende der Stage ein kleines Feuerwerk und ein Haufen Diamanten, die ihr ebenfalls für Extra-Punkte einsammeln könnt. Euer Punktzähler geht in Go! Go! Mister Chickums dabei solange weiter nach oben, bis ihr alle eure Extra-Leben verbraucht habt. Ihr startet jeden Run mit jeweils 3 Versuchen, habt aber beim Game Over immer die Möglichkeit einfach da weiter zu machen, wo ihr gerade wart, nur eben mit leerem Highscore-Counter.
Leben lassen werdet ihr in Go! Go! Mister Chickums vor allem wegen der vielen Gegner, die sich in den Levels tummeln. Jeder Kontakt mit einem Gegner oder Projektil lässt euch dabei direkt ein Herz verlieren und Extra-Leben in den Levels zu finden ist verdammt selten. Wenn ihr also vorhabt von Welt 1 bis Welt 10 ohne Tode durchzukommen, wird das ziemlich sicher schwer werden. Zum Glück könnt ihr euch mit etwas Geschick aber auch wehren: entweder werft ihr wie gesagt ein Ei auf eure Gegner, die dann entweder direkt für eine kurze Zeit vom Screen verschwinden, manche müsst ihr allerdings auch öfter treffen, bis das passiert. Zusätzlich zu den Eiern könnt ihr den Gegnern aber auch einfach auf den Kopf springen, was ebenfalls Schaden verursacht und euch gleichzeitig leicht oder bei gedrückter Sprungtaste sogar recht weit nach oben katapultiert. Passt da aber auf, das hatte für mich auch einige Male kein gutes Ende genommen, weil ich entweder in einen Gegner über mir oder in irgendwas anderes tödliches gesprungen bin. So richtig Ruhe habt ihr aber im Spiel auch nicht, wenn ihr die Gegner besiegt: nach ein paar Sekunden tauchen diese nämlich wieder genau da auf, wo sie ursprünglich gespawned sind.

Auch wenn das Spielprinzip recht simpel klingt und man durch die erste Welt vermutlich relativ leicht durchrauschen wird, nachdem sich mit der Steuerung und den Mechaniken vertraut gemacht hat, wird das Spiel gegen Ende wirklich herausfordernd und ein paar Screens haben mich mehrere Continues gekostet, bevor ich alle Eier abgeliefert habe. Durch Gegner-Platzierungen und den Aufbau der Levels ist es teilweise echt schwer alles im Blick zu behalten und wenn man wie ich alles pro Level einsammeln will, muss man auch echt geschickt beim Platforming sein. Die Levels sind dabei alle recht ähnlich aufgebaut und ähneln Klassikern wie Bubble Bobble oder Snow Bros.: ihr hüpft von unten nach oben auf Plattformen, könnt von diesen auch eine Ebene tiefer und ab und zu gibt es auch Blöcke, durch die ihr nicht durchspringen könnt. Zusätzlich zu den regulären Levels erwartet euch pro Welt jeweils ein Bosskampf gegen Grabbo, diese Passagen hätte man sich aber auch sparen können, da man mit genug Zielwasser und Schnelligkeit jeden Kampf in wenigen Sekunden abschließen kann, bevor man überhaupt sieht, was die eigentliche Mechanik des Kampfes überhaupt sein soll. Lediglich der finale Bosskampf hatte etwas mehr zu bieten.
Die verschiedenen Welten unterscheiden sich nicht nur optisch voneinander, sondern kommen auch jeweils mit ihren eigenen Herausforderungen, Gegner-Typen und Kniffen. Im Winter-Wunderland erwartet euch Eis und damit rutschige Oberflächen und Schneemänner, die mit Schneebällen auf euch schießen, im Tropen-Trubel erwarten euch neben Palmen und Stränden auch Oktopusse, Piratenschiffe und Unterwasser-Passagen und seid ihr im Teuflischen Tempel angekommen, müsst ihr euch gegen fliegende Fledermäuße wehren und Tiki Statuen auf den Kopf springen und diese als bewegliche Plattform nutzen. Besonders viel Spaß hatte ich auf der Sternenstaub-Station, in der die Schwerkraft niedriger ist, als im restlichen Spiel, ich fand aber generell die Auswahl der Welten sehr gut gelungen und hatte immer wieder Spaß mich auf die neue Umgebung einzustellen. Die 10 Levels pro Welt sind für mich auch die perfekte Länge für ein Spiel dieser Art, in der sich die Ideen nicht zu sehr wiederholen und man als Spieler*in immer genug Abwechslung hat.

Ihr könnt Go! Go! Mister Chickums entweder alleine oder jederzeit auch im Couch-Coop mit Spieler*in 2 eurer Wahl spielen. Der Coop-Modus erinnert wie auch der Rest perfekt an die guten alten Arcade-Zeiten und es macht richtig viel Spaß sich gemeinsam abzusprechen, wer wo hin läuft und wer welches Ei einsammelt, führt aber teilweise auch zu sehr viel mehr Chaos am Screen. Zum Glück seid ihr so aber meistens etwas schneller fertig und seht den Sensenmann nicht so häufig, wie evtl. im Singleplayer. Läuft euer Timer ab, verfolgt euch dieser nämlich unaufhaltsam und ihr solltet euch dann umso mehr beeilen, das jeweilige Level zu beenden. Den Arcade- Look simuliert euch das Spiel mit einem CRT-Filter, wobei dieser fest vorgegeben ist und ihr nicht zwischen mehreren Optionen auswählen könnt. Rund um das Bild könnt ihr aber verschiedene Rahmen aktivieren, oder ihr lasst den restlichen Screen einfach schwarz. Der Chiptune Soundtrack von Zane Little passt perfekt zum Spielgeschehen und hat sich teilweise richtig in mein Ohr eingebrannt, während ich durchs Spiel gehüpft bin.
„Go! Go! Mister Chickums hätte in der Form genau so gut in einer Arcade-Halle stehen können und wäre zwischen Spielen wie Bubble Bobble oder Snow Bros. nicht untergegangen.“
Wenn ihr Bock auf eine Zeitreise zurück in die 80- und 90er-Jahre habt, dann seid ihr hier genau richtig: Das Spiel liefert eine präzise Steuerung, motivierendes Gameplay aufgeteilt auf 100 Level und kommt direkt mit dem passenden Couch-Coop-Modus für Spaß zu zweit. Go! Go! Mister Chickums hätte in der Form genau so gut in einer Arcade-Halle stehen können und wäre zwischen Spielen wie Bubble Bobble oder Snow Bros. nicht untergegangen. Das Spiel überfordert euch nicht mit einer komplexen Story und bietet stattdessen pures Gameplay, was für das Genre absolut okay ist und absolut nicht stört. Mit einem Solo-Durchgang durch alle Welten seid ihr locker 4 Stunden oder länger beschäftigt, wie es sich für das Genre gehört, bietet Mister Chickums aber viel Wiederspielwert und wenn ihr es schaffen solltet, durch alle 10 Abschnitte zu kommen, ohne ein Continue zu nutzen, habt ihr meinen größten Respekt. Das deutsche Studio com8com1 Software hat hier nach Bloodshed auf jeden Fall direkt wieder einen Spielspaßgarant abgeliefert und ich bin jetzt schon gespannt, was Marcel Rebenstorf und sein Team als nächstes planen.


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