Es gibt Spiele, die drücken so sehr alle meine Knöpfe, dass es fast schon gruselig ist. Wenn sie dann noch gefühlt aus dem Nichts kommen und mich völlig überraschen, ist das für mich selbst natürlich umso schöner. Als auf der gamescom Opening Night Live der erste Trailer von Denshattack! gezeigt wurde, wurden nicht nur meine Augen groß und alle Freund*innen um mich herum, haben sich direkt zu mir gedreht, es war auch eines der Spiele, für die ich mich auf der Tokyo Game Show 2025 extra angestellt habe, weil ich unbedingt die Demo noch einmal spielen wollte. Also ja, man könnte sagen, ich habe mich auf den Release von Denshattack! gefreut. Aber mit großer Erwartungshaltung kommt große Verantwortung, wie Onkel Ben schon sagte.
So bunt das Spiel auf den ersten Moment erscheint, so düster fängt gleichzeitig die Story an: Superreiche haben sich in einer vom Klimawandel zerstörten Welt riesige Kuppeln gebaut, die sie vor den Bedingungen der Außenwelt abschirmen. Außerhalb dieser Kuppeln leben allerdings weiter Menschen, die versucht haben sich selbst wieder Lebensräume aufzubauen und die Rebellion „Denshattack“ trägt mit ihren Zügen (im Japanischen heißt Zug „Densha“) illegale Untergrund-Duelle auf den verlassenen Eisenbahn-Schienen Japans aus, um sich die Vorherrschaft in bestimmten Präfekturen zu sichern und gleichzeitig dem Megakonzern Mido ans Bein zu pissen. Ihr stolpert als Ramen-Lieferantin Emi in diesen Konflikt und findet euch schnell inmitten dieses Konflikts wieder.

Im Tutorial wirkt Denshattack! dabei noch recht simpel: euer Zug fährt nach einem Knopfdruck von selbst über die Schienen und ihr müsst nur in engen Kurven selbstständig bremsen, um nicht aus der Strecke zu fliegen. Mit dem richtigen Timing, ähnlich wie in Gears of War beim Nachladen, bekommt ihr dabei einen kleinen Boost. An bestimmten Knotenpunkten der Strecke könnt ihr euren Zug mit dem linken Stick in eine bestimmte Richtung lehnen, um eine Abzweigung zu nehmen und mit der rechten hinteren Schultertaste ladet ihr euren Sprung auf. Führt ihr den aus, könnt ihr entweder Hinternissen ausweichen, die Bahn wechseln oder aber auch in der Luft verschiedene Tricks ausführen.
Das funktioniert ähnlich wie in der Skate-Reihe: euer rechter Stick kontrolliert dabei aber nicht das Skateboard, sondern einen Zug. Same same but different. Betätigt ihr euren Stick einfach nach rechts oder links führt euer Zug eine Rolle aus, mit komplexeren Bewegungsmustern führt ihr auch komplexere Tricks aus, die euch auch mehr Punkte bringen. Während ihr zu Beginn Tricks noch nicht in einer Kombo aneinanderreihen könnt, lernt ihr das im Verlauf des ersten Kapitels: drückt ihr beim Landen den linken Stick entweder nach vorne oder hinten, führt euer Zug einen Manual aus und eure Kombo bleibt bestehen. Den Manual müsst ihr dabei nicht balancieren wie etwa in Tony Hawk’s Pro Skater, nach einer bestimmten Zeit setzt euer Zug aber automatisch ab und euer Kombo-Multiplikator endet.

