Der Winter ist für mich immer eine richtig gute Zeit für Indie-Spiele, vor allem wenn sie auf der Switch bzw. ab jetzt für die Switch 2 erscheinen. Wenn es draußen kalt wird kuschelt man sich einfach viel lieber zuhause in eine Decke ein und verbringt den Abend entspannt mit einem Indie Game, als im Sommer, ich mach die Regeln nicht. Und die Switch bietet sich durch die Hybrid-Funktion dafür einfach am besten an. Bereits mit Olija konnten mich Thomas Olsson und Skeleton Crew Studio im Jahr 2021 begeistern und ich habe mich immer wieder positiv an das Spiel zurückerinnert, wenn ich im Internet irgendwo über das Titelbild gestolpert bin. Vor allem an den Pixel-Look, der trotzdem voll mit kleinen Details war und die cleveren Spielmechaniken erinnerte ich mich gerne zurück und als ich dann das erste Mal bewegte Bilder zu Forestrike gesehen habe, war mir direkt klar, von wem das Spiel kommt und, dass ich es auf jeden Fall spielen werde.
Als Kampflehrling Yu begebt ihr euch auf eine Reise durch das ganze Land, um den Kaiser vom Einfluss eines bösen Admirals zu befreien. Während der Story lernt ihr dabei verschiedene Techniken von einem von fünf Kampfmeister*innen und begegnet auf eurem Weg zur Hauptstadt einigen Feinden, die euch am Weiterkommen hindern wollen, darunter auch alte Bekannte eurer Meister*innen. Dabei seid ihr zwar wie in jedem guten Kung-Fu-Film gnadenlos in der Unterzahl, da kommt aber der Twist von Forestrike ins Spiel. Yu besitzt nämlich eine Geheimwaffe, die seine Kampfschule ihm gelehrt hat und die gleichzeitig auch fürs Gameplay wichtig ist: die Voraussicht, eine Meditationstechnik, die es Yu ermöglicht, Kämpfe immer wieder mental durchzuspielen. Das kann er dann so lange machen, bis er eine Bewegungsabfolge findet, die ihm den Sieg sichert. Sollte das einmal nicht klappen und ihr verliert eure HP, startet ihr euren Run einfach von eurer Schule aus von vorne und das so lange, bis ihr den Kaiser gerettet habt. Die Story selbst ist dabei nicht unbedingt tiefgründig, passt aber perfekt zur Inspiration alter Kung-Fu-Filme, an denen man sich hier sehr stark orientiert hat und die Charaktere sind alle gut geschrieben und geben euch im Spielverlauf immer mehr Einblick in ihre Vergangenheit.

Eure Runs sind dabei in vier Gebiete unterteilt, die sich nicht nur optisch voneinander unterscheiden, sondern euch auch jeweils einen eigenen Boss am Ende davon gegenüberstellen. Wie viele Kämpfe ihr davor bestreitet, ist einerseits Zufall, je nachdem wie eure Route zusammengewürfelt wird, ihr habt aber andererseits immer die Möglichkeit auf der Übersichtskarte Abzweigungen zu nehmen, die euch unterschiedliche Belohnungen geben. Das könnt ihr euch in etwa so vorstellen wie in Slay the Spire. Ihr seht also von Beginn an wie viele Pfade es gibt und könnt dann auf eurem Weg entscheiden, wo lang ihr gehen wollt und welche Belohnungen ihr dadurch mitnehmen wollt. So erhaltet ihr entweder mehr Geld, das ihr in Shops für Heil-Items oder Skills eintauschen könnt, lernt neue Moves von den verschiedenen Meister*innen, die euch im Kampf stärker machen bzw. könnt ausgerüstete Moves in Master-Challenges aufwerten oder trefft auf NPCs, die euch eventuell später noch mal nützlich sein könnten. Am Ende läuft es aber immer darauf hinaus, dass ihr ein paar Banditen, Stadtwachen oder sonstigen Bösewichten aufs Maul hauen müsst.
