Puh, endlich habe ich Zeit, um hier endlich ausführlich über Clair Obscur: Expedition 33 zu schreiben. Nachdem die letzten Wochen komplett vom Website-Relaunch in Beschlag genommen wurden, habe ich die restliche Freizeit dazu genutzt mich u.a. durch die surreal-düstere Welt von Lumière zu kämpfen. Schon als das Spiel beim Xbox Showcase 2024 das erste Mal der Öffentlichkeit gezeigt wurde, war ich extrem neugierig darauf, aber auch immer noch etwas skeptisch. Ein rundenbasiertes RPG mit realistischem Look und gleichzeitig sehr erwachsenem bzw. düsterem Design gab es schon relativ lange nicht mehr und dann kommt da gefühlt aus dem Nichts ein komplett neues Studio und will genau damit punkten und dass, während manche da draußen – looking at you Square Enix – das Genre teilweise schon abgeschrieben hatten. Und so gut der Ersteindruck war, so groß war auch immer die Sorge, dass uns hier ein okayer Titel erwartet, der aber eventuell an den sich selbst gesteckten Zielen als Erstlingswerk scheitert. Nichtsdestotrotz habe ich mich aber voller Freude direkt zu Release auf ins Abenteuer gemacht.
Das Spiel wirft euch in eine Welt, die bereits voll im Gange ist und in der ihr als Spieler*in euch erst mal zurecht finden müsst. Am Tag der Gommage müsst ihr euch als Gustave von eurer Ex-Freundin Sophie verabschieden, wisst aber selbst gar nicht so genau warum. Relativ bald stellt sich allerdings heraus, dass Sophie nicht etwa eine Reise antritt oder zu einem Abenteuer aufbricht: „Gommage“ bedeutet auf Französisch nämlich so viel wie Auslöschen und genau das passiert an diesem Tag mit allen Personen auf der Insel Lumière, die 33 Jahre alt sind. Die Malerin, eine riesige Göttin, die man am Horizont erkennen kann, führt diese Prozedur bereits seit 67 Jahren durch und jedes Jahr wird der Counter auf ihrem Monolith um 1 Jahr weiter herabgesetzt. Jedes Jahr macht sich außerdem eine neue Expedition auf, um die Gommage zu stoppen – wie ihr eventuell schon erschlossen habt, war das bisher eher von mäßigem Erfolg gekrönt. Gustave, der nun auch nur noch ein Jahr zu leben hätte, macht sich also gemeinsam mit weiteren Verdammten auf, um die Malerin aufzuhalten und so startet eure Reise durch die insgesamt 3 Hauptkapitel der Story, die euch, ohne Nebenmissionen oder optionalem Content, knapp 30 Stunden beschäftigen wird.

Starten wir direkt einmal mit dem dem Elefant im Gemälde: Clair Obscur bringt rundenbasierte Kämpfe in realistischer Optik quasi im Alleingang zurück ins RPG-Genre und tut das mit einer gefühlten Leichtigkeit, die fast schon frech ist. Ihr kämpft mit maximal 3 Personen in eurer aktiven Party und das ganz klassisch – ihr wählt eine Attacke oder einen Zauber aus, die sich je nach Klasse der Figur unterscheiden und habt bei gegnerischen Angriffen die Möglichkeit in Echtzeit entweder auszuweichen oder mit perfektem Timing zu parieren. Das Timing dabei kann anfangs etwas tricky wirken, vor allem weil die Gegner Attacken oft leicht antäuschen. Am besten macht ihr euch anfangs durch dodgen mit dem Moveset der Gegner vertraut oder ihr geht den harten Weg und versucht direkt zu parieren, was durch bestimmte Audio-Hinweise teilweise auch möglich ist. Auf Mana-Werte müsst ihr im Spiel nicht achten, alle eure Aktionen werden durch gesammelte Aktionspunkte oder AP ausgeführt, wobei stärkere Attacken natürlich mehr AP kosten als schwächere. Auffüllen könnt ihr diese entweder durch eure Standard-Attacken oder mit den richtigen Skills auch durch ausweichen. Zusätzlich habt ihr die Möglichkeit eure AP für eine Fernkampf-Attacke bzw. einen Schuss davon einzutauschen, um etwa Schwachpunkte der Gegner direkt anzuzielen. Ihr merkt schon, ein bisschen Persona 5, ein bisschen Mario RPG und schon hat man das perfekte rundenbasierte Kampfsystem.
Die Klassen der Charaktere lassen sich in Clair Obscur nicht durch Jobwechsel frei verteilen oder tauschen, sondern sind fest vom Spiel vorgegeben. Jede Figur verfügt dabei über einen Skilltree, in dem ihr nach und nach neue Fähigkeiten freischalten könnt. Hier müsst ihr später auch darauf acht geben, dass nur jeweils 6 Spezial-Moves gleichzeitig aktiv sein können. Habt ihr also irgendwann mehr, müsst ihr euch überlegen, welche Attacken ihr wirklich braucht für eure Kampfstrategie und welche ihr eher nicht benötigt. Ich habe mich z.B. relativ schnell auf ein Team festgelegt und in diesem Team auch eine Strategie verfolgt, die mich bis zum Ende sehr gut durchgebracht hat: Magierin Lune hat mit ihren Schüssen und einem Zauber die Gegner direkt zu Beginn in Brand gesteckt, Fechterin Maelle konnte daraufhin in ihre angriffstarke Haltung wechseln, während Beschwörer Monoco die Party danach gebufft und schon ordentlich Schaden gemacht hat. Es hat sich aber mittlerweile schon herausgestellt, dass es da draußen sehr viele Builds gibt und einige davon auch richtig overpowered sind. Wenn ihr also mit den Kämpfen oder eurem Party-Setup Schwierigkeiten habt, könnt ihr in diversen Guides schon ausreichend Hilfe finden. Ich fand die Kämpfe aber persönlich nie unfair oder unnötig schwer, vor allem nicht, wenn man viel Zeit in der Welt verbringt, immer wieder mal seine Waffen verbessert und auch so gut es geht optionale Kämpfe und Quests mitnimmt.

