Titelbild zu Esoteric Ebb von Christoffer Bodegård und Raw Fury

Esoteric Ebb

Wenn man als Cleric von den Toten aufersteht, gibt es nur eine Mission: Bei den Wahlen helfen. Oder so. Nachdem der Trailer zu Esoteric Ebb schon bei einigen Events für Aufsehen gesorgt hat (zumindest ThreeTwoPlay-intern), ist es nun endlich so weit und wir können uns selbst als der BESTE(?) Cleric der Welt ins Getümmel stürzen … oder als eher weniger guter nicht-Cleric an allen Quests vorbeilaufen.

Dieses „isometrische Disco-ähnliche TTRPG-turned-CRPG” von Developer Christoffer Bodegård und Publisher Raw Fury führt uns in die Welt von „The Esoteric Coast”, einem auf DnD basierenden Universum aus der Feder von Christoffer Bodegård selbst. In diesem Setting, treffend beschrieben als „Post-Arcanepunk Weird Fantasy”, stehen in der Stadt Norvik zum allerersten Mal Wahlen an – und wie Wahlen nun mal so sind, bemühen sich einige Parteien mit mehr oder weniger vertretbaren Mitteln um Stimmen. Im Eifer dieses Machtkampfes fliegt plötzlich ein Teeladen in die Luft und hinterlässt einerseits viel Schutt und Asche und andererseits Fragen. Und genau da kommen wir ins Spiel.

Frisch aus dem Leichentuch gepellt liegt es an uns, dem Cleric, den Vorfall im Teeladen zu untersuchen. Nun, vielleicht sind wir auch ein Rogue? Vielleicht auch der gottgleiche neue Herrscher von Norvik?? Wer weiß das schon. Was wir auf jeden Fall wissen, ist, dass wir uns zusammen mit unserem Goblin-Kumpel Snell auf die Suche nach Hinweisen zum Teeladen machen und nebenbei so ziemlich alles, was einen Puls hat, fragen, WEM sie in den Wahlen ihre Stimme geben werden.

Diese Reise führt uns durch 30 Areas mit 50 einzigartigen Charakteren, 15 Quests und über 40 versteckten Aufgaben. Das sind beeindruckende Zahlen, aber das volle Ausmaß wird einem erst im Laufe des Spiels selbst bewusst. Spätestens wenn man auf den ersten paar Metern mit sehr viel Lore konfrontiert wird, wünscht man sich ein gut gefülltes Wiki herbei, um Aussagen wie „[Name] stammt aus [Stadt] und wird in [andere Stadt] wegen Mordes an [anderer Name] gesucht, den er im Jahre [XX] nach [Ereignis] begangen hat, als er den [Gegenstandsbezeichnung] von [Gottheit] aus dem Tempel von [noch mal andere Stadt] gestohlen hat” zu verstehen. Genau das scheint den Entwicklern durchaus bewusst zu sein: Das offizielle Wiki zum Spiel ist zwar zum jetzigen Zeitpunkt noch recht leer, aber wird sich nach dem Launch hoffentlich schnell füllen. Das in-game Wiki ist durchaus eine gute Stütze, aber liefert uns natürlich nur Informationen, die wir realistisch betrachtet im Spiel haben würden.

Die Story von Esoteric Ebb ist voller Rätsel und Fragen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht wie solche wirken. Vor allem bei einigen Fraktionen, aber auch bei einzelnen Charakteren scheint es unzählige Facetten zu geben, die ein einfaches Einordnen in „Gut” und „Böse” oft schwierig gestalten. Auch wenn der Start dank der weitreichenden Lore zugegebenermaßen etwas abschreckend sein kann, bekommt man, nachdem man mit einigen Charakteren gesprochen hat, recht schnell ein Gefühl für die Welt und ihre Bewohner*innen. Langeweile entsteht dadurch nicht, denn mit fortschreitender Spielzeit wird die Story selbst komplexer und man driftet langsam aber sicher in den Strudel (Für Sie getestet!).

Das Spiel basiert auf DnD, also dreht sich alles um Stats und Würfel. So weit kennt man das Spielprinzip bzw. die digitale Umsetzung davon aus Spielen wie Planescape: Torment und Disco Elysium, die hier als Inspiration fungiert haben. Für diejenigen, die mit diesem Gameplay-Stil weniger vertraut sind: Die Story und Interaktionen von Esoteric Ebb wird bzw. werden hauptsächlich im Text-Adventure-Stil erzählt. Der innere Monolog und auch jegliche Lore, gesprochene Dialoge und Kampfinteraktionen werden als Texte angezeigt. Die Charaktere in der eigentlichen Spielwelt zeigen meistens nur grobe physische Reaktionen – wenn man z. B. beim vierten Versuch immer noch den DC versemmelt und beim Öffnen einer einfachen Holzkiste so extrem versagt, dass man in Ohnmacht fällt (Leider auch für Sie getestet!).

In Esoteric Ebb liefern die sechs Fähigkeiten des Clerics als „Chimes” den inneren Monolog – z. B. kriegen sich Strength und Wisdom gerne mal in die Haare und wir erfahren je nach Stat-Wert, wie man Situationen lösen kann, oder was die potenziellen Ausgänge sein könnten. Das Ganze ist verpackt in eine Menge Humor und Sarkasmus und gibt dem Spiel an sich ein Gefühl von charmanter Selbstironie.

Das Disco Elysium-eske Gameplay von Esoteric Ebb liefert die nackte Leinwand für einen recht farbenfrohen 2D-Grafikstil, der sich ein wenig anfühlt wie ein interaktiver Comic und nicht selten eine interessante Grätsche zwischen Stil und Inhalt erzeugt. Die Handlung führt uns auch in düsterere Gebiete, die unter anderem durch die musikalische Untermalung sehr stimmungs- und eindrucksvoll wirken. Und eindrucksvoll sind auch die Illustrationen für die unterschiedlichen Chimes, die dem Ganzen einen leicht psychedelischen Beigeschmack geben – was Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass sie den inneren Monolog, ergo die Psyche, des Clerics darstellen.

„Ein so storylastiges Spiel spoilerfrei zu empfehlen ist immer irgendwie ein Ding der Unmöglichkeit – deshalb kurz und knapp: Visuals cool. Musik toll. Story wild. Es ist gut. Trust me.“

Kurz gesagt: Ich habe wenig Schlechtes über Esoteric Ebb zu sagen. Einzig die Navigation in den unterschiedlichen Gebieten bzw. das Navigieren von einem Gebiet in ein anderes fällt mir auch nach vielen Stunden Spielzeit immer noch schwer. Ob das an meiner eigenen Dummheit oder der statischen Kartenansicht liegt, kann ich leider nicht beantworten – vielleicht beides? Beim Thema UI findet sich auch mein zweiter kleiner Kritikpunkt: Der Questing Tree. Hier sind die Quests des Spiels als miteinander verbundene Icons dargestellt – ähnlich wie in einem Skilltree. Er dient als einzige Übersicht über die Quests und ist zwar visuell ansprechend aber meiner Meinung nach in der Anwendung etwas holprig. Vielleicht würde hier eine alternative Anzeigeeinstellung Abhilfe schaffen. Ein so storylastiges Spiel spoilerfrei zu empfehlen ist immer irgendwie ein Ding der Unmöglichkeit – deshalb kurz und knapp: Visuals cool. Musik toll. Story wild. Es ist gut. Trust me.

4,5 von 5 Wertung für Esoteric Ebb von Christoffer Bodegård und Raw Fury
4,5 von 5 Ratten.

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