Die Kämpfe selbst bestreitet ihr dabei in Echtzeit und ähnlich wie in Sifu seid ihr hier keine Kampfmaschine, die alles und jeden ganz easy in den Boden stampfen kann, sondern ein zwar mit Kampftechniken ausgestatteter, aber trotzdem verwundbarer Mensch, der sich in Acht nehmen muss, nicht selbst zu viel einzustecken. Pro Run startet ihr zu Beginn mit 3 HP-Einheiten, wobei jeder Schlag mindestens eine davon abzieht. Manche Gegner machen mit aufgeladenen Angriffen sogar direkt 2 Schaden. Um euch im Kampf zu schützen, könnt ihr je nachdem welchen Pfad bzw. Meister*in ihr zu Beginn wählt, verschiedene Moves anwenden: jede*r davon repräsentiert eine andere Kampfkunstschule und während ihr zu Beginn nur die Leaf School von Meister Talgun zur Verfügung habt, mit der ihr die Attacken von Gegnern umleiten könnt, lernt ihr später auch Angriffe ganz abzublocken oder ihnen geschickt auszuweichen. Meinen ersten kompletten Playthrough habe ich mit der Storm School von Meisterin Onya geschafft, die euch die Fähigkeit gibt durch Gegner zu dashen und diese danach von hinten anzugreifen, ich fand aber alle Kampfstile spaßig und hatte bei keinem das Gefühl, dass ich schwächer gewesen wäre, als bei anderen. Insgesamt könnt ihr den Stil von 5 Meister*innen erlernen.

Jede Stage bzw. jeder Kampf ist im Spiel dabei relativ gleich aufgebaut und findet in einem statischen Screen statt, auf dem ihr euch von links nach rechts bewegen könnt, genauso wie eure Gegner. In diesem Abschnitt könnt ihr euch frei bewegen und seht schon bevor der Kampf startet, wo sich eure Gegner zu Beginn befinden. Je weiter ihr spielt, desto häufiger gibt es Gefahren in den Kämpfen wie von oben herunterfallendes Geröll oder Boden der unter euch zusammenbricht, wenn ihr zu lange darauf stehen bleibt. Gleichzeitig findet ihr aber auch immer wieder Gegenstände, die ihr als Schlag- bzw. Wurf-Waffen verwenden oder damit Schaden abblocken könnt. Während eurer Kämpfe in Forestrike bekommt ihr hin und wieder außerdem Bonusaufgaben, die euch mit einem Haufen Geld oder sogar einem Lotus-Blütenblatt belohnen, wenn ihr diese Bedingungen erfüllt. Setzt ihr mit mehreren dieser Blütenblatter eine ganze Blüte zusammen, könnt ihr Yu wiederbeleben, wenn ein Kampf mal nicht ganz so läuft, wie ihr euch das gewünscht habt. Die Bonus-Aufgaben klingen im ersten Moment immer relativ simpel, können aber ganz schön fordernd sein, vor allem, wenn eure Gegner nicht so mitspielen, wie ihr das gerne hättet. Aber das könnt ihr ja zum Glück schon vorab herausfinden.
Der namensgebende Forestrike kann nämlich von euch vor jedem Kampf so oft verwendet werden, wie ihr wollt und nimmt dem Spiel dabei einiges an Schwierigkeit. Auf Knopfdruck wechselt ihr vom eigentlichen Kampf in Yus Gedankenwelt, in der dieser den Kampf ohne Konsequenzen für euch durchspielt bzw. könnt ihr hier aktiv den anstehenden Kampf vorab schon selbst spielen, ohne euch vor Konsequenzen fürchten zu müssen. Im Idealfall findet ihr so einen Weg, wie ihr keinen Schaden nehmt und man sollte meinen, dass das Spiel dadurch viel zu einfach wird. Am Ende gibt es aber doch immer wieder Kämpfe, die trotz mehrfachem Üben nicht so laufen, wie die 10 Male davor, wenn es dann drauf ankommt. Hier war ich aber sehr positiv davon überrascht, wie verlässlich die Gegner waren. Auch wenn ich einen Kampf wirklich oft neu gestartet habe, haben alle den Kampf immer genau gleich begonnen und haben nicht plötzlich ihr Verhalten direkt geändert. So kann man die Moves der Gegner sehr gut antizipieren und sich eine Taktik zurecht legen, die im Idealfall dann genau so im richtigen Kampf funktioniert. Und wenn ihr euch das Spiel noch schwerer machen wollt, könnt ihr auf die Fähigkeit auch einfach verzichten oder euch ein Limit setzen, wie oft ihr sie einsetzen wollt. Ich fand die Idee jedenfalls sehr gut und hatte richtig viel Spaß dabei mir vor den Kämpfen die bestmögliche Taktik zu überlegen und bin trotzdem immer wieder in die Situation gekommen, improvisieren zu müssen.