Eine weitere Option, wie ihr eure Figuren bzw. deren Perks aufbessern könnt sind die sogenannten Pictos, die ihr in der Welt findet. Stellt euch die am besten wie Talismane oder Accessoires aus, die abseits eurer aktiven Fähigkeiten und Waffen ausgerüstet werden. Habt ihr ein Picto mehrere Kämpfe lang getragen, erhaltet ihr dessen Lumina, also die eigentliche Fähigkeit und habt dann die Möglichkeit all euren Charakteren die entsprechenden Perks separat auszurüsten, auch wenn sie das Picto nicht tragen. Jede ausgerüstete Fähigkeit, die nicht als Picto getragen wird, verbraucht dabei eine bestimmte Zahl an Energiepunkten, von denen euch nur begrenzt viele zur Verfügung stehen. Diese könnt ihr allerdings mit den richtigen Items in eurem Camp bei einem NPC auch für einzelne Charaktere erhöhen, wodurch ihr eure aktive Party ordentlich aufpowern könnt. Clair Obscur: Expedition 33 bietet mit seinen diversen Klassen, Pictos & Luminas und Skilltrees wirklich einiges an Möglichkeiten sich seine perfekte Party selbst zu basteln und so überfordernd das vielleicht auf den ersten Blick wirkt – man kann sich als Spieler*in dieses Wissen wirklich sehr gut und schnell aneignen und das Spiel verzeiht es einem auch, wenn man mal ein paar Gebiete lang vergisst, dass man ja eigentlich noch Material hat, um Waffen und Lumina Points zu verbessern.
Ein weiterer Aspekt, der Clair Obscur für mich zu einer magischen RPG-Erfahrung gemacht hat, ist die Art und Weise, wie es mit seiner Welt und euch als Spieler*in umgeht. Die einzelnen Abschnitte sind meistens relativ linear und bieten nur hin und wieder kleinere Umwege zur Erkundung, wo ihr zusätzliche Items oder manchmal auch Challenges finden könnt. Diese Abschnitte erreicht ihr über eine World Map, die mich sofort an Klassiker wie Dragon Quest oder klassische Final Fantasy-Teile erinnert hat, dabei aber trotzdem nicht altbacken oder abgekupfert wirkt. Ihr läuft über diese World Map nämlich aus einer herausgezoomten Ansicht, während alles um euch herum leicht geschrumpft ist, um das Reisen von A nach B nicht unnötig langzuziehen. Orte, die ihr erkunden könnt sind dabei immer mit einem Lichtstrudel markiert und später bekommt ihr auch die Möglichkeit ein, nennen wir es einfach mal „Gefährt“ zu nutzen, das euch im weiteren Spielverlauf auch über Wasser und durch die Luft bringen kann. Seid ihr auf der Weltkarte unterwegs gibt es in diesen Lichtstrudeln bzw. Abschnitten wirklich sehr viel zu entdecken und einige der optionalen Gebiete waren teilweise mit meine größten Highlights des gesamten Spiels. Die Gestral-Strände, auf denen ihr verschiedene Minispiele absolviert, sind allesamt unfassbar gut und einige der forderndsten Kämpfe sind auch nicht Teil der Hauptroute.

