Titelbild zu 007 First Light von IO Interactive

007 First Light

Vermutlich fing meine Reise mit James Bond in der Videospiel-Welt an, wie bei so vielen, die in den 90er-Jahren groß geworden sind. GoldenEye 007 auf dem Nintendo 64 hat mir unzählige Stunden Spielspaß beschert und gleichzeitig Multiplayer-Sessions auf ein neues Level gehoben. Auf dem GameCube habe ich mit GoldenEye: Rogue Agent noch eine etwas speziellere Abzweigung genommen, die damals nicht unbedingt gut ankam, mit der ich persönlich aber auch eine richtig gute Zeit hatte. Abseits davon gingen die meisten 007-Spiele, die meist Lizenz-Titel zu den Filmen waren, relativ spurlos an mir vorüber. Zumindest bis auf einmal IO Interactive auf den Plan trat und ein komplett eigenständiges Spiel ankündigte, das mich wie schon sehr lange nicht mehr für den Doppelnull-Agenten begeistern konnte.

007 First Light beruft sich dabei auf keinen Film oder vorhandenen Bond-Protagonisten, sondern kommt mit eigener Geschichte und eigenen Schauspieler*innen, was natürlich einerseits ein Risiko darstellt, andererseits dem dänischen Studio etliche Freiheiten gibt. Das Intro des Spiels beginnt mit einem sehr jungen James Bond, der als Navy-Mitglied durch einen missglückten Einsatz in Island stolpert und dabei Bekanntschaft mit dem Geheimdienst MI6 macht. Bond beeindruckt den britischen Geheimdienst dabei so sehr, dass deren Chefin M ihn direkt danach für das 00-Programm rekrutiert und nach Malta schickt, um dort gemeinsam mit anderen Rekrut*innen das Training zu absolvieren. Die Geschichte bzw. die folgenden Einsätze verteilen sich auf insgesamt 10 Story-Kapitel, die ihr – je nach Gründlichkeit – in ca. 10 bis 15 Stunden Spielzeit abgeschlossen haben solltet.

Ihr übernehmt die Kontrolle über den jungen MI6-Agenten aus der 3rd Person und man merkt von Anfang an, dass IO Interactive hier die gesammelte Erfahrung der letzten Jahre Hitman perfekt ausspielen kann und gleichzeitig James Bond als Figur perfekt verstanden hat. In den einzelnen Kapiteln bzw. Missionen schickt euch das Spiel meist an in sich geschlossene Schauplätze, in denen ihr für jeden eurer Aufträge verschiedene Lösungswege finden könnt, um euer Missionsziel zu erreichen. Das Spiel ist dabei offen genug, um euch genügend Freiheiten zu lassen, gleichzeitig aber auch linear genug, damit ihr euch nicht in Kleinigkeiten verliert, die am Ende eventuell zu keiner richtigen Lösung führen. Am stärksten liefert First Light auch genau in diesen Missionen ab, in denen ihr mehr Freiheit, weniger Zeitdruck und keinen Action-Zwang habt, sondern euer eigenes Ding machen könnt.

Schon auf der gamescom 2025 wurde uns eine Mission gezeigt, in der ihr euch in ein Hotel in den Bergen der Slowakei schleusen müsst. Als Fahrer verkleidet lässt euch das Sicherheits-Personal allerdings nicht einfach so reinspazieren, also müsst ihr kreativ werden: ihr könnt entweder Wachen durch eine Sprenkler-Anlage ablenken und euch eine Schlüsselkarte klauen, einen Laubhaufen als Ablenkung anzünden und so über einen Vorsprung durch ein Fenster klettern oder einen versteckten Presseausweis finden und als Journalist einfach durch den Vordereingang spazieren. Im Hotel angekommen, geht das genau so weiter und diese Momente im Spiel waren ganz klar mein Highlight. Es birgt eine ganz besondere Faszination zu wissen, dass man gerade zwar einen Weg gefunden hat, es aber eventuell noch 5 andere Möglichkeiten gegeben hätte, ans gleiche Ziel zu kommen.

Ihr seid aber nicht komplett auf euch und euren Ideenreichtum alleine gestellt: vor (fast) jeder Mission dürft ihr euch im Q-Lab ein Inventar aus verschiedenen Gadgets zusammenstellen, wobei ihr von mehreren verfügbaren Optionen zusätzlich zu eurer Q Watch, mit der ihr Terminals und andere elektronische Geräte hacken könnt, maximal zwei weitere Gegenstände mitnehmen könnt. Dazu zählen etwa Blendgranaten-Earbuds, ein Armband mit integriertem Laser oder ein Smartphone, mit dem ihr kleine Pfeile abschießen könnt. Um eure Gadgets während der Mission aufzuladen, sammelt ihr Strom- oder Chemikalien-Ressourcen in der Spielwelt ein. Mit eurer Uhr könnt ihr außerdem zusätzlich noch eure Umgebung scannen und so Feinde oder Kameras auch durch Wände hindurch sehen.