Je länger ihr spielt, desto mehr zusätzliche Moves lernt euch Denshattack! und gefühlt kommt immer wieder etwas neues hinzu. Anfangs hatte ich noch Sorge, dass sich der Witz des Skate-Zuges evtl. schneller auserzählt hat, als mir lieb wäre, das Spiel hat mich da aber immer wieder an der Hand genommen und mich durch eine neue Tür voller wundervoller Mechaniken geführt. Ihr grindet in späteren Levels über Rails, auf denen ihr die Balance haltet, um die Punkte hochzutreiben oder auch da Tricks ausführt, ihr lernt einen Wallride, den ihr nutzt, um auch ohne Boden unter den Rädern über die Level zu rasen oder verlasst in Tunneln einfach direkt die Schienen und dreht Loopings an der Wand. Ich wurde hier immer wieder genau dann mit neuen Moves überrascht, wenn ich mich gerade wieder wohl gefühlt hatte, mit dem bisher gelernten. Die Lernkurve im Spiel ist da wirklich perfekt abgestimmt.
Zusätzlich zu den verschiedenen Moves kommen aber auch immer mehr Level-Kategorien auf euch zu. Während die ersten Strecken ein „simples“ von A nach B fahren sind, während ihr versucht möglichst viele Punkte zu holen, kommen später noch einige andere Aufgaben auf euch zu: es gibt bestimmte Levels, in denen ihr mehrere Pfade befahren müsst, um unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen. Erst, wenn ihr alle davon erledigt habt, könnt ihr selbstständig durch Bremsen das Level beenden. Andere Levels lassen euch in einem Zeitfenster von 2 Minuten möglichst viele Punkte sammeln, wobei ihr hier auch in die Verlängerung gehen könnt, solange eure Kombo noch läuft. Zusätzlich dürft ihr euch später u.a. noch in Rennen beweisen, versteckte Onsen-Spots finden, eigene Magazine basteln oder auch Burgen besuchen.

Während ihr in den Onsen-Spots optionale Gespräche mit Emi und ihren Freund*innen erlebt, könnt ihr euch in den Burgen jeweils um euren Zug kümmern: zu Beginn könnt ihr nur Sticker für euren Zug kaufen, den ihr in einer von 3 Farbkombinationen anstreichen dürft, im weiteren Spielverlauf könnt ihr aber auch neue Züge kaufen, die mit besonderen Vor- und Nachteilen kommen. Der erste neue Zug, den ihr erhaltet, führt etwa Tricks in der Luft schneller aus, kann aber wesentlich kürzer im Manual bleiben, als andere Züge. Neue Züge kauft ihr mit Zahnrädern, die ihr in den Levels direkt einsammelt. Findet ihr in den verschiedenen Levels außerdem die versteckte Filmrolle, könnt ihr ein eigenes Magazin pro Gebiet erstellen, mit mehr Infos zur Welt und Artworks zu Charakteren und mehr.
Am Ende jedes Kapitels wartet in Denshattack! außerdem ein Boss-Encounter auf euch und ich hätte nicht gedacht, dass Boss-Fights so viel Spaß machen können, obwohl man sich nur auf Schienen bzw. in den Limitationen des Spiels bewegt. Der erste Kampf lässt euch etwa gegen einen riesigen Gundam antreten, der sich aus mehreren Zügen der Gyaru-Gang des Gebiets zusammensetzt. Ihr weicht gegnerischen Attacken aus, schlagt mit Tricks und eurem Stampf-Move zurück und fliegt am Ende sogar auf einer raketenbetriebenen Faust durch das Level, um in einem epischen Finale dem Riesen-Roboter aufs Maul zu hauen. Die Inszenierung dieser Kämpfe ist so stylish und gleichzeitig smart gelöst im Gameplay, dass ich mich in jedem neuen Gebiet schon auf den Boss gefreut habe.