Wie auch schon Olija und davor Backslash hat auch Forestrike wieder einen ganz besonderen Pixel-Artstyle, der einerseits auf viele Details verzichtet, wie etwa Gesichter der Figuren, gleichzeitig aber voll mit kleinen Details ist. In Dialogen gibt es außerdem immer wieder gezeichnete Portraits der Charaktere, die mir richtig gut gefallen haben und die diesen noch mehr Tiefe verleihen. Eines meiner liebsten Details im Spiel waren die Hüte bzw. generell Kopfbedeckungen, die man Gegner*innen vom Kopf schlagen und mit dem richtigen Timing selbst aufsetzen kann. Habt ihr diese eingesammelt, könnt ihr sie Yu im Kloster, das gleichzeitig euer Hub ist, in dem ihr mehr über die anderen Figuren erfahrt, vor den Runs schon aufsetzen. Forestrike lief bei mir während der Kämpfe und dem Gameplay grundsätzlich flüssig, ich hatte auf der Switch 2 nur wirklich viele Crashes, die teilweise in wirklich ungünstigen Situationen passiert sind. An einer Stelle musste ich deshalb von der beendeten zweiten Phase eines Bosskampfes noch mal zurück in die erste Phase, in der ich dann natürlich gestorben bin und so meinen ganzen Run verloren habe, der eigentlich schon weiter war. Ich hoffe, dass das noch gepatched wird, denn so kam leider immer wieder unnötig Frust auf. Seine Framerate hält das Spiel aber während der Kämpfe konstant und wären die Crashes nicht gewesen, hätte ich technisch nichts zu meckern.
„Forestrike eröffnet durch seine Zukunfts-Mechanik quasi ein Roguelike im Roguelite und hat es geschafft, mich damit nicht nur zu begeistern, sondern noch weiter zu motivieren.“
Spiele, in denen man immer wieder das Gleiche macht, um ans Ziel zu kommen und sich dabei allerhöchstens andere Skills zulegen oder seinen Charakter minimal verbessern kann, während der Großteil des Spiels randomisiert jedes Mal eine neue Herausforderung darstellt, faszinieren mich einerseits komplett, andererseits haben sie es verdammt schwer bei mir, da mich nur wenige so richtig überzeugen können. Forestrike eröffnet durch seine Zukunfts-Mechanik quasi ein Roguelike im Roguelite und hat es geschafft, mich damit nicht nur zu begeistern, sondern noch weiter zu motivieren. Die Möglichkeit vor den Kämpfen einen Testlauf machen zu können – so oft man das möchte – ist zwar freundlich für Spieler*innen, bietet aber trotzdem keine Garantie auf den Sieg und lässt die Kämpfe auf keinen Fall trivial werden. Die verschiedenen Kampfskills haben mir viel Spaß gemacht beim Ausprobieren, haben die Kämpfe auch nicht unmaßgeblich beeinflusst und es hat sich genau die richtige „Ein Run noch“-Mentalität ergeben, die das Genre für mich so besonders macht. Leider ist das Spiel auf der Switch 2 immer wieder abgestürzt, was zu unnötigem Frust geführt hat und evtl. hat man etwas zu schnell „alles“ gesehen, was es im Spiel gibt. Mit den 4 Gebieten und 5 Kampfstilen ist der Umfang doch etwas gering, Spaß hatte ich aber trotzdem und für 10€ ist das immer noch Jammern auf sehr hohem Niveau.


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