Die bekannte Lizenz zum Töten erhaltet ihr in 007 First Light nicht in jeder Mission und auch nicht direkt. Auch wenn ihr Feinden Waffen abnehmen könnt, dürft ihr diese erst einsetzen, wenn ihr keine andere Wahl mehr habt. Zumindest wird euch das im Tutorial so erklärt. In der Realität bedeutet das, dass ihr schießen dürft, sobald ihr entdeckt werdet und vor allem im späteren Spielverlauf gibt es einige Action-Sequenzen, bei denen das Secret im Service nicht mehr allzu ernst genommen wird. Diese Passagen haben mich persönlich nicht ganz so abgeholt, wie die offeneren Spion-Abschnitte, das Deckungs- und Kampfsystem funktioniert aber sehr gut und hat mir vor allem durch die Dynamik sehr viel Spaß gemacht: ist eure Waffe leer, könnt ihr sie eurem Gegenüber einfach an den Kopf werfen, hebt neue Waffen einfach und schnell vom Boden auf und die Abschnitte sind durch sehr viel Bewegung und Deckungswechsel geprägt.

Die Gegner-KI ist dabei auf dem normalen Schwierigkeitsgrad nicht immer die Hellste, es gab aber trotzdem auch Situationen, in denen ich ertappt wurde. Solltet ihr in einem eigentlich abgesperrten Bereich von Wachen erwischt werden, ist eure Mission aber nicht direkt gescheitert: ihr könnt entweder versuchen zu bluffen und euch eine Ausrede einfallen zu lassen, warum ihr hier sein dürft bzw. die Wache abzulenken und im richtigen Moment auszuschalten. Verschiedene Gegner-Typen reagieren allerdings auch unterschiedlich auf eure Ausflüchte und bei manchen könnt ihr gar nicht erst bluffen. Großteils ist das Schleichen aber nicht schwer und vor allem in den offeneren Bereichen könnt ihr fast schon zu leicht und schnell an Wachposten vorbei, indem ihr einfach einen Staubsauger anmacht und eine Sekunde später an der abgelenkten Wache vorbei huscht.

Wie es sich für das James Bond-Franchise gehört, erwarten euch auch in 007 First Light zusätzlich zu den Schleich-Passagen, Schusswechseln und Spionage-Abschnitten natürlich auch actionreichere Passagen und Verfolgungsjagden mit (vorwiegend teuren) Autos. Direkt in der ersten größeren Mission rast ihr mit einem Aston Martin hinter einem Ziel her, später dürft ihr mit einem Land-Rover Defender durch die Wüste fahren und das sind bei weitem nicht alle Auto-Marken, die ihr im Spiel findet. Aber auch abseits der Autos gibt es immer wieder Abschnitte, in denen ihr euch etwa durch ein Flugzeug kämpft und andere wilde Dinge macht und obwohl ich eigentlich nicht der größte Fan von stark gescripteten Abschnitten in Videospielen bin, passen sie hier einfach wie die Faust aufs Auge und gehören für mich einfach zum Franchise dazu. IO Interactive hat definitiv verstanden, was James Bond ausmacht.

Die verschiedenen Ortswechsel der Missionen geben der Story dabei nicht nur Tragweite und Größe, sondern lassen auch visuell nie Langeweile aufkommen. Die verschiedenen Locations – ob nun in der Slowakei, Mauretanien oder den anderen Locations – sehen allesamt fantastisch aus, strotzen vor Details und bieten durch das in sich geschlossene Design auch die Möglichkeit in Zukunft wie bei Hitman weitere Locations bzw. Missionen nachzuliefern. In den kommenden Monaten folgen dann hoffentlich auch ein paar Patches, das Spiel lief nämlich selbst auf der PS5 Pro nicht immer ganz rund und ich musste mehrmals neu starten, um bestimmte Trigger-Punkte auszulösen, die vorher nicht aktiviert wurden. Das Spiel hat außerdem immer wieder die Verbindung zum Server verloren und mich dabei oft bei Sequenzen unterbrochen, in denen ich inmitten der Action war. Ansonsten lief das Spiel aber flüssig, sieht unglaublich gut aus und auch das Sounddesign und die Synchro sind wahnsinnig gut inszeniert.

// 007 First Light erzählt eine authentische und gleichzeitig spielerisch mehr als unterhaltsame Origin-Story des MI6 Agenten, das sich die besten Ideen aus der Hitman-Reihe schnappt und diese mit Franchise-typischen Elementen perfektioniert. //

Während die Welt seit über 5 Jahren spekuliert, wer denn nun der nächste James Bond-Darsteller sein wird und wie es mit dem Film-Franchise nach Daniel Craig weitergeht, hat IO Interactive die Gunst der Stunde genutzt und zumindest auf Videospiel-Ebene das Franchise wiederbelebt: 007 First Light erzählt eine authentische und gleichzeitig spielerisch mehr als unterhaltsame Origin-Story des MI6 Agenten, das sich die besten Ideen aus der Hitman-Reihe schnappt und diese mit Franchise-typischen Elementen perfektioniert. Am besten hat das für mich in den offeneren Missionen funktioniert, aber auch die Schusswechsel, Verfolgungsjagden und explosionsüberladenen Action-Sequenzen gehören absolut zu James Bond dazu und haben mir sehr viel Spaß gemacht. An manchen Stellen hätte das Spiel technisch noch etwas mehr Feinschliff vertragen, ich hoffe aber, dass wir in Zukunft noch sehr viel mehr von dieser James Bond-Version sehen werden, IO Interactive hat mit First Light auf jeden Fall abgeliefert.

4 von 5 Wertung für 007 First Light von IO Interactive
4 von 5 Dart Phones.

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