Style ist aber generell ein Punkt, den man bei Denshattack! nicht außer Acht lassen darf. Zum Glück geht dieser hier nicht over Substance und wird von einer gelungenen Gameplay-Basis unterlegt, aber es ist wirklich absurd wie gut das gesamte Spiel inszeniert ist und wie gut es dem Indie-Studio Undercoders aus Barcelona gelungen ist, so viele absurde Ideen optisch so perfekt ins Spiel einzubauen. Tricks werden jeweils mit unterschiedlichen Farben rund um euren Zug hinterlegt, es legen sich verschiedene Effekte über den Screen je nach Situation und in den Levels und der Welt insgesamt stecken so viele Easter Eggs und Referenzen – die man durch die hohe Geschwindigkeit bestimmt nicht alle direkt sieht – während man trotzdem zu (fast) jedem Zeitpunkt schnell genug auf das Geschehen reagieren kann.
Besonders bunt wird es, wenn ihr eure Special-Leiste gefüllt habt, die ihr mit genug Punkten freischaltet. Ist diese voll erscheinen im Level zusätzliche Regenbogen-Schienen, Rails und Elemente, die ihr in eure Pfade und Tricks mit einbauen könnt und auch solltet, da diese oft auch zu optionalen Bereichen führen, in denen etwa Filmrollen, Spraydosen oder Zahnräder versteckt sind. Insgesamt hatte ich aber weder optisch noch in den Mechaniken des Spiels das Gefühl überfordert zu werden. Denshattack! macht einen verdammt guten Job darin euch alles Stück für Stück beizubringen und die unterschiedlichen Effekte und Elemente sind leicht erkennbar, auch wenn die Geschwindigkeit des Spiels teilweise wirklich hoch werden kann.

Noch viel mehr beeindruckt hat mich neben der visuellen Präsentation und der gleichzeitig rasanten Geschwindigkeit des Spiels allerdings, wie problemfrei sich Denshattack! spielt. Die Steuerung des Zuges klappt perfekt und hat mich nie unnötig frustriert, nur in ein paar wenigen Situationen waren es nicht meine eigenen Fehler-Inputs, die mich ins Aus geschossen haben, negativ ins Gewicht fiel das aber überhaupt nicht und kam auch wirklich nur selten vor. Die Story wird euch für wichtige Events in vertonten Videosequenzen – in entweder Englischer oder Japanischer Sprachausgabe – präsentiert, während der Rest in Textboxen abläuft und gleichzeitig feuert euch das Spiel einen unfassbaren Soundtrack um die Ohren von u.a. Tee Lopes, Ryo Nagamatsu, Richard Jacques und Takenobu Mitsuyoshi. Also quasi die Avengers für krasse Soundtracks für Spiele dieser Art.
// Denshattack! ist die perfekte Kombination aus Spielen wie Jet Set Radio, Tony Hawk’s Pro Skater oder Skate und dabei gleichzeitig so stylish, bunt und schnell, dass man oft nur schwer alles direkt greifen kann, was gerade passiert. //
Was im ersten Moment von Absurdität befeuerte Neugier bei mir ausgelöst hat, hat sich schnell als eines der unterhaltsamsten Spiele entpuppt, die ich dieses Jahr gespielt habe: Denshattack! ist die perfekte Kombination aus Spielen wie Jet Set Radio, Tony Hawk’s Pro Skater oder Skate und dabei gleichzeitig so stylish, bunt und schnell, dass man oft nur schwer alles direkt greifen kann, was gerade passiert. Das Spiel lässt euch durch neue Mechaniken, Missions-Strukturen und Gameplay-Elemente nie richtig aufatmen und vor allem, wenn ihr in den verschiedenen Levels die Gold-Medaillen holen und auf die Jagd nach Highscores gehen wollt, warten hier endlos viele Stunden Spaß auf euch. Spielspaß steht hier absolut an erster Stelle und gleichzeitig ist der Soundtrack perfekt auf das Spiel und den Look zugeschnitten. Pro Jahr gibt es dieses eine Spiel, das ich als mein emotionales Game of the Year küre, auch wenn ich weiß, dass es im Mainstream vermutlich in keiner Liste auftauchen wird, das mich aber so begeistert, dass ich noch lange darüber nachdenken werde. 2026 heißt dieses Spiel Denshattack!.


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