Auf der Weltkarte selbst steht euch dabei eine Map zur Verfügung, mit der ihr euch leichter zurechtfinden könnt, in den einzelnen Gebieten gibt es allerdings keine Möglichkeit auf eine (Mini-)Map zurückzugreifen. Hier müsst ihr also ganz genau eure Augen offen halten bzw. euren Orientierungssinn spielen lassen. Und das lohnt sich eigentlich fast immer, denn in jedem Gebiet findet ihr dabei zusätzliche Items, Challenges oder auch teilweise Collectibles, die euch mehr über die Welt und deren Geschichte(n) erzählen. Während manche die Entscheidung der fehlenden Gebiets-Maps kritisieren oder auch behaupten es wäre bewusst passiert, um zu kaschieren, dass die Gebiete sehr linear bzw. schlauchartig aufgebaut sind, habe ich diese Entscheidung sehr gefeiert und mich dadurch noch lieber durch die Welt bewegt. Ich bin übrigens auch immer noch der Meinung, dass Final Fantasy XIII heute sehr viel höher angesehen werden würde, wenn die Minimap dort nicht die ganze Zeit 25% des Bildschirms ausgemacht hätte.
Das Worldbuilding von Clair Obscur: Expedition 33 und vor allem wie euch Sandfall Interactive immer weiter in diese Welt hineinzieht ist dabei auch eine Meisterleistung. Auch wenn ihr relativ unbescholten ins Spiel kommt und relativ schnell Dinge passieren, die euch im ersten Moment sicher überfordern, weil die Charaktere sehr viel mehr wissen, als ihr, kommt einerseits bald der Punkt, an dem außerhalb der Grundprämisse auch eure Figuren ahnungslos sind und ihr mit ihnen wachsen könnt, andererseits schafft es das Spiel eine immer intensivere Nähe zwischen den verschiedenen Charakteren aufzubauen. Für mich ist es sowieso mit einer der wichtigsten Faktoren eines guten RPGs ob ich die Party mag bzw. ob diese im Spielverlauf für mich merkbar zusammenwächst und man als Spieler*in dieses Gruppengefühl nachvollziehen kann. Und was soll ich sagen? Clair Obscur macht das absolut perfekt, ich habe die Truppe ausnahmslos ins Herz geschlossen und bei der ein oder anderen emotionalen Szene, egal ob gut oder schlecht, komplett mit ihnen mitgefühlt. Ich finde vor allem modernere RPGs verrennen sich hier oft im Versuch eine möglichst bombastische Story mit absurden Twists und viel Action zu erzählen, anstatt sich einfach auf die Ursprünge zu berufen und zu versuchen den Spieler*innen die eigene Party näher zu bringen.

Dass ich die Truppe rund um Maelle, Lune & Co. so sehr ins Herz geschlossen habe, liegt aber auch an der fantastischen Synchro-Arbeit, die Jennifer English, Charlie Cox, Ben Starr, Kirsty Rider und der restliche Cast geleistet haben. Die Stimmen passen unfassbar gut zu den Figuren und man merkt, dass hier Profis am Werk waren. Aber nicht nur die stimmlichen Performances der Charaktere ist mehr als Musik für die Ohren, auch der eigentliche Soundtrack ist unfassbar gut und hat es sehr schnell mit mehreren Songs in meine private Playlist geschafft. Was Komponist Lorien Testard hier abgeliefert hat, sucht seinesgleichen und deckt eine wahnsinnige Breite an unterschiedlichen Stimmungen ab. Und dann sieht das Spiel auch noch fantastisch aus! Eine meiner ersten Sorgen war ja, dass der optisch mehr als eindrucksvolle Look eventuell nur blenden soll, während das restliche Spiel nur okay ist. Nachdem ich aber festgestellt habe, dass sich das Spiel wahnsinnig gut spielt, die Mechaniken ausgeklügelt sind und der Soundtrack ins Ohr geht, konnte ich schlussendlich ganz beruhigt durch die wunderschön designte Welt spazieren, das durchdachte UI und vor allem die Charakter- und einzigartigen Gegner-Designs bewundern.
„Clair Obscur: Expedition 33 ist vermutlich nicht nur eines der besten Spiele 2025, sondern eines der besten RPGs der letzten Jahre.“
Schon 2024 hat Atlus mit Metaphor: ReFantazio gezeigt, dass Totgeglaubte definitiv länger leben und man vielleicht noch einmal darüber nachdenken sollte, ob rundenbasierte RPGs nicht vielleicht doch mehr Spieler*innen ansprechen, als die Marketingabteilungen es einem weismachen möchten. Und jetzt hat ein recht überschaubares französisches Team bewiesen, dass das definitiv der Fall ist. Clair Obscur: Expedition 33 ist vermutlich nicht nur eines der besten Spiele 2025, sondern eines der besten RPGs der letzten Jahre. Die rundenbasierten Kämpfe mit Echtzeit-Elementen funktionieren hervorragend, die Fähigkeiten und Perks geben Spieler*innen wahnsinnig viel Entscheidungsmöglichkeiten, wie man seine Party zusammenstellen möchte und die Geschichte hat mich die komplette Spielzeit über gespannt vor den Bildschirm gefesselt. Gleichzeitig gewinnen die Charaktere, auch abseits vom Writing, durch die grandiose Synchro an Glaubhaftigkeit und der Soundtrack tut sein Übriges, um euch in die zauberhafte Welt von Lumière zu ziehen und vermutlich nicht so schnell wieder loszulassen. Für mich hat sich diese Reise auf jeden Fall mehr als gelohnt und ich kann euch nur allerwärmstens empfehlen auch mal einen Blick zu riskieren. Und wenn ihr durch seid, denkt dran, das Spiel auch euren Freund*innen ans Herz zu legen. For those who come after.


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